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Aus: Ausgabe vom 21.10.2020, Seite 8 / Inland
Protest gegen die AfD

»Ich wusste: Spring hoch, komm nicht unter den Wagen«

Nachdem drei Menschen nahe einer AfD-Veranstaltung von einem Auto erfasst wurden, dauert Aufarbeitung an. Gespräch mit Michael Schmidt
Interview: Kristian Stemmler
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Protest von AfD-Gegnern in Henstedt-Ulzburg am Sonntag, einen Tag nachdem drei Personen von einem Auto erfasst worden waren

Am Rande einer AfD-Veranstaltung im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg wurden am Sonnabend eine Frau und zwei Männer mit einem Pick-up angefahren (siehe jW vom Dienstag). Sie gehören dazu. Wie geht es Ihnen?

Zum Glück sind mein Begleiter und ich mit Prellungen und Schürfwunden davongekommen. Wir sind beide mit dem Rettungswagen in die Klinik gebracht worden, wurden aber am selben Abend entlassen. Die junge Frau hat es schlimmer erwischt. Ich hab sie gestern getroffen. Sie sah gar nicht gut aus, trug eine Halskrause und war sehr eingeschränkt in ihren Bewegungen.

Wie lief die Attacke auf Sie ab?

Mein Bekannter und ich waren Teilnehmer der Kundgebung gegen den Auftritt des AfD-Kovorsitzenden Jörg Meuthen im Bürgerhaus von Henstedt-Ulzburg. So zwischen halb sechs und sechs Uhr haben wir eine kurze Pause eingelegt, wollten im Ort etwas zu trinken besorgen und sind die Hauptstraße runter. Etwa 80 Meter vom Kundgebungsort entfernt haben uns dann vier junge Männer überholt. Von ihrem Auftreten her war mein Eindruck: Okay, die Dorfjugend will mal gucken, was hier so los ist. Erst später haben wir erfahren, dass die Männer bei der Kundgebung des Platzes verwiesen worden waren, weil sie rechte Sticker geklebt und entsprechende Sprüche von sich gegeben hatten.

Was geschah dann?

Zwei aus der Gruppe sind in den Pick-up eingestiegen, der etwa 20 Meter von uns entfernt war. Der Fahrer ist sofort voll aufs Gas, auf den Gehweg rauf und hat auf uns zu gehalten. Das ging alles total schnell. Wir haben noch irgendwie versucht, auf den Grünstreifen zu flüchten, aber der Fahrer ist uns gefolgt. Mich hat der Wagen frontal getroffen. Von der Motorhaube bin ich seitlich ins Gebüsch geflogen. Mein Begleiter wurde auch am Kopf erwischt. Ich konnte dann noch sehen, wie der Fahrer einfach weiter fuhr und die Frau voll erwischte, die versuchte wegzulaufen. Ein weiterer Mann konnte sich mit einem Sprung zwischen Autos retten. Dann sah ich, wie der Pick-up an einer Bushaltestelle anhielt.

Waren Polizisten an dem Fahrer und Beifahrer dran? Wurden sie aus dem Wagen geholt und festgenommen?

Nichts dergleichen. Der Fahrer stand da ganz ruhig. Ich bin noch zu ihm hin und habe ihn gefragt, ob er gar nichts mehr merkt, und gesagt, dass er uns hätte töten können. Er hat nur gegrinst. Dann ist er ganz locker von einem Beamten vernommen worden. Wenn ein Linker so etwas verbrochen hätte, wäre der doch sofort in Handfesseln auf dem Boden gelandet, mit vier Polizisten auf ihm drauf.

Haben Sie Zweifel daran, dass der Fahrer Sie absichtlich angefahren hat?

Nein, überhaupt nicht. Für mich war das definitiv ein rechter Anschlag. Es gibt keine andere Erklärung dafür, dass der Mann über den Gehweg gefahren ist. Vielleicht hat mich vor Schlimmerem gerettet, dass ich im Hinterkopf hatte, dass Neonazis Autos als Waffe nutzen. Bei mir war abgespeichert: Wenn so etwas kommt, springst du hoch, um nicht unter den Wagen zu kommen. Das habe ich instinktiv so gemacht.

Ein Beamter hat bei dem Einsatz einen Warnschuss abgegeben. Wie kam es dazu?

Es sind Demonstranten zum Tatort gekommen, die natürlich aufgebracht waren. Es gab aber keine Angriffe auf Polizeibeamte oder den Fahrer. Ein Polizist auf der Straßenmitte, der mit dem Geschehen eigentlich nichts zu tun hatte, zog seine Pistole aus dem Halfter und schoss in die Luft. Völlig unverhältnismäßig.

Die Polizeiinspektion Bad Segeberg stellte die Tat am späten Sonnabend in einer Mitteilung als Unfall dar.

Das ist völlig grotesk. Es hat aber sicher dazu beigetragen, dass das Medienecho am Wochenende so gering war. Inzwischen tut sich da etwas mehr, es gibt Anfragen von Medien zu dem Vorgang.

In der Mitteilung war auch von Handgreiflichkeiten und Angriffen auf Polizisten die Rede.

Das ist abwegig. Es haben sich mal Aktivisten vor ein Auto gestellt und sind dann von Beamten abgedrängt worden. Aber das war alles total harmlos.

Michael Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist politischer Aktivist aus Schleswig-Holstein

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