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Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der DDR

Semantische Hüllen

Ekkehard Lieberam über die Leistungen der DDR und die Verfälschung ihrer Geschichte
Von Herbert Münchow
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Teilnehmer der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz

Folgt man den halluzinatorischen Medienberichten über die DDR, dann könnte man denken, dass es sie nie gegeben hat. Die Furcht vor der DDR wird verdeckt hinter einem ausgeklügelten und sehr kostspieligen DDR-Bashing.

»Wendige Vergesslichkeit«, eine Streitschrift von Ekkehard Lieberam, setzt sich damit auseinander. Der Autor ist kein Unbekannter. In der DDR mit der Analyse politischer Systeme befasst und langjährig aktiv in verschiedenden marxistischen Zusammenschlüssen, gehört er zu den kenntnisreichen Theoretikern der Entwicklung des Sozialismus. Von Anfang an hat er an der Debatte unter Sozialisten und Kommunisten über die DDR teilgenommen. Die Broschüre enthält fünf Texte, die sich mit den praktischen Erfahrungen, konzeptionellen Problemen und beachtlichen Leistungen der Gestaltung des Sozialismus in der DDR befassen.

Seine Grundgedanken fasst der Autor in einem exzellenten Vorwort zusammen. Er analysiert die Mechanismen, mit denen bürgerliche Ideologie die DDR systematisch delegitimiert, kriminalisiert und denunziert. Diese Geschichtsdeutung verwende, so Lieberem, vor allem vier Begriffe: SED-Diktatur, Unrechtsstaat, Wende und friedliche Revolution. Es handle sich dabei um semantische Hüllen, die die Realitäten des politischen und gesellschaftlichen Lebens in der DDR verschlucken. Damit lasse sich sowohl die unfriedliche Konterrevolution vertuschen als auch die Tatsache, dass davon nur die Rechte profitiert.

Aus der Geschichte des Sozialismusanlaufes in der DDR können die Schwierigkeiten nicht ausgeblendet werden. Lieberam betont, dass der Sozialismus keine kurzfristige Übergangsgesellschaft zum Kommunismus sei, sondern eine sich entwickelnde eigenständige Gesellschaftsordnung. Zu den tieferen Ursachen der Niederlage schreibt er: »Sozialismus als gemeinwirtschaftliche Gesellschaftsordnung erwies sich als möglich, aber in ihrer realsozialistischen Verfasstheit als nicht fähig, erfolgreich mit den Metropolen des Kapitals zu konkurrieren. Der vom Kapitalismus aufgezwungene Rüstungswettlauf tat sein übriges. Die soziale Struktur und eine abgehobene Machtstruktur verlangten nach mehr Demokratie und gesellschaftspolitischer Dynamik. Eine sozialistische Handlungsorientierung aber, die auf Demokratisierung setzen wollte, ohne zugleich ein tragfähiges Konzept der ökonomischen Vitalisierung vorzulegen, erwies sich als Weg zur Auflösung der sozialistischen Staatsmacht und letztlich zur Konterrevolution.«

Was die Schrift von Ekkehard Lieberam wertvoll und verbreitungswürdig macht, ist seine Analyse der Verfälschung der Geschichte der DDR und die Verallgemeinerung der gewonnenen Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus für die Gegenwart und Zukunft. Davon können Linke nur profitieren.

Ekkehard Lieberam: Wendige Vergesslichkeit. Sozialismusanlauf in der DDR und 30 Jahre Schluckvereinigung. Pad, Bergkamen 2020, 84 Seiten, 6 Euro. Direktbezug: Pad-Verlag, Am Schlehdorn 6, 59192 Bergkamen, E-Mail: pad-verlag@gmx.net

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Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. (19. Oktober 2020 um 11:18 Uhr)
    Sozialismus ist kein kurzer Abschnitt auf dem Weg zum Kommunismus, aber ebensowenig eine eigenständige Gesellschaftsordnung. Sozialismus ist der unreife Kommunismus. Es gibt nicht zu leugnende sozialistische Gesetzmäßigkeiten. Da ich bereits einige andere Texte von Lieberam kenne, ahne ich schon, worum es ihm geht: mehr Marktwirtschaft! Oder was ist sonst mit »ökonomischer Vitalisierung« gemeint? Die ewig alte Leier, die die kommunistische Bewegung nur noch mehr in die Sozialdemokratie treiben wird …

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