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Aus: Ausgabe vom 13.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Den Dunst wegblasen

Online über Bücher reden und trotzdem quer zum Trend: Ein Ausblick auf die jW-Lesewoche
Von Jens Walter
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Die Frankfurter Buchmesse findet in dieser Woche planmäßig von Mittwoch bis Sonntag statt, nur nicht in den Messehallen, sondern im Internet. Das entspricht einem Trend in der Coronazeit: Gedrucktes wird stark nachgefragt, der Austausch darüber weitgehend ins Virtuelle verlagert. Die Branche hätte sich »mehr Mühe bei der Suche nach anderen Lösungen« geben müssen, meint der Chef des Klett-Cotta-Verlags im aktuellen Spiegel mit Hinweis auf den »Selbsteinschluss in digitalen Stammesgemeinschaften«. Aber die Messeleitung um Direktor Juergen Boos scheint einigermaßen fest entschlossen, diese Gemeinschaften zusammenzubringen. So gibt es beim »Bookfest digital« zum Beispiel zwölf Minuten mit Jamie Oliver und direkt im Anschluss Daniela Katzenberger (»Die Katze verrät super easy Rezepte mit wenig Aufwand«).

Ob solcher Gesellschaft organisieren sich viele Verlage eine Alternative, Livestreams von Buchvorstellungen sind zum Standard geworden. Die vom 14. bis 17. Oktober in der jW-Ladengalerie stattfindende Lesewoche reiht sich da ein und liegt trotzdem quer zum Trend. Den Unterschied ums Ganze machen wie immer die Inhalte. Denn Literatur im engeren Sinne bleibt auf dem Buchmarkt zum größten Teil »gewirkt aus spekulativem Spinnweb, überstickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebesschwülem Gemütstau«. Die zahllosen Onlineaussteller stillen schließlich »statt wahrer Bedürfnisse das Bedürfnis der Wahrheit«, und was sie vertreten, sind »die Interessen des menschlichen Wesens, des Menschen überhaupt (…), des Menschen, der keiner Klasse, der überhaupt nicht der Wirklichkeit, der nur dem Dunsthimmel der philosophischen Phantasie angehört«. Zitate aus dem »Manifest der Kommunistischen Partei«, Kapitel drei, über Literatur. Das spielt zwar keine Rolle auf der Frankfurter Onlinemesse, in der parallel veranstalteten jW-Lesewoche aber ist die Präsentation einer neuen Sonderausgabe des »Manifests« ein Höhepunkt.

Eine mit Vorgeschichte: 1966 übernahm die Malerin und Grafikerin Lea Grundig (1906–1977) den Auftrag, farbige Illustrationen für eine Ausgabe des »Manifests« anzufertigen, die im Dietz-Verlag erscheinen sollte. Im Verlauf eines Jahres entstanden elf großformatige Blätter. Das Publikationsvorhaben scheiterte, auch eine geplante Mappe mit den Bildern konnte nicht erscheinen. Bisher wurden sie nie zusammen gezeigt. Im vergangenen Jahr aber konnte der Verlag 8. Mai von Lea Grundig autorisierte Andrucke zu diesen Illustrationen erwerben, und so wird der vollständige Zyklus nun bald zum ersten Mal publiziert. In einer »Manifest«-Ausgabe, die am Freitag auf der jW-Lesewoche von Kunsthistoriker Andreas Wessel und Verlagsleiter Andreas Hüllinghorst präsentiert wird.

Vorher geht es am Mittwoch zum Auftakt der jW-Lesewoche aber ums digitale Leben im schlechten Allgemeinen. Timo Daum, Autor von preisgekrönten Analysen wie »Das Kapital sind wir« und »Die Künstliche Intelligenz des Kapitals«, liest aus seinem aktuellen Werk »Agiler Kapitalismus. Das Leben als Projekt«. Er zeigt, dass es sich bei der als Selbstverwirklichung angepriesenen Agilität um nichts anderes als »immer mehr Freiheit in der Sklaverei« handelt. Eingängig beschrieben wird der Prozess, der uns »wie das Kapital selbst werden« lassen soll.

Mit derlei Zumutungen musste sich US-Undergrounddichter Charles Bukowski (1920–1994) noch nicht herumschlagen. Die dreckigen Seiten des Kapitalismus kannte er dennoch bestens. Bevor er vom Schreiben leben konnte, verdingte er sich unter anderem als Arbeiter im Schlachthaus und in einer Hundefutterfabrik, als Trucker, Baumwollpflücker, Tankwart, Tellerwäscher, Zuhälter, Briefträger und Postsortierer. Darüber schrieb er dann auch. Selten ist das Leben am Boden der Gesellschaft so eindringlich dargestellt worden wie von ihm. Bukowski, das war nicht nur der prollige Säufer und Frauenheld, als der er sich gerne inszenierte, sondern ein großer Literat der Selbstbehauptung. Das stellt Frank Schäfer in seinen »Notes on a Dirty Old Man« heraus, einer idealen Ergänzung zur klassischen Biographie von Neeli Cherkovski »Das Leben des Charles Bukowski«, die gerade in einer erweiterten, überarbeiteten Fassung bei Maro erschienen ist. Schäfer und Verlegerin Sarah Käsmayr stellen beide Bände am Donnerstag im Gespräch mit jW-Literaturredakteur Peter Merg vor.

Von den Mühen der Selbstbehauptung weiß man auf Kuba ein Lied zu singen. Seit 60 Jahren besteht die völkerrechtswidrige Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade gegen den sozialistischen Karibikstaat. Unter dem aktuellen US-Präsidenten wurde sie noch einmal deutlich verschärft, was die Bevölkerung in Zeiten der Pandemie besonders hart trifft. Während im Frühjahr kubanische Ärzteteams 27 Staaten im Kampf gegen das Coronavirus unterstützten, wurde die Belieferung der Republik mit Beatmungsgeräten unter Verweis auf die Sanktionen eingestellt. Damit diese inhumane und perverse Politik ein Ende findet, baut das »Unblock Cuba«-Bündnis aus über 60 Organisationen europaweit öffentlichen Druck auf. Von diesem Kampf berichten zum Höhepunkt der Lesewoche am Sonnabend der Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher Dokumentarfilme Hans-Peter Weymar sowie zwei Vertreterinnen des Bündnisses. Moderiert wird die Veranstaltung vom Leiter des jW-Ressorts Außenpolitik, Matthias István Köhler, für die musikalische Begleitung sorgt der chilenische Liedermacher Nicolás Rodrigo Miquea. Das Gespräch kann auf Deutsch und Spanisch weltweit live mitverfolgt werden. Ignacio Ripoll Diaz, Botschafter der Republik Kuba, spricht ein Grußwort.

Vier Abende, die aus unterschiedlichen Perspektiven verdeutlichen, worauf es im Kampf um eine menschlichere Welt ankommt – alle können per Livestream auch bequem von zu Hause verfolgt werden. Fragen ans Podium können auch per E-Mail an ladengalerie@jungewelt.de gestellt werden. Auf diesem Weg ist auch die Bestellung der präsentierten Bücher möglich. Die jeweils ersten zehn Besteller erhalten signierte Exemplare.

jW-Lesewoche, Mi. bis Sa., jeweils 19 Uhr, Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin-Mitte

Livestreams unter jungewelt.de/lesewoche

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