Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Home Office und Klinikangst

Homeoffice und Klinikangst

Rückgang von Herzinfarkt- und Schlaganfalldiagnosen in der Coronakrise kann mit Entschleunigung, aber auch mit Furcht zu tun haben
Von Marvin Oppong
imago0050433166h.jpg
Die Zahl der Diagnosen ist nicht die Zahl der Infarkte (Elektrokardiogramm)

In der Hochphase der Coronakrise war »Entschleunigung« angesagt. Geschlossene Betriebe, Menschen in Kurzarbeit oder Homeoffice, Existenzangst auf der einen Seite, mehr Zeit für die Familie auf der anderen – aber auch völlig neue Überforderungssituationen wie etwa beim Homeschooling.

Haben nun durch die Coronakrise andere Krankheitsbilder ab- oder zugenommen? Kam es durch die Abnahme von Stress im Büro zum Beispiel zu weniger Herzinfarkten? Sicher ist, dass es zeitweise deutlich weniger Diagnosen dieser Art gab. Allerdings werden leichtere und zunächst »stumme« Herzinfarkte zum Teil erst Wochen oder Monate später als solche erkannt.

Laut einem Bericht der Ärztezeitung von Ende März hatte die Berliner Charité mögliche Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten gemahnt, beim Auftreten von Symptomen den Notruf zu wählen oder ein Krankenhaus aufzusuchen. Nach Beginn der Coronakrise sei die Zahl dieser Patienten aber deutlich zurückgegangen. Dies habe offensichtlich bundesweit gegolten, so die renommierte Klinik. Die Vermutung liege nahe, dass bei Betroffenen Verunsicherung herrscht, ob sie in Zeiten einer Pandemie eine Klinik aufsuchen sollten. Dieses Phänomen verzerrt entsprechende Zahlen.

Für diesen jW-Beitrag wurden in einem Zeitraum von viereinhalb Monaten die größten Universitätskliniken und die größten Klinikkonzerne in Deutschland sowie die großen Kardiologien im größten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen angeschrieben. Einige davon mehrfach. Gefragt wurde nach der Entwicklung bei bestimmten sogenannten ICD-Codes, mit denen Ärztinnen und Ärzte Diagnosen verschlagworten.

Der Pressesprecher des Klinikums Dortmund, Marc Raschke, erklärte Anfang Juni, man werde das »vielleicht mit einigen Monaten Abstand, vielleicht aber auch nie wirklich aufdröseln können«. Welche Ursache beispielsweise ein Rückgang von Schlaganfällen habe, »können wir aktuell nicht seriös sagen«, hieß es. »Dass auch wir vorübergehend gewisse Rückgänge hatten, liegt vermutlich aufgrund von Corona und der Angst vor Krankenhäusern in der Natur der Sache.« Er wünsche »bei anderen Kliniken mehr Glück«. Zumindest bis Mitte Oktober, als junge Welt nochmals anfragte, gab es keine weitere Rückmeldung.

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf teilte Anfang Juni mit, dass in der »Stroke Unit«, einer Spezialstation für Schlaganfallbehandlung der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums Hamburg, »ein Rückgang um phasenweise bis zu 50 Prozent der sonst üblichen Gesamtbelegung verzeichnet« worden sei. »Dies betraf insbesondere die letzten beiden Märzwochen und ersten beiden Aprilwochen. Eine genaue Aufschlüsselung der Patientendaten zeigte, dass sich diese Abnahme nicht vor allem auf leichte Schlaganfallformen bezog, sondern auf alle«, so eine Sprecherin. Sie verwies allerdings auf Studien, denen zufolge eine Covid-19-Erkrankung vermehrte Thromben und Embolien verursache. Konsens sei derzeit »die Auffassung, dass das Schlaganfallrisiko bei Covid-19 leicht bis mäßig erhöht ist«.

