Gegründet 1947 Donnerstag, 3. Dezember 2020, Nr. 283
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Reisereportage

Dalmatinischer Sommer

Zu Gast auf der Halbinsel Peljesac. Gelebte Freundschaft zwischen den Völkern unter der Sonne Kroatiens
Von Steffen Bayer
imago0065434049h.jpg
Ruhe genießen auf der Fähre zwischen Ploce und Trpanj (13.8.2015)

Obgleich das Interesse der Mitteleuropäer nach dem Ersten Weltkrieg an Dalmatien nicht sonderlich groß war, kamen doch vor allem Deutsche gern an die südkroatische Küste. Unter ihnen auch der Dichter Friedrich Georg Jünger. Über seinen Aufenthalt 1932 in der Inselkleinstadt Orebic schrieb er die romantische Kurzgeschichte »Dalmatinische Nacht«. Sein Gastgeber, der Weinbauer Alexandar, wird ihm ein Freund; über ihn erhält Jünger Zugang zu Land und Leuten. Nach einer Wanderung kehrt er zu seiner Unterkunft zurück und trifft auf Alexandar: »Trinken wir heute Abend?« ruft der ihm fröhlich mit blitzenden Augen zu. »Wann trinken wir denn nicht?« antwortet ihm Jünger. »Ich will mich erst waschen, dann wollen wir essen und trinken.«

Trefflicher kann man auch ein knappes Jahrhundert später das Urlaubsfeeling bei und mit kroatischen Freunden nicht beschreiben. In rund dreißig Jahren hat sich eine kleine internationale Community etabliert, die sich jährlich in unterschiedlicher Zusammensetzung hier trifft: ein Fotograf aus Budapest, der als Teenager die Konterrevolution 1956 in seiner Stadt dokumentierte, eine ungarische Tanzpädagogin, ein ehemaliger Stabsoffizier der Roten Armee und letzter Chefdolmetscher bis 1993 im brandenburgischen Wünsdorf, ein Jurist der Verwaltung der katholischen Kirche Polens, eine Bosnierin, die vor 50 Jahren nach Kanada auswanderte und seit fast zwanzig Jahren in den Sommermonaten in Orebic ein Jugendhotel betreibt, und natürlich der Autor mit vielen »hergeschleppten« Freunden. Unsere Gastgeber über all die Jahre sind mit uns älter geworden: Ivo, der Kapitän i. R., und Andrea, Managerin im örtlichen Tourismusverein und Ortschronistin.

August 2020: Späte Ankunft im hochsommerlichen Orebic. Ivo kommt gerade vom Schnorcheln zurück und bringt uns zur Begrüßung und für das erste Abendessen ein Dutzend Oktopusse aus »unserer« Badebucht – handgefangen und schon ausgenommen. Erster Smalltalk: Corona ist kein Thema auf der Insel, und die, die seit Jahrzehnten kommen, sind auch 2020 wieder da. Alles wie immer: willkommen zu Hause bei Freunden.

Wein und Salz

Etwa auf halbem Weg zwischen Split und Dubrovnik liegt die knapp 70 Kilometer lange und sieben Kilometer breite Halbinsel Peljesac. Geprägt ist die Insel von einer Bergkette, die Teil des Dinarischen Gebirges ist. Höchste Erhebung ist der Sveti Ilija mit 961 Metern über dem ­Meeresspiegel, Verwaltungszentrum ist das an seinem Fuße gelegene Orebic mit reichlich 4.000 Einwohnern. Bekannt ist die Insel vor allem bei Weinkennern wegen der hier aus der autochthonen Rebe Plavac Mali gekelterten Rotweine Dingac und Postup.

Wenige Kilometer vor der Landverbindung zum Festland befindet sich in Mali Ston die älteste Saline des Mittelmeerraumes. Hier wird seit der Antike ohne Unterbrechung auf natürliche Weise Meersalz gewonnen. Für die Republik Ragusa – später Dubrovnik – war dieses Salz die Haupteinnahmequelle und Unterpfand des Reichtums und der Unabhängigkeit des Stadtstaats. Zur Sicherung vor fremdem Zugriff wurde im 14. Jahrhundert eine Befestigungsanlage errichtet, die noch heute in großen Teilen erhalten ist. Die Gesamtanlage gilt als längste Festungsmauer Europas. In der angrenzenden Bucht befindet sich die größte Muschelzucht der Adria.

