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Aus: Ausgabe vom 22.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Neues aus der Soundforschung

Avantgarde statt Partytechno: Autechre widmen sich mit »Sign« dem inspirierten Programmieren
Von Christian Meyer
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Störenfriede, die mit Sinustönen spielen: Autechre

Es fällt nicht leicht, etwas mit dieser Musik zu assoziieren. Kein Pogo, kein Strobo, kein romantisches Picknick, kein Kapuzenpullover und Graffiti in Abbruchhäusern (obwohl Autechre aus der HipHop- und Graffitiszene kommen). Weil also keine zwangsläufigen Bilder auftauchen und auch kein Lebensgefühl transportiert wird, wie es Pop sonst meistens verspricht, ist die Auseinandersetzung mit Autechre radikal subjektiv. Die Musik, die Rob Brown und Sean Booth als Autechre produzieren, ist in gewisser Weise hermetisch geschlossen. Etiketten wie IDM (intelligent dance music) oder Ambient erfassen das Phänomen nicht annähernd. Es gibt kaum Vergleichbares, Autechre sind eher selbst Referenzpunkt. Die leider eingestellte Musikzeitschrift De-Bug verglich sie mit Kraftwerk, da sie quasi über allem schwebten.

Ein wichtiges Element ist sicher Glitch, also die ästhetische Nutzbarmachung von sonischen Artefakten und Störgeräuschen. Es gibt Tracks, die sich jeglichem 4/4-Takt verweigern und Chrarakteristika von Techno in Frage stellen. Autechre betreiben Soundforschung. Der Sound ist dabei generell eher kalt und trotz aller Glitches klar und kantig – es ist in fast jeder Hinsicht das Gegenteil der handgespielten Funkloops der Produzentenlegende J Dilla.

Vor allem aber ist es Computermusik, Diedrich Diederichsen beschrieb sie als inspiriertes Programmieren. Dazu greifen Autechre auf zum Teil selbstgeschriebene Algorithmen zurück. Komposition und Technologie sind im Prozess nicht immer leicht zu trennen. Seit Jahren arbeiten Brown und Booth von unterschiedlichen Städten aus, schicken sich halbfertige Tracks und Parametereinstellungen zu und nutzen den digitalen Informationsraum des Internets für ihre Kunst.

Dieser Umstand, die programmierten Formeln, auf denen ihre Musik aufbaut, und die Glitch-Ästhetik machen Autechre vielleicht zu dem Act, der heute am souveränsten mit den digitalen Produktionsmitteln umgeht.

Wiederholt äußerten sie in Interviews ihr Unverständnis darüber, wie gleichförmig und konservativ zeitgenössische Musik trotz der vorhandenen Mittel klingt. Obwohl sich ihr Set-up mit der Zeit immer wieder verändert, versuchen Autechre aus ihrem Equipment herauszuholen, was geht, und nicht für jede Veröffentlichung auf die jeweils neueste Software zurückzugreifen.

Aus Kassetten destilliert

Die Diskographie ist mit der Zeit unübersichtlich geworden. Allein im letzten Jahr wurden an die 20 Konzertmitschnitte veröffentlicht, zudem die »Warp Tapes 89–93«, die frei im Netz verfügbar sind. Mit dem fünfteiligen Album »Elseq« (2016) und den achtstündigen Sessions für den Online­radiosender NTS wurden erneut Grenzen verschoben. Der letzte Track der Sessions ist eine einstündige Soundfläche, die sich mit der Geschwindigkeit eines Gletschers verändert.

Dagegen ist »Sign« ein eher konventionelles Album: 65 Minuten, elf Tracks. Im ersten (»M4 Lema«) breiten sich düster sphärische Flächen aus, wie durch schwarzes Eis bricht ab und zu ein schleppender HipHop-Beat. Bei anderen Stücken fehlen die Beats gänzlich, und sie bestehen nur aus wabernden Soundscapes (»esc desc«, »Metaz form8«) oder fiependen Synthesizermotiven, die klingen, als wären sie aus leiernden Kassetten mit 80er-Pop herausdestilliert worden (»F7«). Die Tracks sind erneut enigmatisch betitelt: Arbeitstitel, Namen, die auf Ordnersysteme verweisen. Das Stück »au14« könnte als Dancefloor-Track durchgehen. Das Tempo hat deutlich angezogen, die Drums stolpern zwar noch etwas, aber so, dass Kopf und Füße zumindest mitwippen wollen. Das Album ist recht divers, im Vergleich zu vielen anderen Releases schon fast Easy Listening, ohne die ganz harten Glitch-Sounds und vertrackten Beats. Auch vermeintliche Brüche gab es im Œuvre schon häufiger. »Sign« ist nicht die schlechteste Platte, um in Autechre einzusteigen.

Impertinent und verkopft

Die zwei Briten wurden oft als Antithese zu kommerziell erfolgreichem Partytechno wahrgenommen. Laut dem Musikjournalisten Martin Büsser könne man die Klassenverhältnisse auch im Techno fortbestehen sehen: »(W)er sich distinguiert den Klängen von Autechre hingab, rümpfte gegenüber Ibiza-Techno die Nase, wer sich Techno rein ekstatisch hingeben wollte, empfand die mit Sinustönen spielenden Avantgardisten als impertinente, verkopfte Störenfriede.« Das stimmt, aber es ist nicht Autechre anzulasten. Schaut man sich auf Youtube zum Beispiel den Clip an, wie sie 1994 im MTV-Studio sitzen, erkennt man keinen Elitedünkel. Die zwei Typen könnten auch Teil einer deutschen HipHop-Combo sein, einer lange Haare, einer raspelkurze und beide irrwitzig weite Baggypants. Autechre waren von Anfang an Enthusiasten, die einfach ihr Ding durchziehen. Und das tun sie immer noch.

Autechre: »Sign« (Warp )

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