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Rauchen

Von Helmut Höge
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In den Partnersuchdiensten findet man Aberhunderte von Frauen, die eine »Liebe fürs Leben« oder ein »Abenteuer« suchen, aber darauf bestehen: nur mit Nichtrauchern. Die Frauen, die das nicht angaben und nun mit einem Raucher liiert sind, bestehen meist darauf, dass ihr neuer Freund wenn schon, dann nur auf dem Balkon raucht, was im Winter und bei Regen ziemlich gesundheitsschädlich ist. Wenn der Raucher das geltend macht, bekommt er zu hören: »Dann hör doch einfach auf zu rauchen.« Als ich 1969 nach Berlin kam, bewohnte ich zunächst ein Zimmer in der Wohnung zweier alter Damen. Als ich fragte, ob ich dort rauchen dürfe, bekam ich die Antwort: »Rauchen Sie, Rauchen Sie! Das hält die bösen Geister fern.«

Später lernte ich eine Frau kennen, die nichts dagegen hatte, dass ich nach dem Sex im Bett rauchte – aber nur in den ersten drei Nächten. Einmal interviewte ich einen Botaniker im Botanischen Garten und rauchte dabei. Ich bot ihm eine Zigarette an, woraufhin er meinte: »Nein, danke, also Pflanzen verbrennen, das kann ich nicht, können wir hier alle nicht – bis auf eine Kollegin sind alle Wissenschaftler hier Nichtraucher.«

In vielen US-amerikanischen Orten ist das Qualmen inzwischen selbst auf der Straße verboten, und in der Münchner Innenstadt, wo man coronabedingt nun auch draußen eine Schutzmaske tragen muss, verbietet sich das Rauchen quasi von selbst. Zudem steht auf jeder Zigarettenpackung: Rauchen tötet, macht impotent, verursacht Lungenkrebs ... Mit Fotos von Schwerkranken. Dazu kommen die »Rauchen verboten«-Schilder, die überall in den Behörden und öffentlichen Räumen hängen.

Die slowenische Philosophin Alenka Zupancic setzt sich in ihrem Buch »Das Reale einer Illusion« (2001) mit der Ethik nach Immanuel Kant auseinander. Der »Sozialstaat« wandele sich ihrer Lesart nach seit Jahren immer mehr zu einem Sicherheitsstaat, der mit kostengünstigen Gesetzen um sich wirft und die Ethik in seinen Dienst nimmt. Und das eben ist die Scheiße!

Zupancic beschreibt das heutige Verständnis von Ethik als etwas »im Kern Restriktives«. Dieses Verständnis verlangt, dass man »jeder Erfindung oder Schöpfung des Guten entsagt und ganz im Gegenteil als höchstes Gut ein bereits fest Etabliertes oder Gegebenes annimmt (das Leben etwa) und Ethik als Erhaltung dieses Gutes definiert.«

Das Leben mag die Voraussetzung jeder Ausübung von Ethik sein, aber wenn man aus dieser Voraussetzung das letzte Ziel der Ethik macht, ist es Schluss mit der Ethik. Sie basiert nunmehr auf einer regelrechten Ideologie des Lebens. In dieser Ideologie sei das Leben, so Zupancic, zu kostbar: »Du hast keine Nachkommen? Du bist nicht einmal berühmt? Wo sind denn die Ergebnisse deines Lebens? Bist du wenigstens glücklich? Nicht einmal das! Du rauchst?«

Man wird nicht nur für sein Unglück verantwortlich gemacht, »die Lage ist noch viel perverser: Das Unglück wird zur Hauptquelle der Schuldigkeit, zum Zeichen dafür, dass wir nicht auf der Höhe dieses wunderbaren Lebens waren, das uns ›geschenkt‹ worden ist. Man ist nicht etwa elend, weil man sich schuldig fühlt, man ist schuldig, weil man sich elend fühlt. Das Unglück ist Folge eines moralischen Fehlers. Wenn du also moralisch sein willst, dann sei glücklich!« – Und hör auf zu rauchen. Hör einfach auf.

Die Deutsche Krebsgesellschaft schreibt: »Das Rauchverhalten unterscheidet sich außerdem nach dem sozialen Status, der anhand des Bildungsniveaus, der beruflichen Stellung und der Einkommenssituation gemessen wird. Bereits seit einigen Jahrzehnten rauchen mehr Männer und Frauen mit niedrigem sozialen Status als mit hohem sozialen Status.« Dies deckt sich mit US-amerikanischen Studien, die Barbara Ehrenreich in ihrem Buch »Wollen wir ewig leben?« (2020) zitiert. Danach haben hart arbeitende Unterschichtler (Fabrikarbeiter, Krankenschwestern, Alleinerziehende) das Rauchen sogar bitter nötig: Eine Zigarettenpause ist für sie die einzige Möglichkeit, dem Stress für kurze Zeit zu entkommen. Auch Schriftsteller rauchen oft und gerne: Bei ihnen ist das Rauchen mit dem Lesen, Denken und Schreiben fast unlösbar verbunden. Wollten sie das Rauchen aufgeben, müssten sie vielleicht auch mit dem Schreiben aufhören.

Unverzichtbar!

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Debatte

  • Beitrag von Jürgen G. aus B. (20. Oktober 2020 um 14:05 Uhr)
    Mal wieder Raucherwerbung in der jW. Wen interessieren die Toten des Tabakkonsums. Wichtig ist: immer schön Maske tragen.

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