Unterschiedlichen Quellen zufolge wurde Peljesac bereits vor 6.000 bis 8.000 Jahren besiedelt. Ein paar hundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung kamen die Illyrer, später die Thraker und schließlich die Griechen. Obwohl diesen Völkern der Weinbau bereits bekannt war, trieben ihn die Römer zur Perfektion. Nach Ansiedlung der Kroaten in dieser Region entwickelten sich dazu Olivenanbau und Fischerei zu den bestimmenden Wirtschaftszweigen. Ab dem 16. Jahrhundert siedelten sich in Orebic Seefahrer und Kapitäne an; ihre Schiffe waren tragender Bestandteil der Flotte Dubrovniks.

Die Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert war dem wachsenden Warenumschlag zwischen dem Osmanischen Reich und den Häfen Westeuropas zu verdanken. Unter den damals 500 Einwohnern lebten 250 Kapitäne im Ort. Zwischen 1865 und 1887 etablierte sich in Orebic die »Maritime Gesellschaft Peljesac«, die 33 Groß- und Lastensegler ihr eigen nannte. Im Rahmen einer Reise zu seinen Untertanen kam Kaiser Franz Joseph 1875 nach Dalmatien und weihte in Orebic die erste Werft ein. Der weltweite Umstieg auf die Dampfschiffahrt wurde Ende des 19. Jahrhunderts jedoch verschlafen, und Orebic lief Gefahr, auf den Status eines Fischerdörfchens zurückzufallen.

imago0094164709h.jpg
Vom Rost sind Katzenhaie eine Delikatesse. So sehen ihre Zähne aus

Zum Glück nahte Anfang des 20. Jahrhunderts ein neuer Industriezweig: der Tourismus. Einen verhaltenen Beginn kann man den Zahlen des Tourismusbüros entnehmen: 1928 waren es 260 Fremde, zehn Jahre später bereits 1.881. Und Friedrich Georg Jünger war einer von ihnen. Unter Tito öffnete sich das Land in den 1960er Jahren für Reisende, und Peljesac wurde zum Urlaubermagneten.

Erholung und Arbeit

Gegenüber der nördlichen Inselseite befindet sich auf dem Festland die Makarska Riviera, eines der seit jener Zeit angesagtesten Ferienzentren. Bis zur Übernahme der DDR verlebten jährlich auch ein paar tausend Bürger des untergegangenen Landes dort ihren Urlaub. Diese waren bei den Tourismus- und Hotelmanagern eindeutig die beliebteren – als die Brüder und Schwestern aus dem Ruhrgebiet, die hier in den 80ern das Konzept des Ballermann-Tourismus erfanden.

Wochenlang nur am Strand liegen und schwimmen hält unsere Haut nicht durch. Da alle Mitglieder der Community in »Diktaturen« sozialisiert wurden, erinnern sie sich an die geniale sozialistische Einrichtung der »Lager für Erholung und Arbeit« für die Jugend. Wir haben das Prinzip angeglichen: vor dem Frühstück ein Travarica (ein mit Kräutern angesetzter hochprozentiger Traubentrester) zu frisch gepflückten Wildfeigen. Dazu der Newscheck auf den jeweiligen Heimatkanälen, danach Diskussion darüber, was die »politischen Eliten« wieder für einen Blödsinn abgelassen haben. Einhellige Meinung: »Wer wählt eigentlich diese Flachzangen? Zur Freundschaft zwischen den Völkern, so wie wir sie leben, tragen sie auf keinen Fall bei.«

Natürlich helfen wir unseren Freunden bei der Weinlese, der Olivenernte oder beim Putzen der Fische. Schließlich müssen wir ihre Einladungen zu den in den Dörfern nach der Ernte stattfindenden Weinfesten legitimieren können. Weinbauer Mato kommentiert die Sache augenzwinkernd so: »In unserer globalisierten Welt holt ihr euch zum Erdbeerpflücken Polen und Rumänen; wir leisten uns dafür euch Deutsche!«

