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Aus: Ausgabe vom 16.10.2020, Seite 12 / Thema
Kalter Krieg

Spione in fremden Diensten

In der Kuba-Krise im Oktober 1962 spielte Paris eine Schlüsselrolle: Im Auftrage Washingtons entdeckten französische Agenten in Havanna vor allen anderen die Ankunft sowjetischer Raketen
Von Hernando Calvo Ospina
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Schmeckte den USA nicht: Ballistische Raketen mit mittlerer Reichweite (links), Silo für Atomsprengköpfe (rechts) aus sowjetischer Produktion auf kubanischem Territorium

Auf Betreiben der Regierung von US-Präsident Harry S. Truman brach der kubanische Diktator Fulgencio Batista im April 1952 die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion ab. Am 4. Februar 1960, da waren bereits die Revolutionäre unter Fidel Castro Ruz an der Macht, stattete der stellvertretende Ministerpräsident der UdSSR, Anastas Mikojan, Havanna einen offiziellen Besuch ab. Kurzerhand wurden mehrere Handelsabkommen unterzeichnet, die für Kuba zu einer Zeit, als die Vereinigten Staaten ihre wirtschaftliche Aggression gegen den Inselstaat begannen, sehr vorteilhaft waren. Zudem trafen beide Seiten weitere Vereinbarungen über militärische Unterstützung. Drei Monate später wurden die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen.

Washington hat die militärischen Überfälle und Terrorakte der Batista-Getreuen von Anfang an gesponsert und der neuen revolutionären Führung den Verkauf von Ersatzteilen für die von der Diktatur erbeuteten Waffen verweigert. Darüber hinaus drängten die USA ihre Verbündeten, keine Rüstungsgüter an Kuba zu verkaufen bzw. die bereits unter Batista mit Staatsgeldern bezahlten nicht auszuliefern. Nur Belgien weigerte sich zu gehorchen und verkaufte Waffen und Granaten: Am 4. März 1960 explodierte das französische Schiff »La Coubre«, das die belgische Lieferung an Bord hatte, in der Bucht von Havanna. Etwa 70 Menschen starben, mehr als 200 wurden verwundet.

»Operation Mongoose«

Am 17. April 1961 versuchte eine von der CIA ausgebildete, angeleitete und bewaffnete Söldnertruppe, bestehend aus mehr als tausend Männern, über die als Schweinebucht bezeichnete Bahía de Cochinos in Kuba einzudringen, wurde jedoch in weniger als 70 Stunden zurückgeschlagen. US-Präsident John F. Kennedy, der diese Niederlage als schreckliche Demütigung für die Vereinigten Staaten empfand, ordnete die Ausarbeitung eines Plans an, der politische, militärische, wirtschaftliche und propagandistische Maßnahmen gegen Castro und seine Revolution enthalten sollte. So wurde die »Operation Mongoose« konzipiert, deren finaler Zweck eine direkte Invasion durch Marines war.

Während Washington einzig das Ziel verfolgte, der Kubanischen Revolution den Garaus zu machen, baute Moskau die vorteilhaften Handelsabkommen weiter aus und half bei der notwendigen Modernisierung der militärischen Verteidigung. Nachdem die sowjetischen Geheimdienste den Zweck der »Operation Mongoose« erkannt hatten, setzten sie Havanna in Kenntnis. Daraufhin schlugen die kubanischen Revolutionäre dem sowjetischen Führer Nikita Chruschtschow die Aufstellung einer Abschreckungsmacht auf ihrem Territorium vor, zu der auch ballistische Raketen gehören sollten. Der musste nicht erst überzeugt werden, hatte doch Washington kurz zuvor Atomraketen in der Türkei und in Italien stationiert, die sowjetisches Territorium binnen weniger Minuten erreichen konnten.

Der Vorschlag der Kubaner war ein riskanter Schritt, aber auf diese Weise konnte Moskau Washington von einem Raketenangriff abhalten; von Kuba aus war US-amerikanisches Territorium in etwa der gleichen Zeit zu erreichen wie sowjetisches von der Türkei aus. In jener Phase waren die Unterschiede in der atomaren Bewaffnung enorm: Die Vereinigten Staaten besaßen 5.000 nukleare Sprengköpfe, die Sowjetunion 300. Am 21. Mai 1962 billigte der sowjetische Verteidigungsrat die »Operation Anadyr«: Zwischen Juni und Oktober 1962 wurden unter anderem konventionelle Waffen und 24 Abschussrampen für ballistische Raketen, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückbar waren, in Bewegung gesetzt. Alles geschah unter völliger Geheimhaltung, obwohl die kubanische Führung darum gebeten hatte, dass eine solche Vereinbarung öffentlich gemacht würde. Washington schenkte dem wachsenden sowjetischen Schiffsverkehr nach Kuba keine große Aufmerksamkeit. Noch am 29. August behauptete Präsident Kennedy auf einer Pressekonferenz, er habe keine Informationen über die Präsenz sowjetischer Truppen in Kuba, geschweige denn über Raketen.

