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Aus: Ausgabe vom 20.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

So verpeilt, wie man es haben will

Psychedelisches Gegniedel: Drei neue Alben demonstrieren, dass der Stoner Rock wieder voll da ist
Von Frank Schäfer
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Polterig wie eine übereifrige Kellertruppe: Valkyrie

Wenn Metal in die Wüste geht, um mit gegorener Kaktusmilch zu gurgeln und ein Fuder Heu zu schmöken, nennt man das Stoner Rock. Kyuss erschufen den Urrauchpilz, der dann bald durch die Welt wehte. Schon die Exmitglieder dieser Band fingen an, durch bloße Zellteilung die Methode Stoner weiterzutragen: Josh Homme und Nick Oliveri mit Queens of the Stone Age, Brant Bjork mit Fu Manchu und seiner nach ihm selbst benannten Band, Sänger John Garcia mit Slo Burn, Unida, Vista Chino und schließlich als Solist. Andere Bands wie Monster Magnet, Dozer oder Greenleaf taten es ihnen nach, und spätestens Ende der 90er Jahre war das Genre alles andere als versteinert, sondern überaus kregel, bisweilen geradezu erschreckend produktiv. Es mussten eigene Labels her, die sich um den wachsenden Output kümmerten, Meteorcity und Small Stone Records gehörten zu den bekanntesten Neugründungen, Europa hinkte etwas hinterher mit Setalight, Kozmik Artifactz, Heavy Psych Sounds, Argonauta usw.

Wie immer im Metal gab es Grenzzäune zu den Nachbargenres nur, um sie mit viel Geschepper einzureißen. Öffneten sich die Musiker Richtung Proto-Metal, also Black Sabbath (wie Electric Wizard), kam ein Doom-Derivat dabei heraus. Nahmen Gitarren und Gesang Hardcore-Punk ins Visier, wurde Sludge Metal draus (wie bei Crowbar oder High on Fire). Und verbeugte man sich vor dem traditionellen Metal der frühen 80er, landete man beim Stoner Metal wie ihn Valkyrie intonieren.

Die Band hat nach fünf Jahren mal wieder ein Album erscheinen lassen, und das schönste, was man sagen kann über »Fear«: Es ist ein würdiger Nachfolger von »Shadows« (2005) geworden. Die beiden Gitarrenbrüder Peter und Jake Adams verausgaben sich voll, lassen flinke Twin-Läufe à la Iron Maid­en vom Stapel, gefolgt von psychedelischen Introspektionen und herrlichem Gegniedel, das auch schon mal den melodischen Kontext verlässt und sich in Garagendilettantismus verliert. Die vier aus Virginia werden gelegentlich mit Baroness verglichen, auch weil Peter Adams dort fast eine Dekade gespielt hat, aber anders als die Kollegen legen sie keinen gesteigerten Wert auf Sublimation. Sie klingen bei allem kompositorischen Kalkül immer noch polterig wie eine übereifrige Kellertruppe, die stets mehr will, als sie kann. Man kann nur hoffen, dass die beiden sich nicht wieder in anderen Bands verzetteln (Earthling, Samhain, JAB etc.) und Valkyrie endlich zu ihrem Kerngeschäft machen.

Auch das isländische Stoner-Metal-Trio Volcanova um Samúel Ásgeirsson (welch ein Name!) stöpselt keine ­Stoner-Allerweltskompositionen zusammen, es gibt immer wieder Ausreißer ins Psychedelische oder ins Progressive-Fach. Dass es sich bei »Radical Waves« um ihr Debütalbum handelt, hätte man nicht erwartet, so versiert und kalkuliert gehen die drei hier zu Werke. Beim formidablen Schlusstrack »Lights« etwa nehmen sie verschiedene Zerr-, Stimmungs- und Geschwindigkeitsgrade durch, ohne ihren fuzzy Style in guter alter Fu-Manchu-Tradition ganz aus den Augen zu verlieren, und bringen sogar noch zwei, drei Hooks unter. »Super Duper Van« ist noch so ein Hit, eine drückende Up-Tempo-Nummer mit echtem Radiorefrain, in dem Ásgeirsson (Hammername!) in Stimmfarbe und Intonation wie ein wütender Jim Morrison klingt.

Meine Euphorie ist hier vielleicht deshalb so groß, weil mich das Genre in letzter Zeit nicht mehr so richtig packen konnte. Man hatte den Eindruck, alle Riffs wären längst geschrubbt, alle Soli längst gedudelt. Trotzdem nahmen vor allem Argonauta und Heavy Psych Sounds jeden unter Vertrag, der bei drei seine Tüte angesteckt hatte. Und das sind in diesem Fach, man mag es kaum glauben, gar nicht mal so wenige.

Auch Geezer aus Kingston, New York, zum Beispiel. Stoner Rock von der Ostküste? Entwarnung. »Groovy«, das fünfte reguläre Album des Powertrios, klingt so staubig, als käme man gerade nach einer langen Generator-Party mit einer fahrenden Hotbox aus dem gebenedeiten Palm Desert kariolt. Pat Harringtons Gesang erinnert an Brant Bjork, aber ihre Songs besitzen deutlich mehr Fuzz- und Rhythmuspfund, als der Alte zuletzt auf die Waage brachte. Egal in welchem Tempo man sich gerade bewegt, von laidback bis zum forschen Off-Beat, Drummer Steve Markota und Bassmann Richie Touseull pumpen einen mitreißenden Groove auf den Teppich. Die Band ist hervorragend eingespielt und weiß, wo sie hin will. Da verirrt sich keine Improvisation im Weed-Nebel, da ist alles nur so verpeilt, wie man es eben haben will, und einige Stücke, wie das boogieske Titelstück, sogar beinahe radiotauglich. Na ja, zumindest fürs Spätprogramm.

Man soll es ja nicht verschreien, aber nehmen wir mal Valkyrie, Volcanova und Geezer als ein großes Versprechen – dass die Kreativitätsdelle im Stoner Rock langsam überwunden ist.

Valkyrie: »Fear« (Relapse)

Volcanova: »Radical Waves« (The Sign)

Geezer: »Groovy« (Heavy Psych Sounds)

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