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Aus: Ausgabe vom 23.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Griechenland

Schon immer Nazis

Die verurteilten Führer der griechischen faschistischen Organisation Chrysi Avgi haben nie verheimlicht, wofür sie stehen
Von Hansgeorg Hermann, Chania
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Hitlergruß, Nationalflaggen und hakenkreuzähnliche Symbole: Die faschistische »Chrysi Avgi« in Athen (30.11.2018)

Am Sonnabend gönnte die Athener Zeitung Efimerida ton Syntakton (Efsyn) dem »Trio infernale« zwei volle Seiten. Nicht, um für Niklaos Michaloliakos, Giannis Lagos und Ilias Kasidiaris, die ehemaligen Führer der faschistischen Partei Chrysi Avgi (CA, Goldene Morgendämmerung) Verständnis aufkommen zu lassen, im Gegenteil. Nachsicht und Geduld hatten die griechischen und europäischen Institutionen mit den Faschisten über mehr als 30 Jahre. Die Redakteure in Athen legten statt dessen noch einmal offen, was ohnehin jeder an der Ägäis sieht und weiß. Michaloliakos selbst, der Hauptmann der mörderischen Bande, erklärte während der Gerichtsverhandlungen diesen Monat, bei der es um die Einstufung der Partei als »kriminelle Organisation« ging, stolz: »Wir waren schon immer Nazis.«

In seinem Heim hänge ein Porträt seines Idols Adolf Hitler, schrieben Griechenlands Boulevardblätter, denen Michaloliakos Schlagzeilen und Auflage garantierte. In Griechenland darf er das – Nazi sein gilt nicht als Verbrechen. Erst wenn Prügel und Totschlag dazukommen, schreitet die Justiz – mit Verzögerung – ein. Die Ermittlungen im Mord an dem jungen Rapper Pavlos Fyssa, der am 18. September 2013 von Giorgos Roupakias, einem Kettenhund der Bewegung, erstochen wurde, dauerten mehr als fünf Jahre. Verurteilt wurde der Täter erst vor neun Tagen, die Richter verhängten lebenslange Gefängnishaft.

Damit ist die Geschichte nicht ausgestanden. Roupakias’ »Führer« Michaloliakos und die übrigen Kameraden werden in Berufung gehen, am Ende könnte es sein, dass erneut der Areopag, der oberste Gerichtshof Griechenlands, in letzter Instanz entscheiden muss. Seit dem Urteilsspruch der Vorsitzenden Richterin Maria Lepenioti ging es darum, ob die Verurteilten – Michaloliakos, Kasidiaris, Lagos und Gefolge – ihre Strafe anzutreten haben, oder ob der Vollzug bis zur Entscheidung eines Berufungsgerichts ausgesetzt werden soll.

Am Donnerstag nachmittag wies das Gericht in einem als »historisch« bezeichneten Urteil die Anträge der Verurteilten auf Aussetzung des Strafvollzugs ab. 45 der insgesamt 68 Angeklagten müssen ihre Gefängnishaft sofort antreten, unter ihnen auch die Führer Michaloliakos, Lagos und Kasidiaris.

Anfang der Woche hatte sich die Staatsanwältin Adamantia Oikonomou zur Überraschung des Gerichts und der zahlreichen Prozessbeobachter auf die Seite der Verteidigung gestellt. Sie bescheinigte den vom Areopag am 9. Oktober zur »kriminellen Organisation« erklärten Faschisten ein sauberes Strafregisterwider besseres Wissen, wie sich schnell herausstellte.

Dies führte zu Spekulationen, ob Oikonomou unter politischem Druck der rechten Regierung des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis steht oder womöglich gar bedroht wird. Der Rechtsexperte und Areopag-Anwalt Panagiotis Psillakis mochte am Donnerstag gegenüber jW nicht ausschließen, »dass sie mit irgendeiner persönlichen Geschichte auf Linie gehalten wird«.

Die »Linie«, das scheint in der Athener Staatsanwaltschaft die der Verurteilten und ihrer Verteidiger zu sein. Und die der Regierung? Kasidiaris und auch Lagos jedenfalls gaben in den vergangenen Tagen Kommentare ab, die dies nahelegen. Sie wiesen etwa auf Panagiotis Baltakos hin, einen in der griechischen Politikszene berüchtigten Rechtsaußen der herrschenden Partei Nea Dimokratia (ND). Von ihm wissen auch Oikonomou und die Richter, dass er einer der Verbindungsleute zwischen Faschisten und Rechtskonservativen war. Als Generalsekretär des von 2012 bis 2015 amtierenden ND-Premiers Antonis Samaras half er offenbar dabei, den Schläger Roupakias zu aktivieren und ihn letztlich zum Mord an dem Musiker Fyssas zu bewegen.

Eine von Samaras und dessen Vertrautem Baltakos organisierte »Provokation«, sagt Kasidiaris heute, mit der seine CA »diskreditiert« werden sollte. Eine Version, die vor knapp zwei Wochen auch die Tageszeitung I Avgi, Sprachrohr der früheren linken Regierungspartei Syriza, verbreitete. »Keiner ist unschuldig«, schrieben die Journalisten der Avgi, auch nicht die Sozialdemokraten in den eigenen Reihen, die den Abgeordneten der faschistischen Formation auf die Schulter klopften, wenn es um den Umgang mit Kriegsflüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika ging.

Unterstützung und »Gnade vor dem Herrn« finden die vom Areopag von Politikern zu »Kriminellen« Herabgestuften immerhin bei Priestern und Mönchen der orthodoxen Kirche – wie alle faschistischen Bewegungen in der jüngeren Vergangenheit des Landes. Die Männer im schwarzen Rock waren meist auf seiten jener, die sich neben dem »Vaterland« immer auch dem »Glauben« verschrieben hatten. Die Offiziere der Militärjunta etwa pflegten zwischen 1967 und 1974 ausgesprochen gute Beziehungen zu einem jungen Geistlichen namens Christodoulos, der 20 Jahre später – demokratisch geläutert – zum Metropoliten von Athen aufstieg.

Aufgeben werden sie sicher nicht, die »Chrisavgiten«, wie sie sich selber nennen. Auch nicht im Gefängnis, wie Lagos seinen Leuten versprochen hat. Richterinnen, Schwule und Kommunisten – alle werde er sie »von Neofaschisten jagen« lassen. Wie Kasidiaris hat auch Lagos längst eine neue politische Basis. Als CA bei den Wahlen im vergangenen Sommer aus dem Parlament flog, verließ er die Partei. 2019 zum EU-Abgeordneten gewählt, gründete er die Ethniki Laïki Syneidisi (Nationales Volksbewusstsein). Die ist inzwischen bestens vernetzt mit anderen faschistischen Formationen der EU, die sich in Brüssel und Strasbourg zur »Allianz für Frieden und Freiheit« zusammengeschlossen haben.

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