De Gaulles Einverständnis

Paris, Montag, 22. Oktober 1962, 17 Uhr. Dean Acheson, ehemaliger US-Außenminister überreicht dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle einen Brief von Kennedy. Der informiert darin über eine Entscheidung, die nach einer Woche streng geheimer Untersuchungen und Diskussionen getroffen wurde: Er werde um 19 Uhr, Mitternacht französischer Zeit, verkünden, eine Blockade über Kuba zu verhängen. Dies »wird Rüstungsgüter aller Art umfassen, in naher Zukunft auch Ölprodukte, und wenn es später notwendig sein wird, soll die Blockade total sein«. So steht es in einem als »streng geheim« klassifizierten Bericht über dieses Treffen.¹

Am Morgen des 14. Oktober hatte ein Spionageflugzeug vom Typ U2 in sechs Minuten 928 Fotos geschossen. Am 15. waren darauf von einem Spezialteam die Komponenten der Mittelstreckenrakete SS-4 vollständig identifiziert worden. Ein ziemlich solider Beweis. Kennedy hatte die Spionageflüge über Kuba seit dem 9. Oktober genehmigt, aber schlechtes Wetter hatte zunächst brauchbare Aufnahmen verhindert.

Im Bericht des Treffens vom 22. Oktober hieß es: »Es scheint, dass die Waffensysteme, die installiert werden, noch nicht vollständig sind. (…) Es geht darum, die Ankunft (der restlichen Teile) zu verhindern.« Am 16. Oktober informierte der Sicherheitsberater Kennedy, der sofort eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrats einberief. Zu den ersten Maßnahmen, die aus diesem Treffen hervorgingen, gehörte die Aufstellung eines vereinten Atlantikkommandos, das die Befehlsgewalt für alle durchzuführenden militärischen Aktionen in seinen Händen halten sollte. Alle Land-, See- und Luftstreitkräfte der USA in der Region sollten ihm unterstellt sein.

Dem geheimen Bericht des Treffens zufolge verstand de Gaulle, dass Kennedy ihn nicht um seine Meinung oder Teilnahme bat, sondern lediglich informierte, und äußerte sich wie folgt: »Frankreich wird sich nicht widersetzen, denn es ist normal, dass ein Land sich verteidigt, Präventivmaßnahmen eingeschlossen, wenn es bedroht wird und über die Mittel verfügt, sich zu verteidigen. Wie Acheson in dem in Washington vorgelegten Dossier vermerkte, habe de Gaulle erklärt: »Ich billige die Politik der Entschlossenheit Ihres Präsidenten.« Der Exaußenminister zeigte sich von dieser Haltung überrascht. De Gaulle: »In dieser Angelegenheit ist Frankreich für Washington ein treuerer und verlässlicherer Verbündeter als London, das den Pazifismus seiner Presse und der öffentlichen Meinung fürchtet.«² (Es sei darauf hingewiesen, dass Kennedy außer de Gaulle nur den britischen Premierminister Harold Macmillan und den westdeutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer informierte.)

Eine solche unbedingte Solidarität ohne weitere Nachfragen oder Bewertungen war vom französischen Präsidenten nicht erwartet worden, bestanden doch zwischen beiden Nationen Auseinandersetzungen über geostrategische Fragen. Vor allem aber auch deshalb, weil de Gaulle unter den Regierenden einer der wenigen war, die sich weigerten, die Beziehungen zu Kuba zu beenden oder sich Washingtons wirtschaftlicher und politischer Blockade gegen das kleine Land anzuschließen. Am Ende des Austauschs mit Achelson zeigten zwei Vertreter der CIA de Gaulle Briefe und Fotos einiger Orte in Kuba, an denen sich sowjetische Einrichtungen befanden.

