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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 4 / Inland
Ermittlungen gegen Wehrsportgruppe

»Kriegsszenarien nachgestellt«

Offenbar Wehrsportgruppe in Süddeutschland ausgehoben: Polizei beschlagnahmt lasterweise Waffen und Wehrmachtsuniformen. Zündkapseln gesprengt
Von Sebastian Lipp
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Womöglich historisches Vorbild: Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann 1978

Im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen eine mutmaßliche Wehrsportgruppe haben 400 Polizistinnen und Polizisten am Donnerstag in Bayern und Baden-Württemberg insgesamt 17 Wohnungen durchsucht. Neben den Räumlichkeiten in München und Kempten, den Landkreisen Augsburg, Biberach, Esslingen, Günzburg, Sigmaringen, Tübingen, Ostallgäu sowie dem Ostalb- und Rems-Murr-Kreis wurde nach Informationen der Schwäbischen Zeitung auch ein Waldstück in Bad Schussenried abgesucht. Ermittler und Spezialeinsatzkommandos mehrerer Bundesländer seien beteiligt gewesen, teilten die Polizei Ulm und die Staatsanwaltschaft Stuttgart am Donnerstag abend mit.

Bei der Großrazzia wurden unter anderem Computer, eine Vielzahl an Waffen, Munition, Uniformteile, Fahrzeuge und verfassungsfeindliche Symbole beschlagnahmt. Die Einsatzkräfte fanden zudem Granaten, für deren Begutachtung Sprengstoffexperten angefordert wurden. Im Landkreis Sigmaringen wurden zwei Zündkapseln unter Aufsicht der Fachkräfte kontrolliert gesprengt. Bei einem der Beschuldigten stellten die Ermittler außerdem Betäubungsmittel sicher. In den Landkreisen Esslingen, Sigmaringen und dem Rems-Murr-Kreis stießen die Ermittler auf eine derart hohe Anzahl an Waffen, dass zu deren Abtransport mehrere Lkw benötigt wurden. Aufgrund der Vielzahl an Beweismitteln zogen sich die Durchsuchungsmaßnahmen bis in die Abendstunden hin.

Hintergrund ist ein bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart geführtes Ermittlungsverfahren gegen derzeit 19 Beschuldigte, unter anderem wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Ausgangspunkt war ein Hinweis auf bewaffnete Personen in Wehrmachtsuniformen, die sich in einem Gebäude im Landkreis Biberach getroffen hätten. Die daraufhin geführten Ermittlungen der Kriminalpolizei Ulm hätten einen Verdacht gegen weitere Personen ergeben. Bei den Tatverdächtigen soll es sich um Männer und Frauen zwischen 27 und 77 Jahren handeln. Sie seien mit Wehrmachtsuniformen und mit Waffen ausgestattet in einem Waldstück zusammengekommen und hätten dort »Kriegsszenarien nachgestellt«, so die Ermittler.

Ob es sich dabei um Übungen nach dem Vorbild der »Wehrsportgruppe Hoffmann« und ähnlicher paramilitärischer rechter Organisationen der 1970er bis 1990er Jahre gehandelt hatte, wollten die Behörden mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen am Freitag auf Anfrage nicht beantworten. Ebenso nicht, wie viele Personen an den Kriegsszenarien teilgenommen hatten sowie ob sie rechten Gruppierungen angehören und falls ja, welchen. Die Auswertung der sichergestellten Gegenstände werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, hieß es. Ersten Ermittlungen zufolge hätten die Tatverdächtigen weder behördliche Genehmigungen zum Veranstalten dieser Treffen noch zum Führen der Waffen gehabt. Es bestehe weiterhin der Verdacht, dass die Männer und Frauen auch Waffen, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, benutzt und Kleidung getragen hätten, auf der verfassungsfeindliche Symbole angebracht waren.

Den Angaben zufolge hatte das Polizeipräsidium Ulm bei der Durchsuchungsaktion mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg und Bayern sowie den Spezialeinsatzkommandos mehrerer Bundesländer kooperiert. Sachverständige sollten zunächst klären, ob die sichergestellten Waffen scharf sind oder ob es sich zum Teil um sogenannte Anscheinswaffen handelt. Die Tatverdächtigen kamen vorerst wieder auf freien Fuß.

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