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Aus: Ausgabe vom 14.10.2020, Seite 12 / Thema
SAP-Korruption in Südafrika

Dubiose Deals

Um an Aufträge von Staatsunternehmen und Behörden in Südafrika zu kommen, haben Konzerne wie SAP hohe »Kommissionen« an dubiose Vermittlerfirmen gezahlt. Der Skandal zeigt, wie tief der Korruptionssumpf im Land ist
Von Christian Selz
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Hasso Plattner inszeniert sich gerne als Wohltäter, sollte sich aber auch im übertragenen Sinne einmal an die eigene Nase fassen. Der von ihm mitgegründete SAP-Konzern ist in eine Korruptionsaffäre verwickelt, die den Menschen in Südafrika schadet

Als die Not am größten war, stand Hasso Plattner parat. So zumindest lässt es sich der Schlagzeile des Business Insider South Africa vom 9. Juni entnehmen. »Lernen Sie den Deutschen kennen, der soeben 100 Millionen Rand für Südafrikas Coronaviruskampf gespendet hat«, lautete der Titel des zum Axel-Springer-Konzern gehörenden Wirtschaftsnachrichtenportals für ein von dessen Stiftung bereitgestelltes Porträt des SAP-Mitgründers. Südafrika sei für ihn zu einer zweiten Heimat geworden, erklärte der Milliardär anlässlich der Zuwendung in Höhe von umgerechnet rund fünf Millionen Euro, die er dem von Staatspräsident Cyril Ramaphosa im März ins Leben gerufenen »Solidarity Fund« (»Solidaritätsfonds«) zukommen ließ. Er kenne die dortigen »Herausforderungen«, fügte Plattner hinzu, und sei »stets gewillt, dabei zu helfen, Möglichkeiten zu schaffen, durch unsere eigenen Projekte der sozialen Verantwortung oder durch die Unterstützung anderer wirkungsvoller Initiativen wie dem Solidarity Fund«.

Golfen und netzwerken

Plattners Wirken in Südafrika kann in der Tat als umtriebig beschrieben werden. Die Stiftung des SAP-Mannes, der nach seinem Rückzug aus dem Vorstand des Unternehmens 2003 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte, engagiert sich für Kinder aus armen Gemeinden, betreibt ein HIV-Präventionsprogramm und fördert die Wissenschaft, beispielsweise durch ein eigenes Design-Thinking-Institut an der Universität Kapstadt (das auf seiner Webseite Design Thinking abstrakt beschreibt als »eine systematische Herangehensweise an komplexe Problemstellungen aus allen Lebensbereichen«¹). Nahe George, einer 150.000-Einwohner-Stadt am Indischen Ozean, vier Autostunden östlich von Kapstadt, nennt der 76jährige zudem ein Luxushotel mit Konferenzzentrum sein Eigen, das über drei Weltklasse-Golfplätze verfügt. Das Manager-Magazin folgerte daraus schon 2003, dass der Unternehmer »am Kap vor allem seine Golfleidenschaft kultiviert«, erwähnte bei der Gelegenheit aber auch in einem Halbsatz, dass er »einem Beratergremium von Präsident Thabo Mbeki angehört«. Genauer handelte es sich dabei um den »Präsidentiellen Beratungsrat zu Informationsgesellschaft und Entwicklung«, mit dessen Hilfe der von 1999 bis 2008 amtierende Mbeki die Modernisierung der IT-Infrastruktur des Landes voranbringen wollte. Plattners Dienste schätzte der damalige Staatschef jedoch auch anderweitig, das Manager-Magazin jedenfalls wusste, dass Mbeki dessen Golfanlage »gerne für internationale Konferenzen« nutzte. Auch dabei ging es freilich nicht nur um sportliche Betätigung auf bestens gepflegten Grünanlagen. In einer Bankettrede anlässlich des 10. Gründungstags von SAP South Africa berichtete Mbeki im September 2002 von einem Treffen des Beratergremiums in George, bei dem unter anderem die Einführung eines Systems in der elektronischen Verwaltung diskutiert worden sei.