Bei dem Treffen habe man, wie es in dem Bericht heißt, versucht, Chruschtschows Ziele zu bestimmen: dass die Vereinigten Staaten aufhören sollten, die Sowjetunion und ihre Verbündeten mit ihren Raketen zu bedrohen, die Invasion in Kuba zu verhindern und eine »moralische Verwirrung in der westlichen Hemisphäre« zu stiften. »Und endlich hat Chruschtschow auf diplomatischer Ebene die Gelegenheit zu sagen: Lasst uns über die Beseitigung aller Militärstützpunkte auf fremdem Territorium sprechen.«

»General de Gaulle schätzt ein, dass Chruschtschow ein umfangreiches Manöver um Kuba herum plant, das ihm erlaubt, über Militärstützpunkte, aber auch über die Berlin-Frage zu verhandeln, auf direkte russisch-amerikanische Gespräche zu drängen und die Länder Lateinamerikas zu beeindrucken. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, denn die Vereinigten Staaten haben die Verteidigung Europas sichergestellt, um zu verhindern, dass Europa zu einem antiamerikanischen Stützpunkt wird, und jetzt sehen wir, dass es einen solchen Stützpunkt in Amerika gibt.«

Am Abend dieses 22. Oktober würde Kennedy in seiner kurzen Ansprache an die Nation sagen: »Diese rasche Umwandlung Kubas in einen wichtigen strategischen Stützpunkt (…) stellt eine ausdrückliche Bedrohung des Friedens und der Sicherheit aller amerikanischen Staaten, und zwar in flagranter und bewusster Missachtung (…) der Traditionen unserer Nation und unserer Hemisphäre, (…) der Charta der Vereinten Nationen sowie meiner eigenen öffentlichen Warnungen an die Sowjets (…) dar.« Zum Ende hin erklärte der US-Präsident: »Unsere Geschichte – im Gegensatz zu der sowjetischen nach dem Zweiten Weltkrieg – zeigt, dass wir nicht danach streben, irgendein anderes Land zu beherrschen oder zu erobern oder seiner Bevölkerung unser System aufzuzwingen.« Als sich diese Botschaft in der ganzen Welt verbreitete, lächelten viele spöttisch.

Am 28. Oktober trafen die Sowjetunion und die USA eine Vereinbarung: den Rückzug der Raketen aus Kuba, Italien und der Türkei, und die Verpflichtung der USA, in Kuba militärisch nicht zu intervenieren. Diese Verhandlungen fanden hinter dem Rücken der NATO-Mitglieder statt, und auch Kuba als direkt betroffenes Land war davon ausgeschlossen.

Bundesgenosse CIA

Die uneingeschränkte Unterstützung für Kennedys Position war nicht der einzige Beitrag Frankreichs zur Kuba-Krise: Paris spielte eine entscheidende Rolle, noch bevor die Krise begann. Denn de Gaulle war von Kennedys Ankündigung weder überrascht noch besorgt, und das nicht nur, weil er sich sicher war, dass es keinen Atomkrieg geben würde.³ Der General hatte Kenntnis von der sowjetischen »Operation Anadyr«, da seine Spionagedienste in Kuba sehr schnell auf sie aufmerksam wurden.

Vor dem Sieg der Revolution war Kuba für die französische Regierung »eine amerikanische Zone, ein Vergnügungsort für Milliardäre und Mafiosi«.⁴ Als dann Fidel Castro an die Macht kam, änderten sich die Dinge grundlegend. Die neue kubanische Regierung erkannte die Nationale Befreiungsfront FLN, die gegen Frankreich für die Unabhängigkeit Algeriens kämpfte, an – mit allem, was dazugehörte: Ausbildung, Waffen und diplomatische Unterstützung in Weltorganisationen wie der UNO. Für Frankreich reichlich unangenehm.

Daher beschloss Paris im September 1959, Roger du Gardier als Botschafter nach Kuba zu entsenden. Der war bereits in Guatemala französischer Chefdiplomat, als im Juni 1954 der dortige Präsident Jacobo Árbenz in einem von Anfang bis Ende von Washington geplanten Coup gestürzt wurde. Du Gardiers Erfahrungen und insbesondere seine Kontakte zur CIA, die er in dem mittelamerikanischen Land geknüpft hatte, waren gefragt. Zumindest gegenüber Kuba verfolgten Frankreich und die USA ähnliche Interessen.

