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Aus: Ausgabe vom 15.10.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Mehr als genug

Zu jW vom 12.10.: »Ohnmächtige Wut nach Räumung«

»Wer Scheiben einschlägt und Autos anzündet, hat sich aus der politischen Diskussion verabschiedet«, meint Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) zu den Protesten wegen der Räumung des Wohnprojekts »Liebig 34«. Und wer unzählige Immobilien sein eigen nennt – ob nun ererbt oder durch eigenen Raub, Betrug oder Spekulation erworben –, hat sich aus der Zivilisation, ja der gesamten Menschheitsfamilie »verabschiedet«. Die Erde mit all ihren Gütern gehört niemandem. Wir sind alle nur für ein paar Tage als Gäste auf ihr unterwegs, und ein jeder sollte sich folglich auch so benehmen. Wer das nicht will, hat sich offensichtlich im Planeten geirrt und ist zu dessen Sicherheit und zum Wohle seiner Bewohner aus dem Verkehr zu ziehen. »In der Welt gibt es genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier.« (Mahatma Gandhi)

Reinhard Hopp, per E-Mail

Analyse statt Apologie

Zu jW vom 10./11.10.: »Um uns selber kümmern«

Es müssen ja wirklich paradiesische Zustände in der DDR geherrscht haben: soziale Sicherheit und bescheidener Wohlstand, Gleichheit der Geschlechter, innerbetriebliche und politische Demokratie, ein sozialistischer Rechtsstaat, ein modernes Bildungs- und ein vorbildliches Gesundheitssystem (…). Da stellt sich die Frage: Wie dumm muss die Bevölkerung gewesen sein, dass sie diese Zustände nicht nur nicht verteidigt hat, sondern bewusst verlassen, gegen »Atombomben und Corned beef« eintauschen wollte? Und es stellt sich auch die Frage, warum sich heute nicht eine breite Mehrheit der ehemaligen DDR-Bevölkerung für eine Wiederkehr der damaligen Verhältnisse einsetzt (…). Meiner Ansicht nach wäre der Sache mit einer nüchternen Analyse all dessen mehr gedient, was die Menschen unter den Lebensbedingungen des Realsozialismus vermisst, worunter sie auch gelitten haben, als mit einer platten Apologetik. Eine solche Analyse müsste keineswegs in ein antikommunistisches DDR-Bashing münden: Sie könnte durchaus aufführen, was mit besten Absichten versucht und teilweise auch umgesetzt wurde. Und sie könnte die Ursachen dafür benennen, dass diesen Anstrengungen damals Grenzen gesetzt waren, wie sie sich etwa aus der Systemkonfrontation, der ökonomisch unterlegenen Ausgangsposition und der Unerfahrenheit beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft ergaben. Eine solche Herangehensweise dürfte nicht nur eine wirksamere, weil glaubwürdigere Propaganda für den Sozialismus beinhalten; sie wäre auch die Basis dafür, dass damalige Fehlentwicklungen sich bei einem zweiten Versuch nicht wiederholen.

Bernd Rautenberg, Oldenburg

Falsche Grundlagen

Zu jW vom 7.10.: »Eine andere Art der Niederlage«

Die Geschichte, die Felix Bartels über Sahra Wagenknecht erzählt, hat noch eine Pointe (…): Ihrem Weg vom Lobgesang auf Walter Ulbricht zu dem auf Ludwig Erhard ist eine gewisse Logik nicht abzusprechen. Den Lobgesang auf Ulbricht teilt Bartels, hält er doch das »Neue Ökonomische System« (NÖS) für ein probates Mittel, durch eine Verbindung von Markt und Plan unter Ausnutzung des Wertgesetzes die sozialistische Ökonomie zur Blüte zu bringen. Nur, mit dem Wertgesetz ist das so eine Sache. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Wert eines Produkts zu ermitteln, auf dem freien Markt hinter dem Rücken der Akteure oder direkt durch Arbeitszeitrechnung. Weder das eine noch das andere hatten die NÖS-Theoretiker zur Verfügung. Den freien Markt konnten sie aus politischen Gründen nicht wollen, Arbeitszeitrechnung, die Anfang der 1960er Jahre sogar mal diskutiert worden war, verwarfen sie. So verharrte die »sozialistische Warenproduktion« in einem Zustand, in dem sich weder die Vorzüge des Plans noch die destruktive Wirkung eines kapitalistischen Marktes entfalten konnten. Gerade die von Bartels so gelobte Preisform war bei näherem Hinsehen nichts anderes als der Versuch einer Nachbildung des guten alten Kostpreises – nur dass die Voraussetzungen für seine Herausbildung nicht gegeben waren. Das Ende der Illusionen einer Entwicklung des Sozialismus auf solch einer »eigenen« Grundlage ließ nicht lange auf sich warten. Der Widerspruch zwischen Plan und Markt musste sich irgendwann zu einer Seite hin auflösen. Das konnte nach Lage der Dinge nur der Markt sein – solange die DDR existierte, in das politische Korsett eines latenten Sozialdemokratismus gezwängt. Der praktische Beweis: Man lese die Abrechnungen und sonstigen Verlautbarungen von Kombinatsdirektoren und ökonomischen Funktionären nach der Konterrevolution. So weit entfernt von Ludwig Erhard ist das nicht.

Helmut Dunkhase, per E-Mail

Elefant im Raum

Zu jW vom 8.10.: »Coronaregeln wieder verschärft«

Der Berliner Senat versagt mal wieder auf ganzer Linie. Vertreter des Senats und der Regierungsfraktionen (ganz zu schweigen von CDU und AfD) und die Berliner Presse (…) schüren seit Monaten kleinbürgerliche, faschistoide Ressentiments. Schuld an der erhöhten Infektionsrate haben in ihren Augen natürlich die Ausländer (Hochzeiten, Familienbesuche im Ausland) und die Jugendlichen (Partys). Doch über den Elefanten im Raum spricht niemand: Busse und Bahnen sind chronisch überfüllt, und es gibt zu viele Nadelöhre (gesperrte oder verengte Ein- und Ausgänge). Die »zweite Welle« wurde korrekt vorhergesagt (Herbst halt). Der Senat hatte ein halbes Jahr Zeit, sich darum zu kümmern, wie man den Nahverkehr besser organisieren kann. (…). Doch das kostet wahrscheinlich zuviel. Dann schiebt man doch lieber die Verantwortung den Ausländern und Jugendlichen zu (…). Auch in den Berliner Schulen und Kindergärten ist die Situation katastrophal. (…) Dass Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) jetzt die Disziplin der Bürger bemängelt, ist nur zu verständlich, denn sie will von den Fehlern der Regierenden ablenken. Mir bleibt rätselhaft, warum den Menschen in dieser Stadt nicht der Kopf platzt ob der vielen Widersprüche.

Nils Carrara, per E-Mail

Die Erde mit all ihren Gütern gehört niemandem. Wir sind alle nur für ein paar Tage als Gäste auf ihr unterwegs, und ein jeder sollte sich folglich auch so benehmen.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

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