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Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Bombenordnung

Von Arnold Schölzel
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Am 24. Oktober 1945 trat die UN-Charta in Kraft, und am Sitz der Vereinten Nationen wird an diesem Wochenende gefeiert. Der Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung (SZ), Stefan Kornelius, nimmt das zum Anlass, am Freitag den Zustand der Organisation zu kommentieren. Überschrift in der Druckausgabe: »Die Unverzagten«, im Internet: »Unverzagt und dennoch höchst gefährdet«. Dort heißt es in einer Unterzeile, ob die UN die Zukunft überleben werde, »entscheidet ihr Gründungsmitglied USA durch die Wahl seines Präsidenten«.

Das deutet auf wenig Überraschendes. In bundesdeutschen Großmedien herrscht seit jeher Unzufriedenheit mit der im Geist der Antihitlerkoalition gegründeten Organisation. Bei aller Schwäche und Instrumentalisierung: Sie steht unter Verdacht, Krieg verhindern zu können, also Kapitalinteressen in die Quere zu kommen. Kornelius formuliert das nicht so, sondern kommt gewissermaßen durch die Hintertür. Die UN hätten mit den Weltproblemen zu kämpfen, »die über das Überleben dieser Spezies entscheiden«: Klima, Versorgungssicherheit, Regelbrüche, Kriegsdrohungen sowie »Wanderungsbewegungen mit ihren Folgeerscheinungen wie Krieg und Radikalisierung«. Da staunt der Laie. Ursache und Wirkung waren bei den größten Wanderungsbewegungen der vergangenen drei Jahrzehnte Kriege der USA und ihrer Gefolgschaft in den »Koalitionen der Willigen«. Länder wie Polen, Ungarn, die baltischen Republiken, Dänemark und Norwegen hatten sich danach gedrängt, z. B. 2003 im Irak-Krieg dabei zu sein. Als sich Flüchtlinge von dort aufmachten, waren insbesondere diese Länder es, die die Aufnahme verwehrten.

Kornelius bereitet mit dieser Vertauschung von Ursache und Wirkung die Revision der gesamten Nachkriegsgeschichte vor. Er zitiert, was der damalige US-Präsident Harry S. Truman 1945 zur UN-Gründung gesagt hatte: »Wir selbst müssen uns die Lizenz verweigern, immer zu tun, was wir wollen.« Das, so Kornelius, sei »ein geradezu seherischer Satz, der von einem Ordnungsverständnis für die Welt zeugte, wie es 1945 gerade gewachsen war und wie es fast 75 Jahre lang von den meisten US-Präsidenten geteilt wurde.« Demnach ließ Truman die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki werfen, indem er nicht tat, was er wollte, begann Dwight Eisenhower den Koreakrieg, war John F. Kennedy gezügelt, als er den US-Vietnamkrieg startete, ließ Lyndon Johnson den Tonking-»Zwischenfall« inszenieren und Richard Nixon aus demselben Grund Kambodscha bombardieren, Ronald Reagan Grenada, George Bush senior den Irak, erfanden William und Hillary Clinton »humanitäre Interventionen«, überzog George W. Bush Afghanistan und den Irak mit Zerstörung, praktizierte Barack Obama tausendfach illegale Tötungen und zeichnet sich Donald Trump dadurch aus, dass er über die nichts mehr veröffentlichen lässt. Im übrigen hat der amtierende Präsident entgegen seinen Ankündigungen kaum US-Truppen abgezogen, dafür die Kriegsgefahr im Nahen und Mittleren Osten erhöht. Die USA sind wahrhaft eine Ordnungsmacht. Laut Kornelius haben die Werkzeuge »Demokratie und Recht« sie »groß und stark« gemacht. Bisher nahm die Welt an, es seien die Hauptprodukte der USA – »Atombomben und Corned Beef«, so einst der Schriftsteller Arno Schmidt –, die diese »Ordnung« herbeiführten.

Nun fürchtet Kornelius nur noch eine zweite Trump-Amtszeit und China, das an »einer parallelen Ordnung« bastelt. Das Manko Pekings ist demnach, dass es keinen Krieg angezettelt hat. Das beschleunigt aus SZ-Sicht die »Dynamik des Verfalls« der UN. Kornelius dürfte für die Oberstuben der BRD repräsentativ sein. Gewalt zieht dort unwiderstehlich an. Da können die Vereinten Nationen nicht klein genug gemacht werden.

Kornelius dürfte für die Oberstuben der BRD repräsentativ sein. Gewalt zieht dort unwiderstehlich an. Da können die Vereinten Nationen nicht klein genug gemacht werden.

Unverzichtbar!

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