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Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Echt lutherisch

Zu jW vom 10./11.10: »Ehrenwerte Eidbrecher«

Ich erlaube mir, einige Hinweise zu geben, wie sich die damalige offizielle evangelische Kirche im Fall des Kriegsdienstverweigerers Hermann Stöhr verhalten hat: Seit August 1939 wurde sie von einem dreiköpfigen »Geistlichen Vertrauensrat« geführt, dessen Sprecher der »dienstälteste Bischof«, der hannoversche Landesbischof August Marahrens, war, »politisch ein gläubiger Anhänger Hitlers« (der Kirchenhistoriker Klaus Scholder). Dieser echt lutherische Bischof hatte sich kurz zuvor für seine hannoversche Landeskirche »zur nationalsozialistischen Weltanschauung bekannt, die in aller Unerbittlichkeit den politischen und geistigen Einfluss der jüdischen Rasse bekämpft« (…). Bald danach rechtfertigte er den deutschen Angriffskrieg gegen Polen als Kampf, »damit deutsches Blut zu deutschem Blut heimkehren darf«. Nachdem Stöhr am 16. März 1940 wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt worden war, wandte sich der Gefängnisseelsorger Harald Poelchau an (…) Marahrens, um den Geistlichen Vertrauensrat zu einem Gnadengesuch zu bewegen. Diesen Antrag in die Tagesordnung der nächsten Sitzung am 12. April 1940 aufzunehmen verwarf der Bischof, weil ihm anderes wichtiger war: ein Lobpreis zu Hitlers Geburtstag sowie die Ankündigung eines »Glockenopfers«, nachdem Hermann Göring angeordnet hatte, »sämtliche Glocken aus Bronze abzuliefern, damit unser Volk durch eine genügend große Metallreserve gegen alle Möglichkeiten der weiteren Kriegsentwicklung gewappnet ist«. (…) Einen Tag nach diesem Tag der Schande für die evangelische Kirche, am 13. April, wurde das Todesurteil gegen Hermann Stöhr bestätigt, und am 21. Juni 1940 wurde es vollstreckt. (…) Bei Marahrens’ altersbedingtem Rücktritt 1947 sprach ihm die Synode in Hannover einstimmig »in Blick auf seine Amtsführung als Ganzes volles Vertrauen und bleibende Dankbarkeit aus« – und damit auch für seine Weigerung, ein Gnadengesuch für Hermann Stöhr einzulegen. Im Sinne der »bleibenden Dankbarkeit« erhielt die lutherische Heimvolkshochschule in Loccum 1953 seinen Namen; dabei ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Vielleicht finden sich nach dem dankenswerten Artikel von Helmut Donat Menschen, die bestrebt sind, das zu ändern.

Hartwig Hohnsbein, Göttingen

Aufnahme ermöglichen

Zu jW vom 12.10.: »In trüben Gewässern«

Wir schließen uns dem Aufruf des Forums Ziviler Friedensdienst aus Köln an: »Wir wollen keine Festung Europa!« (…) Wir sehen, dass Europa sich zunehmend abschottet und trotz der ungeheuerlichen Zustände in den Mittelmeeranrainerländern und auf See die Menschenrechte außer Kraft setzt. Wenn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nun innerhalb von nur fünf Tagen an den Außengrenzen in Screeningverfahren feststellen möchte, wer Aussicht auf Asyl hat, ist das unseres Erachtens unmöglich. Man bedenke, dass noch immer rund 200.000 Asylverfahren ab 2015 laut BAMF-Präsident Hans-Eckhard Sommer an deutschen Verwaltungsgerichten anhängig sind. Ein schnelles »Aussieben« kann daher nur dazu führen, dass das Asylrecht weitgehend missachtet werden müsste. (…) Wir fordern, dass die willigen europäischen Staaten die Geflüchteten, zumindest erst einmal die von den griechischen Inseln, unter sich aufteilen. In Deutschland gibt es 193 Städte und Landkreise, die sich dem Bündnis »Sichere Häfen« angeschlossen haben, bereits sieben in Brandenburg. Wir freuen uns sehr, dass unsere Stadt Neuruppin und unser Landkreis dazugehören. Wir fordern Innenminister Horst Seehofer auf, den Weg für die Aufnahme der Geflüchteten freizumachen. (…) Für ihr Militär geben Frankreich, Deutschland und Italien nach Angaben des Friedensforschungsinstituts SIPRI jährlich zusammen rund 115 Milliarden Euro aus (…). Was könnte man mit diesem Geld nicht alternativ alles machen? (…) Wir sollten nie vergessen, dass es reiner Zufall ist, dass wir in einem wohlhabenden Land geboren wurden. Es ist kein Verdienst, eher ein Anlass zur Dankbarkeit.

Beate Schädler, Gabriela Weischet, Petra Zimdars, Willi Kreis, Willkommensinitiative »Neuruppin lebt bunt«

Gegen Irrationalismus

Zu jW vom 13.10.: »Neue Normalität«

Zwar hat die jW-Redaktion keine Debatte über die Anticoronamaßnahmen der Regierung initiiert, sondern sah ihre Hauptaufgabe (…) darin, faktenfest über Covid-19 zu informieren. Sehr wohl aber geschah dies mit genauem Blick auf Grund- und Menschenrechtsverletzungen (etwa Bauzäune um Armenwohnblocks, Rolle der privaten Wachdienste, Situation der Obdachlosen und Suchtkranken). Das mehrfach aktualisierte »Coronakompendium« – wenn auch mit dem Charme eines überlangen Beipackzettels – und auch die Corona-Themenseiten des jW-Chefredakteurs Stefan Huth zum Beispiel waren keine kritiklosen Regierungsverlautbarungen. Irgendwelche Luxusdebatten wie auf TV-Kanälen etwa der Schweiz, wo auch Obskures gesendet wurde, würden dem Irrationalismus, den zu bedienen immer auch Herrschaftsstrategie der »Öffentlich-Rechtlichen« und der Mainstreammedien ist, noch mehr Vorschub leisten, und Teile der Linken sind gegen diesen keineswegs immun.

Ronald Brunkhorst, Kassel (Onlinekommentar)

Schweres Gepäck

Zu jW vom 14.10.: »Dubiose Deals«

Ein wichtiger Beitrag. Deutsches Kapital befeuert die Korruption in Südafrika zum offensichtlichen Nachteil der Menschen, die seit Jahrzehnten auf eine Verbesserung ihrer Lage hoffen. Südafrika gilt inzwischen als Gesellschaft mit der weltweit größten Ungleichheit. Ist es das schwere historische Gepäck der kolonialen und der Apartheidvergangenheit, das das Land so niederdrückt? Das auch. Aber viele Ursachen liegen im Hier und Jetzt. Die seit vielen Monaten tagende Untersuchungskommission zum Korruptionssystem der Zuma-Gupta-Ära bringt permanent erschreckende Fakten ans Tageslicht. Davon sind die »dubiosen Deals« der Softwarefirma SAP ein nicht kleiner Teil.

Detlev Reichel, Tshwane/Südafrika

Für Rüstung geben Frankreich, Deutschland und Italien jährlich zusammen rund 115 Milliarden Euro aus. Was könnte man mit diesem Geld nicht alternativ alles machen?

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

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