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Aus: Ausgabe vom 23.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Griechenland

Nicht unachtsam werden

Antifaschist Mikis Theodorakis warnt vor »falscher Zuversicht« nach Urteil gegen Chrysi Avgi
Von Hansgeorg Hermann, Chania
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Mitglieder der KKE-ML, einer Abspaltung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), demonstrieren gegen die »Chrysi Avgi« in Athen (30.11.2013)

Einen Tag nach der Urteilsverkündung gegen die Führer der faschistischen Partei Chrysi Avgi (CA, Goldene Morgendämmerung) und ihre Schläger in der vorigen Woche meldete sich Griechenlands bekanntester Widerstandskämpfer und Antifaschist Mikis Theodorakis zu Wort. In einem Manifest, das unter anderen in den Athener Tageszeitungen Ta Nea und Efimerida ton Syntakton abgedruckt wurde, warnt der 95jährige, weltbekannte Komponist vor Leichtfertigkeit im Umgang mit den Faschisten, deren gewaltverherrlichende Rassen- und Führerideologie offensichtlich nicht nur in Griechenland, sondern in den meisten europäischen Staaten bis heute überdauert hat.

Die Warnung kommt zu Recht, wie sich im Laufe dieser Woche herausstellte. Die Staatsanwältin Adamantia Oikonomou, wegen ihrer harschen Strafanträge zunächst noch als »mutig« gelobt, stellte sich überraschend auf die Seite der Verurteilten und deren Anwälte, die eine Aussetzung des Strafvollzugs forderten.

Theodorakis allerdings beglückwünschte die »Richterinnen und Richter, »die den Mut hatten, die Gefahren und Hindernisse« während der sechs Jahre andauernden Ermittlungen und Verhandlungen »geringzuschätzen und die CA, indem sie sie verurteilten, zur kriminellen Organisation zu erklären«. Der unaufhaltsame Aufstieg dieser alten und neuen Faschisten unterscheide sich freilich von dem der »Junta«, die sich 1967 an die Macht geputscht und das Volk für sieben Jahre in eine Militärdiktatur getrieben hatte. »Er wurde nicht mit Panzern erzwungen«, schreibt Theodorakis über die seit 1985 bestehende Formation, sondern es seien »Geduld und Nachsicht der staatlichen Exekutive, der Politik und der Justiz« ausgenutzt worden.

Die erste faschistische Organisation, »die Junta, sah sich dem Widerstand des griechischen Volkes ausgesetzt«. Die zweite, die CA, habe es »wegen der Nachsicht der Institutionen und Parteien fertiggebracht, sich der Stimmen einer halben Million griechischer Wähler zu versichern – und damit der Anwesenheit im Tempel der Demokratie, dem Parlament der Hellenen«.

Ein Ausschnitt aus Theodorakis’ Manifest: »Die Urteilsverkündung zur Chrysi Avgi darf uns nicht zu Unachtsamkeit und falscher Zuversicht verleiten, weil im Kampf gegen den Faschismus ein Gericht entschieden hat und die Sache damit erledigt sei. Wir müssen die Entscheidung ganz im Gegenteil (lediglich) als eine Station im Kampf gegen den Faschismus sehen, der mit Leidenschaft fortgesetzt werden muss, weil wir wissen, wie tückisch der Krankheitserreger Faschismus ist. Nur mit der Fortsetzung des Kampfes können wir Pavlos Fyssas und all den anderen Opfern der Chrysi Avgi Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Gegen Pharisäertum, gegen versteckten und tückischen rassistischen Faschismus und gegen die Unwissenheit über die Gefahr, den Nationalismus zu nähren, muss das Schiff namens Hellas (Griechenland) besser gerüstet sein. Es kann auf eine unerwartete Klippe stoßen, weil (…) Pharisäertum, Faschismus und Fanatismus den sicheren Kurs in die Zukunft verhindern können. Heute verlangen unsere innenpolitischen Probleme ebenso wie die außenpolitische Entwicklung von uns, dass wir die Augen weit geöffnet halten, dass unser Denken unabhängig bleibt und befreit von Zwangsvorstellungen, dass unsere Herzen rein bleiben und unberührt von Hass auf andere, weil wir in unbekannten Gewässern segeln.«

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Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. (23. Oktober 2020 um 09:23 Uhr)
    Das Bild zeigt nicht Anhänger der KKE, sondern der KKE (Marxisten-Leninisten), griechisch abgekürzt: ΚΚΕ (μ-λ). Natürlich gut, dass die gegen die »Morgenröte« demonstrieren, aber das sind ziemliche Sektierer, die auch nicht davor zurückschrecken, KKE-Mitglieder wegen ihres »Revisionismus« körperlich anzugreifen.

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