Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken
Gegründet 1947 Montag, 26. Oktober 2020, Nr. 250
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken
Unverzichtbar! Jetzt junge Welt stärken

Ein Konto bei der Zentralbank

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
Lucas_Zeise_Logo.png

Die Europäische Zentralbank (EZB) scheint ernst zu machen. Am 2. Oktober veröffentlichte sie einen Plan, wie sie digitales Zentralbankgeld in die Welt bringen will. In der vergangenen Woche ging sie mit »öffentlichen Konsultationen« an die interessierte Öffentlichkeit. Derartiges macht man nicht, wenn man ein solches Vorhaben verfolgt. Mitte nächsten Jahres soll über die Fortsetzung des Projekts entschieden werden.

Es geht im Kern darum, die Bürger des Kontinents außer mit Scheinen und Münzen mit echtem Geld zu versorgen, das für bargeldlose Zahlung geeignet ist. Also will man ihnen ein Konto direkt bei der EZB oder ihren nationalen Notenbanken (in unserem Fall der Deutschen Bundesbank) einrichten. Das Konto, das fast alle Bürger in diesem Land bei einer Geschäftsbank oder Sparkasse unterhalten, ist dem ganz ähnlich, es hat nur den gelegentlich entscheidenden Nachteil, dass das Geld weg ist, sobald die Bank oder Sparkasse pleite oder eben zahlungsunfähig ist. Das ist bei einem Zentralbankkonto anders. Ein derartiges Institut garantiert schließlich für das Geldes. Der Normalbürger – auch der normale Kapitalist – verfügt heute nicht über ein solches Konto bei der Zentralbank. Nur die Banken haben dieses Privileg.

Wer vermutet, die EZB betreibt das Projekt nicht, um uns vor den Folgen eines Bankenkrachs zu bewahren, der liegt richtig. Anlass für die Bemühungen der EZB ist vielmehr Mark Zuckerberg. Der Gründer und Chef von Facebook hatte im Juni vorigen Jahres angekündigt, selbst eine – internationale, aber private – Zentralbank zu gründen und eine eigene Währung namens »Libra« auszugeben, mit der man überall auf der Welt bargeldlos würde zahlen können. Genauer gesagt, die Weltbürger würden Dollar, Euro, Peso einzahlen und dann über ein auf »Libra« lautendes Konto c/o Zuckerberg verfügen, womit sie dann mittels ihrer smarten Handys über Zuckerbergs »soziales Netzwerk« Zahlungen leisten und entgegennehmen können.

Wenn die staatlichen Zentralbanken sich solche Frechheiten eines der mächtigsten Superkapitalisten des Globus nicht einfach bieten lassen, ist das eigentlich zu begrüßen. Andererseits macht das geplante Konto für alle bei einer Zentralbank die Überwachung und Kontrolle aller Zahlungsvorgänge aller Bürger noch einfacher. Die EZB stellt denn auch mit Befriedigung fest, dass Geldwäsche und kriminelle Geldtransaktionen sich damit besser bekämpfen lassen würden. Sorgen macht ihr dagegen etwas anderes. Wenn die Bürger die das Konto bei der Geschäftsbank nicht mehr brauchen, um Geld zu überweisen und zu empfangen, brauchen sie demnächst solche Banken überhaupt nicht mehr. Am Schluss hätten wir dann – schrecklicher Gedanke! – Verhältnisse wie im Sozialismus, wo der Staat in Geldangelegenheiten ein Monopol hat. Keine Angst, beruhigt da die EZB vorsorglich: Selbst in diesen Zeiten der Null- und Minuszinsen finden wir Wege, um Großbeträge (über 3.000 Euro) und vor allem ihre Beschaffung von unseren Bargeldkonten fernzuhalten. Die Kredit- und Geldschöpfung im großen Stil wird unverändert dem privaten Finanzkapital überlassen bleiben.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

Unverzichtbar!

»Besonders in der Schule lernt man wenig über die tatsächlichen historischen und aktuellen Zusammenhänge, umso wichtiger ist die junge Welt mit ihrem Beitrag zur Aufklärung.« – Saskia Bär, Studentin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • Die Grundlage des abstrakten Finanzwesens ist doch wieder ganz h...
    15.10.2020

    Barbarisches Relikt

    Vorabdruck: Das kapitalistische Geld- und Kreditsystem hat sich seit Marxens Zeiten weiterentwickelt, doch die Grundprinzipien der Werttheorie behalten ihre Gültigkeit – und auch Gold spielt weiterhin eine zentrale Rolle

Mehr aus: Kapital & Arbeit