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Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 2 / Inland
Bildungsauftrag statt Kommerz

»Im Konzept kommt das Wort ›Buch‹ nicht vor«

Berlin: Öffentliche Bibliotheken werden Marktmechanismen unterworfen. Kritik auch an Linke-Kultursenator. Ein Gespräch mit Frauke Mahrt-Thomsen
Interview: Gudrun Giese
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Der Fortbestand von Bibliotheken ist vielerorts wegen neoliberaler Sparpläne und der Digitalisierung bedroht

Seit vielen Jahren werden die öffentlichen Bibliotheken Berlins peu à peu kaputtgespart. Gab es 1990 rund 220 Büchereistandorte in der Stadt, sind es inzwischen gerade mal noch 70 – inklusive der Zentral- und Landesbibliothek mit zwei Standorten. Sind die Berliner öffentlichen Bibliotheken noch zu retten?

Gewiss sind sie das. Aber jahrzehntelang fehlte es an dem entsprechenden politischen Willen. Dabei werden die öffentlichen Bibliotheken in dieser Stadt sehr stark genutzt. Die Ausleihzahlen, gerade des klassischen Mediums Buch, sind hoch.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Wir als Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken haben mit einer Reihe konkreter Vorschläge auf das »Rahmenkonzept für die Bibliotheksentwicklungsplanung Berlin« der Senatsverwaltung für Kultur reagiert. An erster Stelle muss die Abschaffung der neoliberalen Kosten- und Leistungsrechnung, kurz KLR, stehen. Durch sie wurden die bezirklichen Bibliotheken in eine widersinnige Konkurrenz um die niedrigsten Durchschnittskosten für bestimmte Serviceleistungen, wie z. B. Medienausleihen, getrieben. Dadurch bleibt die Qualität allmählich auf der Strecke. Wenn Bibliothekare etwa Bücher zur Bezirksgeschichte ausmustern, weil sie weniger nachgefragt werden als populäre Ratgeber oder Bestseller, ist das ein Armutszeugnis.

Wir fordern deshalb die Finanzierung der öffentlichen Bibliotheken durch pauschale Zuwendungen pro Kopf der Bevölkerung. Dabei sollte der Etat für den Erwerb von Büchern und anderen Medien auf zwei Euro pro Einwohner und Jahr erhöht werden. Derzeit liegt dieser Etat beispielsweise in Charlottenburg-Wilmersdorf bei 0,98 Euro und ist auch in anderen Bezirken weit entfernt von den erforderlichen zwei Euro.

Sehen Sie Chancen, dass die KLR abgeschafft wird?

Eher nein. Es gibt zwar innerhalb der Partei Die Linke Mitglieder, die diese Forderung unterstützen. Kultursenator Klaus Lederer sieht allerdings die SPD-geführte Senatsinnenverwaltung für diese Frage zuständig, und dort gibt es daran kein Interesse. Dabei hatte eine 2005 vom Senat einberufene Expertenkommission bereits deutliche Kritik an diesem ­Instrument geäußert. Passiert ist seitdem in dieser Richtung allerdings nichts.

Wenn in Bibliotheken investiert wird, dann in die technische und digitale Aufrüstung. Ein Beispiel ist die Ausstattung aller Medien mit speziellen Chips, die die Selbstverbuchung durch die Nutzer ermöglichen und so letztlich dazu beitragen, Personal abzubauen. Dabei wäre es dringend notwendig, das Personal aufzustocken und nach anerkannten fachlichen Standards eine Stelle für je 3.000 Einwohner zu schaffen.

Plädieren Sie für neue Bibliotheksstandorte?

Zunächst sollten die bestehenden Bibliotheken umfassend saniert werden. Hier fordern wir die Erhöhung der Aufenthaltsqualität der öffentlichen Bibliotheken, die behindertengerechte Gestaltung, Platz für die offene Präsentation der meisten Medien sowie Räume, die gemeinschaftlich nutzbar sind. Sehr wichtig ist uns zudem die Ausweitung der Öffnungszeiten.

Sie kritisieren die Investition vorwiegend in technische Innovationen. Lehnen Sie die Digitalisierung im Bibliotheksbereich grundsätzlich ab?

Ganz und gar nicht. Aber es sollte in sinnvolle Systeme investiert werden, etwa zur besseren Erschließung der Bestände. Was wir als Bürgerinitiative eher für verzichtbar halten, ist die Ausweitung von »Gaming-Zonen« oder die Anschaffung von 3-D-Druckern und Robotern. Im Mittelpunkt der Arbeit öffentlicher Bibliotheken sollten nach wie vor das Buch und der lesende Mensch stehen. Im genannten Rahmenkonzept aber kommt das Wort »Buch« kaum vor.

Sie fordern auch eine Änderung der Bestandsauswahl.

Die Übertragung der Medienauswahl an private Buchkaufhäuser wie Hugendubel muss dringend beendet werden. Hier werden Kriterien angelegt, die vor allem auf die Popularität der Titel setzen. Das sollte aber nie der zentrale Maßstab sein, denn öffentliche Bibliotheken haben nicht zuletzt einen Bildungsauftrag. Ihr Alleinstellungsmerkmal besteht in ihrer Aufgabe, den Marktmechanismus im Buch- und Medienbereich außer Kraft zu setzen und für ihr Publikum einen Bestand als sinnvolle Sammlung aufzubauen, die gerade nicht von umsatzträchtigen Bestsellern bestimmt ist.

Frauke Mahrt-Thomsen ist in der Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken aktiv

Informationen unter: kribiblio.de

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (24. Oktober 2020 um 06:09 Uhr)
    Vor zwei Jahren brachte ich mal wieder eine Kiste mit meinen Kinderbüchern in die Schule (»Der Möwenbändiger«). Die Frau, die mir das Zeug abnahm, sagte mir: Das sind die am besten geklauten Bücher der Welt. Gibt es etwas Schöneres?
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (24. Oktober 2020 um 06:26 Uhr)
    Es ist von enormer Bedeutung, dass alle Kinder Bücher lesen. Nur so können sie die eigene Sprache lernen. Wenn sie daran scheitern, werden sie auf einem Niveau landen, das sich ganz weit unten einpegelt. Rundherum erleben wir die Normalität der Schwachsinnigkeit, der nur abgeholfen werden kann, wenn unsere Kinder lesen.

    Wichtig und bedeutsam sind auch die wunderbaren Angebote an Kunst, die die Bibliotheken bieten. Direkt neben mir liegen zwei Bände von Feininger, in der Küche noch zwei von Kandinsky. Niemals hätte ich die im Haus, wenn es meine Bibliothek nicht geben würde. Das darf nicht enden!!!

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