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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Ins Jenseits, nur in welches?

Geklittert und verkleistert: Der Film »Astronaut« erzählt von Rente und Raumfahrt
Von Felix Bartels
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Ausnahmsweise nicht Morgan Freeman: Richard Dreyfuss spielt den alternden Weltraumtouristen

Angus Stewart (Richard Dreyfuss), der mit ersten Formen der Verwirrtheit zu kämpfen hat, lebt noch im Haus seiner Tochter Molly (Krista Bridges), steht jedoch mit einem Bein schon im Altersheim. Insonders die Beziehung zu seinem Schwiegersohn Jim (Lyriq Bent) gestaltet sich schwierig, während er zu seinem Enkel Barney (Richie Lawrence) das freundschaftliche Verhältnis hat, das Menschen mit den Kindern ihrer Kinder meist pflegen. Seit er denken kann, träumt der pensionierte Straßenbauingenieur Angus davon, Astronaut zu werden. Nun, im Alter von 75, erfährt er, dass sich dieser Traum noch erfüllen könnte. Im Rahmen des ersten kommerziellen Weltraumflugs schreibt der Milliardär Marcus Brown (Colm Feore) ein Freiflugticket aus, um das sich jeder bis 60 bewerben kann. Barney überredet seinen Großvater, es zu versuchen, wobei der über sein wahres Alter lügen muss. Als er überraschend in die engere Auswahl kommt, entdeckt Angus jedoch ein technisches Problem, das Menschenleben gefährden könnte. Er beginnt einen Kampf, bei dem es darum geht, gehört zu werden, und im Zuge dessen die belastete Familie sich wieder näherkommt.

Was im Anriss der Handlung bescheiden zwar, doch recht stringent noch klingt, zerfasert sich im Fortlauf der Erzählung ziemlich. »Astronaut« wirkt ein wenig, als hätte man »Einer flog über das Kuckucksnest« (1975), »Archie und Harry« (1986), »Astronaut Farmer« (2006) und »Back in the Game« (2012) übereinandergelegt, das Herausstehende abgeschnitten und aus diesen Resten dann den Film gemacht. Was dabei herauskam, ist zuweilen charmant, in Momenten sehr klug und bewegend und jedenfalls weit über dem Niveau dessen, was ich hier beiläufig als neuere Gerontomödien denunzieren will (»R. E. D.«, »Last Vegas«, »Abgang mit Stil«, »Das ist erst der Anfang«), worin ein paar Rentner es noch mal wissen wollen und in denen – weiß der Geier warum – immer Morgan Freeman mitspielt. Doch als Erzählung bleibt »Astronaut« geklittert. Das klingt jetzt hart, da der Film trotz fehlender Integrität ziemlich integer ist. Getragen vom feinen Spiel seines Hauptdarstellers, erzählt er die Geschichte eines Menschen, der am Ende seines Lebens aufs Ganze kommen möchte. Das nämlich ist das Thema von Shelagh McLeod, die hier neben der Regie auch das Drehbuch verantwortet.

Sie habe, berichtet McLeod, als sie erzählt, wie ihr die Idee zu diesem Film kam, in einem Altenheim einen Bewohner die Sterne beobachten sehen. Als sie ihn fragte, was er da sehe, antwortete er: »Einen neuen Anfang«. Am Ende des Lebens schaut man ins Jenseits, nur in welches? Der Kosmos ist jenseits und dennoch weltlich, der Blick ins weltliche Jenseits wird zum weltlichen Blick ins Jenseits. Der alte Mann schaut auf eine Grenze, die überschritten werden kann, aber nicht mehr von ihm. So verhält es sich im Film bei Angus, der schließlich bei den physischen Tests durchfällt, dessen Kampf für das Gelingen der Mission aber zum Stellvertreter wird. Und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an, dichtete Schiller, lange bevor es Raumfahrt gab. (Dass der Film einem schwerverkleisterten Happy­end zuliebe diese kluge Prämisse dann wieder umreißt, ist ein weiteres Beispiel erwähnter Klitterei.)

Doch warum »Anfang?« Altsein bedeutet nicht, immer noch dieselben Wünsche zu haben wie als Jugendlicher, sondern wieder. Was im Beruf, in der Pflicht, der Resignation und Umorientierung vergessen wurde – alle die Möglichkeiten, die liegenblieben im Ablauf eines Erwachsenenlebens –, einiges davon doch zu tun, das kommt im Alter noch einmal in Betracht. Man will nicht vom Alltag ins Grab fallen. Der Ruhestand sei die schönste Zeit des Lebens, ganz so, wie Weihnachten am Ende des Jahres liegt. Eine humane Gesellschaft ist nicht zuletzt daran kenntlich, wie sie mit ihren alten Menschen umgeht: dass sie Armut in der Rente nicht duldet, ihnen medizinischen Schutz und Versorgung garantiert, auch vor und nach einer Pandemie, dass sie sie vorkommen und zählen lässt, statt sie mit dümmlichem Okay-Boomer-Gequatsche und juvenilem Körperkult an den Rand zu drängen.

Wie Gus Lobel in »Back in the Game« hat Angus ein professionelles Wissen, über das der Fortschritt irgendwann hinweggegangen ist, das aber gebraucht wird. Doch was Clint Eastwood am Sujet eines Baseballscouts gelingt, scheitert hier, von der strukturellen Schwäche der Erzählung abgesehen, an mangelnder Entfaltung. Ob im Raumfahrtprogramm, im Altenheim oder im Alltag der Familie – die Personage ist stets auf wenige Figuren begrenzt, und all das wirkt daher, bei insgesamt bescheidener Inszenierung, seltsam reduziert und somit unwirklich. Möglicherweise fehlte McLeod da etwas Distanz zum Stoff. Durch »Astronaut« erlebt sie, die früher als Schauspielerin arbeitete, im Alter von 60 Jahren ihr Debüt als Regisseurin eines Spielfilms. Ihr Film erzählt damit praktisch seine (und ihre) eigene Geschichte.

»Astronaut«, Regie: Shelagh McLeod, Kanada 2019, 97 Min., bereits angelaufen

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