Es sorgte seinerzeit kaum für Misstrauen, dass SAP zugleich Dienstleister südafrikanischer Regierungsinstitutionen war. Schließlich galt Plattner als ausgewiesener Fachmann, sein Konzern als global führend auf dem Feld der Verwaltungssoftware. Erst Mitte 2017 änderte sich die öffentliche Wahrnehmung des Unternehmens schlagartig, als ein gigantischer Korruptionsskandal ans Licht kam, der Mbekis Nachfolger Jacob Zuma schließlich zum Rücktritt zwang. Zuma, unter Mbeki einst als Vizepräsident entlassen und nach einem langen Machtkampf innerhalb des regierenden African National Congress (ANC) 2009 als Spitzenkandidat der Partei zum Staatspräsidenten gewählt, erschien in vielerlei Hinsicht als komplettes Gegenteil seines Vorgängers. Hatte Mbeki im Parlament noch poetische Reden geschwungen, scheiterte Zuma schon beim Ablesen von Zahlenwerten. Während Mbeki sich intellektuell gab, tanzte Zuma zu seinem Lieblingslied aus der Zeit des Antiapartheidkampfes – wichtigste Zeile des Stücks: »Bring mir mein Maschinengewehr«. Mbeki hatte schon zu Zeiten des Apartheidsregimes von Bergbaukonzernen vermittelte, geheime Verhandlungen mit dem alten Regime geführt, deren Resultat schließlich ein demokratischer Wandel bei gleichzeitiger Beibehaltung des ökonomischen Status quo war. Zumas Parole war »radikale ökonomische Transformation«. Während sein Vorgänger an seinem Golfspiel feilte, schlug Zuma vor laufenden Fernsehkameras bei einem Benefizturnier Luftlöcher. Kurzum: Es lag auf der Hand, dass die etablierte Unternehmenselite mit dem neuen Mann ein wenig fremdelte. Die Geschäfte aber wollten weiterhin gepflegt werden, nur waren dazu nun verstärkt die Dienste von »Vermittlern« nötig. In einen solchen Deal war auch SAP verwickelt.

Fragwürdige Vermittlungen

Konkret ging es um ein Geschäft mit dem staatlichen Transportkonzern Transnet, der für den Betrieb des südafrikanischen Güterverkehrsnetzes, der Häfen und der Pipelines zuständig ist. Um an einen Auftrag für Software im Wert von 100 Millionen Rand (damals 6,7 Millionen Euro) zu kommen, schloss SAP im August 2015 ein »Verkaufskommissionsabkommen« mit der weitgehend unbekannten Firma CAD House. Letztere hatte zwar weder Software-Expertise noch war sie je als Verkaufsberater aufgetreten, sie wies aber eine Eigenschaft auf, die in jener Zeit beim Zugang zu Behörden und Staatskonzernen äußerst hilfreich war: CAD House gehörte zum Unternehmensnetzwerk der Gupta-Brüder. Jenes Trio, wenige Jahre zuvor aus Indien nach Südafrika eingewandert, hielt sich einen Sohn des Staatschefs als »Geschäftspartner«, der Präsident selbst bezeichnete die Guptas öffentlich als »Freunde«. Die Umschreibung »Komplizen« hätte es allerdings besser getroffen, denn gemeinsam hatte diese Clique ein weitreichendes Netzwerk aufgebaut, das entscheidende Positionen in Staatsbetrieben, im Sicherheitsapparat und bei den Strafverfolgungsbehörden besetzte. Selbst über die Vergabe von Ministerposten sollen die Guptas mitentschieden haben.

