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Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 15 / Geschichte
Nordirlandkonflikt

Hungerstreik im »H-Block«

Vor 40 Jahren begann in irischen Gefängnissen eine Protestbewegung mit enormen politischen Auswirkungen
Von Dieter Reinisch
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Für viele Nordiren war Bobby Sands eine Ikone des Widerstands. Die Nachricht von seinem Tod führte zu großen Protesten und wie hier in Belfast auch zu Ausschreitungen (6.5.1981)

Im Schatten von Pariser Studentenprotesten, US-Bürgerrechtsbewegung und Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg erlebte Nordirland sein eigenes 1968. Eine aus liberalen Unionisten, Republikanern und Kommunisten bestehende breite Bewegung forderte das Ende der staatlichen Diskriminierung der katholischen Minderheit in der Region. Mit dem Niederknüppeln der friedlichen Bürgerrechtsbewegung durch die Polizei und der Entsendung der britischen Armee versank die Region im Krieg.

Obwohl »Irlands 1968« wenig Aufmerksamkeit in den Geschichtsbüchern genießt, hatte es die blutigsten Konsequenzen aller ’68-Bewegungen in Europa. Im Nordirlandkonflikt starben in den bis 1998 andauernden Kämpfen fast 4.000 Menschen. Der Konflikt ist bis heute nicht gelöst, wie auch die »Brexit«-Verhandlungen zeigen.

Widerstand der Inhaftierten

Einer der Hauptschauplätze des Nordirlandkonflikts waren die Gefängnisse und Lager. Bobby Sands stand wie kein anderer für den dortigen Widerstand. Der 27jährige Republikaner aus Belfast starb nach 66 Tagen im Hungerstreik am 5. Mai 1981. Zuvor war er in einer Nachwahl zum Abgeordneten ins britische Unterhaus gewählt worden. 100.000 Trauernde nahmen an seinem Begräbnis teil. Im postrevolutionären Portugal zeigten 30.000 Menschen ihre Solidarität mit den Gefangenen der Irish Republican Army (IRA), in Teheran wurde die Straße, in der sich die britische Botschaft befindet, nach Sands benannt.

Sands war das erste von zehn Mitgliedern der IRA und der kleineren, marxistischen Irish National Liberation Army (INLA), die 1981 im Hungerstreik starben. Obwohl die erzkonservative britische Premierministerin Margaret Thatcher lange Zeit hart blieb und betonte, »mit Kriminellen nicht zu verhandeln«, veränderten die Gefängnisproteste Irland nachhaltig. Die Solidaritätsbewegung in Irland und weltweit legte den Grundstein für den Friedensprozess und für den Aufstieg von Sinn Féin zur größten Partei Nordirlands. Kaum bekannt ist, dass die Hungerstreiks von 1981 eine Fortsetzung von Hungerstreiks waren, die am 27. Oktober 1980 begonnen hatten.

Seit August 1971 hatte die britische Armee Tausende politische Aktivisten verhaftet. Auf der Fläche des größten Internierungslagers, Long Kesh, begann die britische Regierung ab Mitte der 1970er Jahre, das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis HMP Maze zu bauen. Aufgrund der Form der Gebäude wurde es unter dem Namen »H-Blocks« bekannt.

Dank eines erfolgreichen Hungerstreiks des IRA-Mitglieds Billy McKee in Belfast genossen politische Gefangene aller Couleur ab 1972/73 offiziell einen Sonderstatus. Mit der Eröffnung der H-Blocks wurde dieser politische Status von der damaligen Labour-Regierung abgeschafft.

Einer der ersten dort inhaftierten Aktivisten war Kieran Nugent. Als er am 14. September 1976 in die H-Blocks gebracht wurde, weigerte er sich, eine Gefängnisuniform anzuziehen. Er erklärte, er habe als irischer Republikaner das Recht auf seine eigene Kleidung, die Uniform müsse ihm an seinen »Körper genagelt werden«, damit er sie trage. Nur mit seiner Bettdecke (Blanket) umhüllt begann er den danach benannten Blanket-Protest. In den nächsten fünf Jahren folgten ihm weitere Hunderte Gefangene.

Da die Gefangenen, sobald sie ihre Zellen verließen und die Toilettenbereiche aufsuchten, von den Wärtern brutal durchsucht, geschlagen und misshandelt wurden, weigerten sie sich, ihre Zellen zu verlassen: aus dem Blanket- wurde der »No Wash«-Protest. Ab Ende der 1970er Jahre beteiligten sich auch Aktivistinnen im Frauengefängnis Armagh an den Protesten. Für sie war es eine besondere Qual, während der Menstruation keine Sanitätseinrichtungen aufsuchen und sich waschen zu können.

Die Gefangenen forderten das Recht, keine Gefängnisuniformen tragen zu müssen, und sie wollten freien Kontakt mit anderen Gefangenen aufnehmen, Bildungs- und Freizeitveranstaltungen organisieren sowie einen Besuch, einen Brief und ein Paket pro Woche bekommen können. Zudem forderten sie einen vollen Straferlass für die am Protest Beteiligten und verweigerten die Gefängnisarbeit.