Die Weinfeste haben jahrtausendelange Tradition. Die Reben werden in Kisten zusammengestellt, danach pflücken Alt und Jung die Beeren in große Kübel. Den Jungfrauen werden die Füße gewaschen, eine Band spielt auf, und bei eingängigem Adriasound treten die Mädchen den Most aus. Für die Erwachsenen gibt es den Wein vom Vorjahr zur Qualitätsabstimmung. Dazu Schinken, Käse und Fisch ohne Ende. Der Most wird vom Dorfpopen gesegnet; die Feier geht mit Gesang und Tanz bis in den nächsten Tag.

Am folgenden Morgen weckt uns Ivo: Er hat einen Fünf-Kilogramm-Katzenhai aus der Adria gezogen. Vom Rost eine Delikatesse!

Ein weiteres Highlight ist das jährliche Erntedankfest Mala Gospa am 8. September. In einer kleinen Kirche auf dem Hochplateau über Orebic findet seit Jahrhunderten die Messe statt, danach zieht das Volk zum nahegelegenen Festplatz. Noch vor einigen Jahrzehnten war dieses Fest auch Heiratsmarkt; die Mütter führten hier ihre erwachsen werdenden Töchter vor. Männer, die sich daran noch erinnern können, heute weit über die achtzig, kommen auch heute in das den westlichen Teil der Halbinsel einnehmende Gebiet Nakovana. Schwarze Hose, glänzende Lackschuhe und weißes Hemd – so wagen sie ein Tänzchen und sind für diesen Abend wieder jung. Auf dem großen Grill brutzeln über den Abend 15 bis 20 Lämmer, die Frauen reichen Brot und Kuchen, die Fischer in Öl ausgebackene Sardinen. Zum Tanz spielt eine einheimische Band; mit steigendem Weingenuss löst sich der Paartanz in die typischen Reigentänze auf. Das letzte Lied der Nacht hat folgenden Refrain: »Dovidenja i ne placi – auf Wiedersehen und weine nicht!« Und doch heulen alle.

imago0050474486fh.jpg
Balkone eines Hotels in Makarska. Die Riviera der Stadt ist eines der angesagtesten Ferienzentren

Noch einmal zurück zu Jünger: Auf seinen Spuren wagten wir vor einem Vierteljahrhundert den Aufstieg zum Sveti Ilija. Eine gute Stunde vor Erreichen des Gipfels überraschte uns ein starkes Gewitter; wir mussten zurück. Völlig durchnässt und vor Kälte zitternd, erreichten wir ein Gehöft, an der Stelle, an der der Schriftsteller seine Unterkunft bei Alexandar verortet. Eine junge Kroatin gab uns trockene Kleidung und Decken, heizte den Kamin an und brachte Schinken, Käse und Wein. Noch immer verbindet uns eine Freundschaft mit der heutigen Chefin der Konoba »Panorama«. Die Kreation ihres Mannes Darko – Carpaccio aus frischem Seeteufel mit Trüffeln – ist der kulinarische Höhepunkt unseres jährlichen Besuches. Das Restaurant liegt oberhalb des Franziskanerklosters über dem Kanal von Peljesac mit einem grandiosen Blick auf die gegenüberliegende Insel Korcula und einem noch grandioseren Sonnenuntergang.

Klasse statt Masse

Orebic wirkt nicht nur beschaulich, es ist beschaulich. Der Ort ist maßgeblich durch den Hafen und die dazugehörige Wasserstraße geprägt. Mehr als 30 prunkvolle Kapitänshäuser zeugen von der großen Seefahrergeschichte. Da ihre Eigentümer und deren Familien teilweise im Ausland leben oder im Staub der Geschichte verschwanden, stehen einige leer, andere wurden zu Ferienhäusern und -wohnungen umgebaut. Auch unser Domizil hat etwa 500 Jahre »auf dem Buckel«; es war einmal das Lager des Zollamtes der Republik Ragusa. Der vor der Haustür liegende Kanal von Peljesac war die Grenze zur Republik Venedig – über Jahrhunderte lieferten sich hier die Kontrahenten erbitterte Seeschlachten. Die Traditionen und das Andenken an die namhaften Kapitänsfamilien werden durch ein mit großer Liebe und Engagement gestaltetes Seefahrtsmuseum wachgehalten.

