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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Handel ist legaler Betrug

Am 28. November vor 200 Jahren wurde Friedrich Engels geboren. Mit 23 Jahren schrieb er die »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie«. Ein Auszug (Teil II)
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»Die nächste Folge des Privateigentums ist der Handel ... Bei jedem Kauf und Verkauf stehen sich also zwei Menschen mit absolut entgegengesetzten Interessen gegenüber« – anonymes Fresko im Castello di Issogne (Aostatal) aus dem 15. Jahrhundert: Handel in einer Apotheke

Aber war denn das Smithsche System (Adam Smith, 1723–1790, Begründer der klassischen Nationalökonomie, d. h. der Theorie des Kapitalismus der freien Konkurrenz, des politischen Liberalismus und des Freihandels. Quelle von Reichtum war für ihn Arbeit. jW) kein Fortschritt? ­– Freilich war es das, und ein notwendiger Fortschritt dazu. Es war notwendig, dass das Merkantilsystem (Merkantilismus war die in Europa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert vorherrschende Wirtschaftstheorie und -politik absolutistischer Monarchien. Gefördert wurden Exporte, Importe beschränkt, Handelsüberschüsse galten als Quelle des Reichtums. jW) mit seinen Monopolen und Verkehrshemmungen gestürzt wurde, damit die wahren Folgen des Privateigentums ans Licht treten konnten; es war notwendig, dass alle diese kleinlichen Lokal- und Nationalrücksichten zurücktraten, damit der Kampf unserer Zeit ein allgemeiner, menschlicher werden konnte; es war notwendig, dass die Theorie des Privateigentums den rein empirischen, bloß objektiv versuchenden Pfad verließ und einen wissenschaftlichen Charakter annahm, der sie auch für die Konsequenzen verantwortlich machte und dadurch die Sache auf ein allgemein menschliches Gebiet herüberführte; dass die in der alten Ökonomie enthaltene Unsittlichkeit durch den Versuch ihrer Wegleugnung und durch die hereingebrachte Heuchelei – eine notwendige Konsequenz dieses Versuches – auf den höchsten Gipfel gesteigert wurde. All dies lag in der Natur der Sache. Wir erkennen gerne an, dass wir erst durch die Begründung und Ausführung der Handelsfreiheit in den Stand gesetzt sind, über die Ökonomie des Privateigentums hinauszugehen, aber wir müssen zu gleicher Zeit auch das Recht haben, diese Handelsfreiheit in ihrer ganzen theoretischen und praktischen Nichtigkeit darzustellen. (…)

Der einzig positive Fortschritt, den die liberale Ökonomie gemacht hat, ist die Entwicklung der Gesetze des Privateigentums. Diese sind allerdings in ihr enthalten, wenn auch noch nicht bis zur letzten Konsequenz entwickelt und klar ausgesprochen. Hieraus folgt, dass in allen Punkten, wo es auf die Entscheidung über die kürzeste Manier, reich zu werden, ankommt, also in allen strikt ökonomischen Kontroversen, die Verteidiger der Handelsfreiheit das Recht auf ihrer Seite haben. (…)

Der Ausdruck Nationalreichtum ist erst durch die Verallgemeinerungssucht der liberalen Ökonomen aufgekommen. Solange das Privateigentum besteht, hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Der »Nationalreichtum« der Engländer ist sehr groß, und doch sind sie das ärmste Volk unter der Sonne. (…) Die Wissenschaft sollte unter den jetzigen Verhältnissen Privatökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.

Die nächste Folge des Privateigentums ist der Handel, der Austausch der gegenseitigen Bedürfnisse, Kauf und Verkauf. Dieser Handel muss unter der Herrschaft des Privateigentums, wie jede Tätigkeit, eine unmittelbare Erwerbsquelle für den Handeltreibenden werden; d. h. jeder muss suchen, so teuer wie möglich zu verkaufen und so billig wie möglich zu kaufen. Bei jedem Kauf und Verkauf stehen sich also zwei Menschen mit absolut entgegengesetzten Interessen gegenüber; der Konflikt ist entschieden feindselig, denn jeder kennt die Intention des andern, weiß, dass sie den seinigen entgegengesetzt sind. Die erste Folge ist also auf der einen Seite gegenseitiges Misstrauen, auf der andern die Rechtfertigung dieses Misstrauens, die Anwendung unsittlicher Mittel zur Durchsetzung eines unsittlichen Zwecks. So ist z. B. der erste Grundsatz im Handel die Verschwiegenheit, Verheimlichung alles dessen, was den Wert des fraglichen Artikels herabsetzen könnte. Die Konsequenz daraus: Es ist im Handel erlaubt, von der Unkenntnis, von dem Vertrauen der Gegenpartei den möglichst großen Nutzen zu ziehen, und ebenso, seiner Ware Eigenschaften anzurühmen, die sie nicht besitzt. Mit einem Worte, der Handel ist der legale Betrug. Dass die Praxis mit dieser Theorie übereinstimmt, kann mir jeder Kaufmann, wenn er der Wahrheit die Ehre geben will, bezeugen.

Das Merkantilsystem hatte noch eine gewisse unbefangene, katholische Geradheit und verdeckte das unsittliche Wesen des Handels nicht im mindesten. (…) Die gegenseitig feindselige Stimmung der Nationen im achtzehnten Jahrhundert, der ekelhafte Neid und die Handelseifersucht waren die konsequenten Folgen des Handels überhaupt. Die öffentliche Meinung war noch nicht humanisiert, was sollte man also Dinge verstecken, die aus dem unmenschlichen feindseligen Wesen des Handels selbst folgten.

Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie. Deutsch-Französische Jahrbücher. Paris 1844. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 1. Dietz-Verlag, Berlin 1972, Seiten 501–503

Der erste Teil dieses Auszugs erschien in der jW-Wochenendbeilage vom 10./11. Oktober

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