Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken
Gegründet 1947 Freitag, 23. Oktober 2020, Nr. 248
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken
Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken
Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Kampfsportszene

»Klare Kante gegen Nazis«

Modelabels, Turniere, Straßenterror: In Kampfsportszene organisieren sich extrem Rechte und proben den Aufstand. Ein Gespräch mit Robert Claus
Von Oliver Rast
imago0094085656h.jpg
Verbotsniederlage: Besucher des Nazisportevents »Kampf der Nibelungen« ziehen enttäuscht ab (Ostritz, 12.10.2019)

Was macht sogenannten Extremkampfsport für Nazis so attraktiv?

Die Nähe zum realen Kampf. Doch es sind nicht nur Extremkampfsportarten bzw. Vollkontaktdisziplinen im Kampfsport, sondern auch Übungen aus der Selbstverteidigung. Neonazis trainieren und professionalisieren ihre Gewalt für den Straßenkampf. Außerdem verbinden sie Kampfsport mit Wehrsport. Niemand sollte also dem Irrtum aufsitzen, ihre Gewalt bliebe im Sportraum.

Welche Veranstaltungen werden von Angehörigen extrem rechter Kreise organisiert?

Es gibt in Deutschland zwei neonazistische Kampfsportevents: Den »Kampf der Nibelungen«, KdN, und das sächsische »Tiwaz«. Durch sie wird die Szene finanziert und vernetzt. Außerdem wird Nachwuchs über die Gewalt rekrutiert. Der KdN wurde 2018 zum größten Kampfsportevent der militanten Neonaziszene in Westeuropa. Und: Jenseits dieser Nazievents gibt es jedoch noch viele Fightnights, die selbst nicht extrem rechts sind, aber viel zu oft extrem rechte Kämpfer gebucht haben. Die wiederum bringen dann entsprechendes Publikum mit. Das ist ebenso ein großes Problem!

Die einzelnen Veranstaltungen sind Teil eines ganzen Netzwerkes. Was gehört alles dazu?

Hinter dem »Kampf der Nibelungen« steht die »Kampfgemeinschaft«, ein bundes- und europaweites Netzwerk an Neonazikleidungslabels sowie militanten »Kameradschaften«. Diese Gruppen sind vielfach verantwortlich für rassistische Gewalttaten. Verbindungen reichen bis ins ukrainische Militär und den Krieg in der Region Donbass. Sie alle eint ein Ideal gewalttätiger Männlichkeit sowie der rassistische Hass auf Migrantinnen und Migranten.

Die Kampfsportevents scheinen finanziell lukrativ zu sein. Über welche Umsätze reden wir hier?

Allein über die Events wurden fünfstellige Beträge umgesetzt, mit dem Gewinn die politische Arbeit der Kader finanziert. Wenn man die Erträge der internationalen Kleidungsmarken hinzuzählt, sprechen wir sicherlich über sechs- bis siebenstellige Summen. Das staatliche Verbot des KdN als Event 2019 hat der Naziszene finanziell also sehr weh getan.

Die Organisatoren von »Kampf der Nibelungen« haben kürzlich bis auf weiteres alle Veranstaltungen abgesagt. Was bedeutet das?

Seit dem Verbot des Events 2019 läuft eine Klage der Veranstalter beim Verwaltungsgericht in Dresden. Dort wird entschieden, ob die Untersagung rechtens war und Folgen für weitere Veranstaltungen hat. Dieses Jahr wiederum sollte der KdN als Onlinestream stattfinden, doch der Videodreh hierfür wurde polizeilich unterbunden. Insofern müssen die Neonazis die gerichtliche Entscheidung aus Dresden abwarten, um Rechtssicherheit zu bekommen, bevor sie weitere Kampfsportevents veranstalten. Das kann dauern. Doch die Gefahr besteht weiterhin: Zwar verliert die Szene damit ihr Flaggschiff im Kampfsport. Doch extrem rechte Ideologie bleibt gewalttätig, die Netzwerke sind nicht weg, und die Kleidungsmarke KdN wird auch ohne Events weiter Gewinne für die Szene abwerfen.

Engagieren sich bestimmte Initiativen innerhalb der Kampfsportszene gegen rechte Unterwanderung?

Ja, durchaus. Es gibt den Internetblog »Runter von der Matte«, der detaillierte Recherchen über Neonazis im Kampfsport veröffentlicht sowie viele rührige Gyms, die klare Kante gegen Neonazis zeigen, sie also nicht im Training haben wollen. Außerdem haben sich Verbände aus Mixed-Martial-Arts und Kickboxen deutlich gegen den KdN positioniert. Ein Problem bleibt: Durch den gesellschaftlichen Kampfsport- und Fitnessboom der vergangenen Jahre hat sich ein riesiger, unübersichtlicher Sportmarkt jenseits der klassischen Vereine etabliert. Vorbestrafte Neonazis dürfen ein Kampfsportstudio eröffnen. Es braucht also Regularien, wer ein Gym eröffnen kann sowie eine bundesweite fachliche Debatte über Präventionsansätze im Betrieb all dieser Sportschulen. Das Verbot eines Nazikampfsportevents wie des KdN ist also ein wichtiger, aber auch nur ein erster Schritt.

Robert Claus ist Ethnologe. Jüngst erschien sein Band »Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert« im »Werkstatt«-Verlag

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • Vollkommen egal, was deutsche Polizisten verbrechen: Bundesinnen...
    21.09.2020

    Keine Überraschung

    Weitere Fälle von Neonaziumtrieben bei Polizeibehörden. Bundesinnenminister reagiert mit Nebelkerzen

Mehr aus: Schwerpunkt