Und Philippe Thyraud de Vosjoli, alias Lamia, sollte Kuba nun häufiger besuchen. Offiziell war er französischer Vizekonsul in Washington und für die Visakontrollen zuständig, in Wirklichkeit jedoch die Verbindungsperson zwischen dem Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionnage (SDECE), also dem damaligen französischen Auslandsgeheimdienst, und der CIA. Mit seinen Kontakten zur kubanischen Bourgeoisie sollte er »die bestehenden Informationsnetzwerke festigen«. In Abstimmung mit Botschafter du Gardier habe er eine sehr effiziente Arbeit geleistet, schreibt er in seinen Memoiren.⁵ De Vosjoli berichtet darin, dass ihn der CIA-Chef nach der Niederlage in der Schweinebucht in einer dringenden Angelegenheit zu sich gerufen habe. Allen Dulles, der für diese Schmach verantwortlich gemacht wurde, sagte ihm, dass die Kommunikation mit seinen Kontakten gestört sei: »Wir wissen nichts über das, was in Havanna geschieht.« Da er Franzose sei, würde er bei den kubanischen Behörden kein größeres Misstrauen erregen, deshalb schlug er vor, sich dort Informationen zu holen. Paris erteilte die Genehmigung, und am 27. April 1961 reiste er von Miami aus an. Am 3. Mai kehrte er zurück, und ein Auto brachte ihn direkt zum CIA-Hauptquartier.

Mit den erhaltenen Informationen erstattete Dulles Bericht an Kennedy, der sie am 5. Mai vor dem Nationalen Sicherheitsrat, dessen einziger Tagesordnungspunkt Kuba war, vorstellte. Dort wurde dann die Entscheidung getroffen, auch weiterhin Fidel Castro und die kubanische Revolution zu bekämpfen, aber auch die Dringlichkeit betont, an Informationen über die Militärabkommen zwischen der UdSSR und Kuba zu gelangen. Dulles bat de Vosjoli daraufhin darum, der französische Geheimdienst möge seiner Behörde weitere Kenntnisse über Kuba zukommen lassen. Die SDECE-Führung stimmte zu. Kurz darauf übergab die CIA de Vosjoli einen winzigen hochmodernen Sender, der in einem abgelegenen Büro der französischen Botschaft installiert wurde. Von dort gingen die Informationen direkt an die CIA-Filiale in Miami. So wurden du Gardier und de Vosjoli zu den besten Kollaborateuren der CIA. Sie arbeiteten mehr für die CIA als für ihre eigenen Institutionen.⁶ Oder anders gesagt: Der französische Botschafter »wurde ein bemerkenswerter Geheimdienstoffizier«, dessen Telegramme »es ermöglichten, die Entwicklung der Operation Anadyr fast täglich zu verfolgen«.⁷

In der Zwischenzeit hatte Präsident de Gaulle den Auftrag erteilt, Informationen und Mittel zur Stärkung von Frankreichs Atomwaffenarsenal zu besorgen. De Vosjoli erkannte, dass die Ergebnisse ihrer Agententätigkeit in Kuba, die für Washington eminent wichtig waren, im Tausch dafür angeboten werden konnten. Aber auf Anordnung des Kongresses durften die Vereinigten Staaten weder Informationen noch Computer, geschweige denn angereichertes Uran weitergeben. Kennedy, der das ebensowenig wollte, ermächtigte allerdings im Januar 1962 die CIA, wenigstens das, was sie über die sowjetische Nukleartechnologie wusste, den Franzosen zur Verfügung zu stellen.

Während die CIA aber nur unbedeutende Unterlagen übergab, erteilte Paris am 28. Mai die Genehmigung für ein eigenes Büro der CIA in der französischen Botschaft in Havanna. De Vosjoli brachte modernste Abhör- und Kommunikationsausrüstung der CIA in seinem Diplomatengepäck ins Land.⁸ Laut seinen Memoiren erwähnten Informanten und Botschafter du Gautier erstmals Ende Juli »die Ankunft sowjetischer Schiffe in Havanna und, seltsamerweise, in Mariel, einem kleinen Hafen, der auf den Karten Kubas nur selten auftaucht (…), und es weckte meine Aufmerksamkeit, dass dieser Hafen für Kubaner geschlossen war und dass sowjetische Soldaten die Schiffe selbst entladen haben. Welche wertvollen Gegenstände könnte Chruschtschow nach Kuba geschickt haben?« Der SDECE-Offizier fuhr fort, dass er aus »verschiedenen, im allgemeinen sehr gut informierten Quellen« erfahren hatte, dass seit Anfang August »große Gruppen von Jugendlichen (…) nachts von russischen Schiffen in den Häfen von Mariel und Bahia Honda von Bord gingen …«