Auf die Anfänge des Tourismus wurde bereits eingegangen; eine rasante Entwicklung erfuhr die Branche in der Tito-Ära. Große Hotels wurden gebaut, Ferienheime der Gewerkschaft, von politischen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen entstanden. Auf dem Küstenstreifen wurden weitläufige Campingplätze geschaffen, die Infrastruktur platzte aus den Nähten. Mit dem Zustrom der Gäste erfuhr auch die Gastronomie einen nie dagewesenen Aufschwung.

Das böse Erwachen kam in den 90er Jahren durch den Ausbruch der postjugoslawischen Kriege. Auch auf Peljesac forderten die brutalen Auseinandersetzungen zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Zwangsläufig blieben die Touristen aus; die Infrastruktur kollabierte. Bei all dem unermesslichen Leid, der Verwüstung und Zerstörung – der Adria tat die Zwangspause gut: Die Wasserqualität verbesserte sich spürbar, es kamen Fischarten zurück, die als ausgestorben galten. Klar – wenn über Jahrzehnte hinweg weit über zehn Millionen eingeölte Touristen jährlich plötzlich dem Ökosystem Adria abhanden kommen.

Vor ein paar Jahren kam Ivo emotional berührt vom Schnorcheln zurück: Er hatte eine Meeresschildkröte getroffen. Die letzte hatte er als Sechsjähriger in »seiner« Bucht gesehen. Ende der 90er waren die ersten Touristen – zunächst verhalten – zurückgekehrt. Zugleich fand bei den Verantwortlichen ein Umdenken statt. Man wollte weg vom Massentourismus hin zu einem »Qualitätstourismus«, zu mehr Individualität. Die Überlegungen gingen landesweit nur bedingt auf. In der Stadt Hvar auf der gleichnamigen Insel und in einigen anderen »angesagten Locations« an der Küste traf sich in den vergangenen Jahren die Generation »Ballermann« – sehr zum Verdruss der Einheimischen und ihrer langjährigen Gäste. Glücklicherweise schob das Coronavirus dem Treiben in diesem Jahr einen Riegel vor.

Auf Peljesac erkrankten im Frühsommer nach Auskunft unserer Freunde drei Personen an Covid-19. Bemerkenswert ist die Disziplin der Insulaner: Sowohl in Geschäften und Supermärkten als auch auf den Fähren und in Bussen haben wir keine Einheimischen ohne Maske getroffen. Der pandemiebedingte Rückgang der Besucherzahlen liegt laut Tourismusbüro Orebic bei circa 50 Prozent, für Kroatien insgesamt werden 59 Prozent genannt.

Zum Ende unserer Urlaubstage kaufen wir bei Ante noch Olivenöl für das kommende Jahr. Da die Olivenbauern und Mühlenbetreiber keinen Zugang zu Erdöl haben, ist das Öl von der Insel rein. Aus Oliven. Punkt.

Tschüs, Orebic, bis zum nächsten Jahr. Dovidenja i ne placi !

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wegen ihrer klaren Positionierung beim Kampf für eine lebenswerte, von Ausbeutung befreite Welt. Sie verdeutlicht, dass nur in vereinten Kämpfen Erfolge errungen werden können!« – Andre Koletzki, Geprüfter Meister für Bäderbetriebe, Berlin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Ähnliche:

  • Kroatiens Premier Andrej Plenkovic vor der Kathedrale von Zagreb...
    22.05.2020

    Vor der Krise an die Urne

    Kroatien soll am 5. Juli ein neues Parlament wählen. Regierung will sich in beginnender Rezession Mehrheit sichern

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage

Die neue jW-Serie: »Wohnen im Haifischbecken«. Ab 5. Dezember am Kiosk!