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Aus: Ausgabe vom 22.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Finanzbeziehungen

Populäre westliche Mythen

Belege für gezielte Übernahme fremder Infrastruktur durch China existieren nicht
Von Jörg Kronauer
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Hafen von Hambantota an der Südspitze Sri Lankas

Zu den im Westen populärsten Mythen bezüglich chinesischer Auslandskredite gehört, dass die Volksrepublik sich bei säumigen Schuldnern angeblich Infrastruktur unter den Nagel reißt. Zum Beleg wird immer wieder ein Beispiel aus Sri Lanka zitiert: Dort habe Beijing, heißt es, auf 99 Jahre den Hafen der Kleinstadt Hambantota an der Südküste des Inselstaates erhalten, nachdem Colombo Kredite nicht habe zurückzahlen können. Das Problem ist nur: Die Darstellung ist grob verkürzt.

Tatsächlich war die Regierung in Colombo, wie Recherchen inzwischen nachgewiesen haben, von westlichen Kreditgebern unter Druck gesetzt worden. Daraufhin hatte sie sich an Beijing um Hilfe gewandt, um sich an der Schuldenfront Erleichterung zu verschaffen. Das Ergebnis: Sri Lanka verpachtete den Hafen Hambantota an einen Hafenbetreiber aus China, mit dem Erlös konnte es Schulden bedienen, darunter solche bei der chinesischen Eximbank. Es mag an dem Deal manches zu kritisieren geben, nicht zuletzt auch bezüglich der srilankischen Innenpolitik. Ein Beleg für eine gezielte Übernahme fremder Infrastruktur durch eine vermeintlich trickreiche chinesische Schuldenpolitik ist er nicht.

Auch die Verhältnisse in Afrika geben trotz der bedrohlichen Verschuldung zahlreicher Staaten dort das heraufbeschworene Szenario einer großangelegten Übernahme afrikanischer Infrastruktur durch die Volksrepublik nicht her. Ihre Kredite lassen sich chinesische Stellen zuweilen über Rohstoffe absichern, Kredite an Angola etwa über Öllieferungen, Kredite an Ghana über den Verkauf von Kakao – chinesische Banker sind da flexibel und kreativ. Dass Kreditnehmer jedoch die Infrastruktur selbst als Garantie eingesetzt haben, ist laut Auskunft der China Africa Research Initiative (CARI, siehe Text oben) nur in einem einzigen Fall belegt: Im Tschad wurde der chinesischen Eximbank bei einer gemeinsam betriebene Ölraffinerie für den Fall einer Zahlungsunfähigkeit die Übertragung der tschadischen Anteile zugestanden. Das tat freilich gleichzeitig auch die China National Petroleum Corporation (CNPC), die die chinesischen Anteile an der Raffinerie hielt: In der Volksrepublik selbst sei ein solches Vorgehen laut CARI »gängige Praxis«.

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