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Aus: Ausgabe vom 21.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Obdachlose in Hamburg

»Ich bin nicht sicher, ob das Angebot reichen wird«

Unterkunftsplätze des sogenannten Winternotprogramms sind bereits belegt. Ein Gespräch mit Stephan Karrenbauer
Von Kristian Stemmler
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Teilnehmer einer wegen »Corona« verbotenen Demonstration der Initiative »Leave No One Behind« in Hamburg (2.4.2020)

Wie am Anfang der Pandemie heißt es jetzt wieder von der Politik: Bleiben Sie möglichst zu Hause! Was ist mit denen, die kein Zuhause haben?

Die hat die offizielle Politik offenbar nicht auf der Rechnung. Den obdachlosen Menschen wurde ja durch die Coronakrise quasi zum wiederholten Male ihr Zuhause genommen, weil Einrichtungen, wo sie angebunden waren, ihr Angebot reduziert haben. Das heißt, dass diese Menschen wieder den ganzen Tag auf der Straße, auf der Bank oder in den Einkaufszentren verbringen müssen. Die Verelendung hat zugenommen. Und ich gehe davon aus, dass auch die Zahl der Obdachlosen in Hamburg durch die Krise angewachsen ist.

Gab es bisher nennenswerte Ausbrüche von Covid-19 unter Obdachlosen?

Zum Glück noch nicht. Wenn es dazu käme, hätte das vermutlich verheerende Auswirkungen, da Obdachlose zu den besonders vulnerablen Gruppen gehören.

Am 1. November startet jedes Jahr das Winternotprogramm der Stadt Hamburg. In diesem Jahr ist es im Frühjahr nicht beendet worden.

Ja. Wegen Corona blieb es erst ganztägig geöffnet, dann zumindest für Übernachtungen. Das heißt aber auch, dass die über 600 Plätze bereits belegt sind. Es ist noch ein weiterer Standort im Gespräch. Ich bin nicht sicher, ob das Angebot reichen wird.

Sie kritisieren das Festhalten der Stadt an Großeinrichtungen. Im Frühjahr haben sie mit ihrem Hotelprojekt gezeigt, dass es anders geht. Wie sah das aus?

Damals stellte die Firma Reemtsma eine Spende von 300.000 Euro zur Verfügung, die Hälfte für die Einrichtung Alimaus der Caritas, die andere für Hinz & Kunzt und das Diakonische Werk. Mit dem Geld haben wir und die Diakonie die Unterbringung von 170 Obdachlosen in über die ganze Stadt verteilten Hotels und Pensionen finanziert.

Und das hat geklappt?

Ja, es gab überhaupt keine Probleme, obwohl sehr belastete Menschen unter den Untergebrachten waren. Wie unser Hotelprojekt eindeutig bewiesen hat, ist es möglich, Obdachlose in kleinen Einheiten dezentral unterzubringen, ohne dass dies überhaupt auffällt.

Dann ist das doch ein Konzept, das die Stadt übernehmen könnte, oder?

Wir hatten gehofft, dass die Stadt sagt: Toll, dass das so gut gelaufen ist - macht doch weiter, wir finanzieren das. Aber statt dessen kam die Äußerung, dass man so etwas gar nicht brauche. Das war wie ein Schlag in die Magengrube. Die Behörde hält an Strukturen fest wie in den 1980ern. In den großen Unterkünften erleben die Bewohner quasi eine ständige Vervielfältigung ihres eigenen Elends. Die Stimmung ist aggressiv, zur Ruhe kommt da keiner.

Hamburgs SPD hat Angst vor einer »Sogwirkung«, wenn die Stadt »zu viel« für Obdachlose tut.

Das ist wohl so. Aber es wäre doch Aufgabe von Bürgermeister Peter Tschentscher, bei den anderen Länderchefs dafür zu werben, dass alle Wohnungslosen untergebracht werden. Die Länderchefs haben sich doch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel so oft getroffen wie nie zuvor. Warum hat Frau Merkel denn nicht einfach gesagt: Wir bringen jetzt alle Obdachlosen in dieser Krise anständig unter, damit auch sie ein Zuhause haben. Alle Menschen brauchen eine Unterkunft. Die schlafen ja nicht draußen, weil sie den Sternenhimmel so schön finden.

Stephan Karrenbauer ist Sozialarbeiter beim Hamburger Stadtmagazin Hinz & Kunzt

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