De Vosjoli traf sich dann umgehend mit dem neuen CIA-Chef John McCone und vergewisserte sich, dass niemand wusste, was wirklich vor sich ging. Der Spion kehrte nach Havanna zurück. Aber die Nachrichten, die er und der Botschafter von ihren kubanischen Informanten erhielten, schienen ihnen doch ein wenig zu phantastisch. Bis ein französischer Militärangehöriger, der auf der Insel Urlaub machte, »mich darüber informierte, dass er eine Rakete gesehen hatte, die in einem Lastwagen transportiert wurde«, sowie »große Sattelschlepper, die russische Raketen unter einer Plane transportierten«. Auch zwei »Hilfskräfte der Botschaft«, einer von ihnen ein Unteroffizier, hatten einige Nächte zuvor »auf einer Nebenstraße, die von der Polizei evakuiert worden war, Militärkonvois« erblickt, »die von West nach Ost fuhren, darunter schwere Traktoren, die sechsrädrige Anhänger zogen, angeblich zwölf Meter lange Raketenabschussrampen.

Größter Dank

Am 22. August 1962 erstattete McCone Kennedy Bericht über die Raketen und die sowjetische Militärhilfe für Kuba: Fast alles beruhte auf den Beiträgen von de Vosjoli und du Gardier. Die Franzosen hatten eine so effiziente und wichtige Arbeit geleistet, dass der französische Botschafter in Washington, Hervé Alphand, am 7. September 1962 an Außenminister Maurice Couve de Murville schrieb und ihm mitteilte, Kennedys Außenminister Dean Rusk habe »sich für die Informationen über die Situation in Kuba, die wir dem Außenministerium und den Geheimdiensten der Vereinigten Staaten zur Verfügung gestellt haben, bedankt«.⁹

Im Oktober empfing de Vosjoli den persönlichen Dank McCones. Für nichts weniger als dies: »Ich habe Grund zu der Annahme, dass meine Informationen zusammen mit denen anderer die Grundlage für Präsident Kennedys Entscheidung waren, die Russen zur Rechenschaft zu ziehen.« Der französische Staat hatte den Vereinigten Staaten fürwahr einen fundamentalen Dienst erwiesen, als er über die Ankunft der sowjetischen Raketen informierte, was die USA bald zum Anlass nahmen, die schwerste Krise des sogenannten Kalten Krieges zu provozieren. Es heißt, diese Tätigkeit sei »wegen ihrer Präzision und ihrer Bedeutung eine der wichtigsten in der Geschichte des französischen Geheimdienstes«.¹⁰

Frankreich hat Wort gehalten, während die Informationen, die Paris von der CIA über die Herstellung sowjetischer Atomwaffen erhielt, nicht zur Entwicklung der französischen Nuklearstrategie beitrugen.

Anmerkungen

1 Maurice Vaïsse y Hervé Margo (Hrsg.): Dans les archives secrètes du Quai d’Orsay. De 1945 à nos jours. L’Iconoclaste, Paris, 2019. Siehe auch: Archives de la présidence de la République, 4AG1-201. Archives Nationales, Paris

2 Zit. nach: Maurice Vaïsse: La France et la crise de Cuba, in: Histoire, économie et societé, 1994. Siehe auch: Jean Lacouture: De Gaulle (Band 3): Le Souverain, Paris 1986

3 »De Gaulle et la crise de Cuba: la conduite de crise, avant, pendant et après«, Fondation Charles de Gaulle, Lettre Nº14, Paris, 11.6.2020

4 Vincent Jauvert: L’Amérique contre De Gaulle, Paris 2000

5 Philippe Thyraud de Vosjoli: Lamia, l’Anti-barbouze, Montreal 1972

6 Vincent Jauvert, a. a. O.

7 Dans les archives secrètes du Quai d’Orsay. De 1945 à nos jours, a. a. O.

8 Philippe Thyraud de Vosjoli, a. a. O. Siehe auch: Vincent Jauvert, a. a. O.

9 Hervé Alphand: L’Étonnement d’être. Journal 1933–1973, Paris 1997

10 Vincent Jauvert, a. a. O.

Hernando Calvo Ospina ist investigativer Journalist und Schriftsteller aus Kolumbien. Er ist Autor zahlreicher Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, und permanenter Mitarbeiter der französischen Monatszeitung Le Monde Diplomatique. Seit 1986 lebt er als politischer Flüchtling in Frankreich.

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