Die Lage zuspitzen

1979 wurde Thatcher Premierministerin Großbritanniens. Sie verweigerte sich jeglichem Kompromiss mit irischen Republikanern. Sie sah die IRA und die INLA als kriminelle Organisationen, mit denen sie nicht verhandle. Nach fast vier Jahren, in denen Hunderte Gefangene in kleinen Zellen ohne Möbel auf schmutzigen, nassen Matratzen hausten, war die Moral der Republikaner geschwächt. In einem Interview mit dem Autor erklärte der Sinn-Féin-Parteivorsitzende Ruairí Ó Brádaigh 1980: »Die Gefangenen konnten nicht weiter so leben. Wir mussten einen neuen Faktor einführen, und das waren die Hungerstreiks. Die Lage musste zugespitzt werden, sonst würden wir verlieren.«

Am 27. Oktober traten sieben Gefangene in den Hungerstreik. Die sechs IRA-Gefangenen sollten je eine der sechs Grafschaften Nordirlands repräsentieren, der siebente Gefangene war ein Mitglied der INLA. Angeführt wurden sie vom bisherigen IRA-Oberbefehlshaber in den H-Blocks, Brendan Hughes, der seinen Posten mit Beginn des Hungerstreiks an Bobby Sands übergab. Am 1. Dezember traten im Frauengefängnis Armagh drei Republikanerinnen in den Hungerstreik.

Verhandlungen zwischen der IRA/INLA und der britischen Regierung, die über Mittelsmänner der katholischen Kirche geführt wurden, brachten zunächst keine Lösung – in der Folge traten am 15. und 16. Dezember weitere 30 Gefangene in den Hungerstreik. Doch nur einen Tag später erreichten das Gefängnis Gerüchte, dass die britische Regierung einige Forderungen annehmen würde. Zu dem Zeitpunkt war Sean McKenna bereits ins Koma gefallen, und der an Sehverlust leidende Hughes ordnete in dem Glauben, die britische Regierung habe eingelenkt, an, McKenna künstlich zu ernähren – der Hungerstreik war zu Ende.

In den folgenden Wochen wurde den Gefangenen aber klar, dass die britische Regierung keine Forderungen akzeptieren würde. Ab Januar 1981 planten IRA und INLA, diesmal angeführt von Bobby Sands, weitere Protestaktionen. Dabei wurde eine neue Taktik angewendet: Alle zwei Wochen sollte ein weiterer Gefangener in einen Hungerstreik treten – wenn es sein musste bis zum Tode. Zehn Gefangene starben, doch schlussendlich war die Strategie erfolgreich. Ab 1983 wurden den IRA/INLA-Gefangenen ihre Forderungen erfüllt. Die Hungerstreiks waren mehr als nur ein Kampf für die Anerkennung als politische Häftlinge, er war ein wichtiger Schritt hin zur Entkriminalisierung des irischen Freiheitskampfs für eine vereinte, sozialistische Republik Irland gegen die Kolonialmacht Großbritannien.

Bericht von Brendan Hughes

Ich kann mich noch gut an den ersten Tag des Hungerstreiks erinnern. Ich war in der Zelle mit Muffles Trainor. Sie ließen das Essen bei der Zellentür stehen, und ich sagte ihnen: »Ich bin von nun an im Hungerstreik.« Ich schaute mich in der Zelle um und fragte mich: »Ist das der Beginn der letzten Tage meines Lebens?«

Ich fühlte mich sehr isoliert und einsam. Mit der Zeit verlegten sie uns aus unseren Zellen und brachten uns in einen sauberen und leeren Trakt. Dieser Flügel wurde so zum Krankentrakt. Jeden Morgen kontrollierten sie unseren Blutdruck und das Gewicht. Diese Informationen gaben wir dann an Bobby (Sands) weiter. Ich habe damals viel Vertrauen in Bobby gehabt. Diese Information wurde dann nach draußen weitergeleitet. (…) Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Tage wir im Krankentrakt waren, bis sie uns in einen richtigen Krankenbereich brachten. (…) Auch hier wurden wir jeden Morgen in den Medizinbereich gebracht, abgewogen, der Blutdruck genommen und so weiter. (…) Ich selbst hatte die Erlaubnis, jeden einzelnen Hungerstreikenden zu besuchen. Sean (McKenna) war das größte Problem. Er war mental und physisch der Schwächste, und ich achtete sehr auf ihn. Eines Tages sagt er zu mir, dass er nicht glaube, im Hungerstreik sterben zu können. Es war ein Schock für mich, er hatte eine sehr schwierige Zeit. (…) Ich versprach ihm, dass ich ihn nicht sterben lassen würde. Und er nahm mich beim Wort.

Interview mit Brendan Hughes, veröffentlicht in: Ed Moloney: Voices from the Grave. Two men’s war in Ireland, Faber & Faber, London 2010, S. 237–238

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