Auch im Universitären Herz- und Gefäßzentrum der Hamburger Uniklinik seien in der Hochphase der Coronapandemie nur etwa 60 bis 65 Prozent der üblichen kardialen Eingriffe vorgenommen worden. »Ebenso konnte beobachtet werden, dass in dieser Zeit Patienten mit kardialen Beschwerden aufgrund der Angst vor dem Coronavirus verspätet die Klinik aufgesucht haben.« Im Mai hätten sich die Verhältnisse weitgehend normalisiert. Was spät oder gar nicht eingewiesenen Patientinnen und Patienten mit Schlaganfall und Herzinfarkt betreffe, wisse man von »Einzelschicksalen«, es gebe »aber bisher keine wissenschaftlichen Analysen, die die genauen Konsequenzen darstellen«. Auch hier bis Mitte Oktober keine Neuigkeiten.

Ein derartiger Trend zur Abnahme bei neurologischen Notfällen wie Schlaganfällen war im Frühsommer auch vom Universitätsklinikum Essen bestätigt worden. Man habe in den Monaten März und April »einen Rückgang um knapp 50 Prozent« im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Bis Juni hätten sich die Zahlen in der zentralen Notaufnahme »weitgehend angepasst«. Auch im Bereich der Herzpatienten gab es demnach einen Rückgang. »Unser Westdeutsches Herzzentrum verzeichnete in der Kardiologie für dieses Zeitfenster etwa 60 Prozent weniger Notfälle«, so der Sprecher des Essener Uniklinikums.

Ein Sprecher des Universitätsklinikums Aachen sprach ebenfalls von einer Abnahme der Patientenzahlen im Bereich Herzinfarkte und Schlaganfälle im Vergleich zum Vorjahr – dieser Trend sei aber bei den Schlaganfallpatienten weniger ausgeprägt. So sei im Zeitraum vom 13. März bis 19. April 2020 die Zahl der Herzinfarkte um 42 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Schlaganfälle um 19 Prozent und die der Hirninfarkte um elf Prozent.

In Aachen sei der Rückgang »wahrscheinlich sogar ausgeprägter als in den anderen Häusern der Region«, da das Klinikum »mit der größten Zahl an Intensivbetten in der Region, die meisten Coronapatienten behandelt habe«, erklärte ein Sprecher im Juni. Die Klinik appellierte öffentlich, Symptome eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls ernst zu nehmen und bei Verdacht trotz Coronakrise umgehend eine Klinik aufzusuchen.

Auch das Düsseldorfer Universitätsklinikum äußerte auf Nachfrage die befürchtung, »dass viele Menschen aus Sorge um ihre Sicherheit trotz einer behandlungsbedürftigen Erkrankung nicht zum Arzt gegangen sind«. Konkrete Zahlen wurden jedoch nicht mitgeteilt. Auf weitere Nachfrage hieß es zuletzt, dass eine entsprechende Datenauswertung »einen hohen Aufwand erzeugen würde«.

Ob die Ursache für weniger diagnostizierte Herzinfarkte in der ersten Hochphase der Coronapandemie weniger Stress in der Bevölkerung oder die Vermeidung von Krankenhausaufenthalten ist, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Womöglich greifen beide Aspekte ineinander. Es müsse dazu »Ursachenstudien geben, die wir aber im Krankenhausalltag nicht durchführen«, so der Sprecher des Klinikums Dortmund.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Jürgen Schopp: Gesund dank Corona Jetzt habe ich nach langer Zeit mal wieder auf eure Webseite geschaut und mich ein bisschen »informieren« wollen, was die jW so schreibt. Dann stoße ich auf den im Betreff genannten Artikel. Ich bin e...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche:

  • Bewohner des Townships Alexandra stehen für Lebensmittelhilfen a...
    17.09.2020

    Kein Schutz für Arme

    Südafrika: In Ballungsräumen bereits bis zu 40 Prozent der Menschen mit Coronavirus infiziert
  • Mittlerweile geht in Kuba fast niemand mehr ohne Maske aus dem H...
    09.04.2020

    Ein gemeinsames Ziel

    In Kubas Hauptstadt Havanna wird solidarisch gegen die Ausbreitung des Coronavirus gekämpft
  • Von Neuroleptika bis zu Schlafmitteln. Der Bayer-Konzern und and...
    10.12.2019

    Bayers Menschenversuche

    In den 1950er und 1960er Jahren haben Arzneimittelproduzenten Psychopharmaka an Heimkindern testen lassen. Eine Entschädigung lehnen die Pharmakonzerne ab

Mehr aus: Schwerpunkt