Geschmiert wurde die Maschinerie durch internationale Konzerne, die mittels »Vermittlungsgebühren« frisches Geld in das Kartell pumpten, zugleich aber selbst an überteuerten und nutzlosen Aufträgen verdienten. Nicht nur gegen SAP, sondern auch gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deloitte und KPMG sowie die Unternehmensberatung McKinsey – um nur die prominentesten Beispiele zu nennen – gab es Vorwürfe. Unter Mithilfe der Buchprüfer von KPMG war es den Guptas bereits 2013 gelungen, 30 Millionen Rand (damals etwa zwei Millionen Euro), die für den Aufbau einer kleinbäuerlichen Milchkooperative bestimmt waren, für eine private Hochzeit abzuzweigen. McKinsey bediente sich beim vom Gupta-Zuma-Netzwerk vollkommen unterwanderten staatlichen Strommonopolisten Eskom derart unverfroren, dass die Unternehmensberatungsfirma sich nach der Aufdeckung der Geschäfte 2018 sogar bereit erklärte, 900 Millionen Rand (damals knapp 60 Millionen Euro) zurückzuzahlen. Nicht aufkommen wollte McKinsey jedoch für die etwa 700 Millionen Rand, die infolge des unrechtmäßigen Geschäfts auf sein Geheiß aus den Kassen des Staatskonzerns an das vermittelnde Gupta-Unternehmen geflossen waren. Von Deloitte wiederum forderte Eskom 2019 207 Millionen Rand (12,5 Millionen Euro) zurück, die im Zusammenhang mit irregulär abgeschlossenen Aufträgen ausgezahlt worden waren, die die neue Eskom-Führung später als »pure Korruption« bezeichnete. In einer außergerichtlichen Einigung erklärte sich der Konzern schließlich zur Rückzahlung von 150 Millionen Rand (9 Millionen Euro) bereit. Den finanziellen Gesamtschaden der Machenschaften der Zuma-Clique schätzte dessen heute amtierender Nachfolger Ramaphosa auf 500 Milliarden Rand (25 Milliarden Euro).

Aufgedeckt wurde das korrupte Netzwerk durch die südafrikanische Organisation für investigativen Journalismus »amaBhungane«, der umfangreiche E-Mails aus dem Unternehmensgeflecht der Guptas zugespielt worden waren.² Die daraus resultierenden Veröffentlichungen zeigen in exemplarischer Deutlichkeit, wie zur korrupten Plünderung öffentlicher Ressourcen immer zwei Seiten gehören: eine korrumpierbare politische Elite und Konzerne, die diese bestechen. Wichtig ist diese Erkenntnis auch deshalb, da ertappte Unternehmensverantwortliche insbesondere in afrikanischen Ländern sich nur allzuoft als unwissende Opfer korrupter Strukturen darzustellen versuchen. Auch die zuständigen Entscheidungsträger bei SAP agierten, konfrontiert mit den Vorwürfen, zunächst nach diesem Muster. Es habe sich bei den zehn Prozent Provision, die mit CAD House für die Vermittlung des Transnet-Auftrags vereinbart worden waren, keineswegs um Schmiergeld gehandelt, entgegnete das Unternehmen auf Nachfrage von amaBhungane. Insgesamt 99,9 Millionen Rand (6,7 Millionen Euro) hatte SAP den Recherchen zufolge innerhalb eines Jahres an die Firma überwiesen, was darauf hindeutet, dass CAD House noch in etliche weitere Aufträge eingebunden worden sein muss. Die entsprechenden Kunden wollte SAP weder damals noch nach einem späteren öffentlichen Gelöbnis zu größtmöglicher Transparenz nennen.

Statt dessen versteiften sich die Verantwortlichen zunächst darauf, dass das Gupta-Unternehmen, das ansonsten 3-D-Drucker verkaufte und damit jährlich gerade einmal etwa 20 Millionen Rand (1,3 Millionen Euro) Umsatz machte, »die nötigen Fähigkeiten bezüglich der Positionierung unserer Lösungen« gehabt habe. Bezahlt worden sei es dafür, als »Erweiterung unserer Verkaufskräfte« zu agieren. Auf weitere Nachfrage, welche »Fähigkeiten« dies genau gewesen sein sollen, behaupteten die SAP-Kräfte gar, CAD House habe 3-D-Modelle anfertigen können, um Schieneninfrastruktur darzustellen. Bei Zahlungen in Höhe von zehn Prozent des Auftragsvolumens ist die Ausrede schlicht absurd. Für relevante Kompetenzen oder Erfahrungen der Firma CAD House waren zudem keinerlei Beweise zu finden. Wohl aber ist bekannt, was mit dem Geld passierte, nachdem es dort eingegangen war: Es floss umgehend und nahezu vollständig an andere Gupta-Firmen weiter. Von den amaBhungane-Journalisten mit dem Vorwurf einer möglichen Verstrickung in Geldwäsche konfrontiert, entgegnete der Finanzvorstand von SAP Africa, Deena Pillay: »Was die Partner mit ihrem Geld machen, darüber habe ich keine Kontrolle.« Am Tag der Veröffentlichung des Berichts von amaBhungane, dem 11. Juli 2017, wies der Vorstandsvorsitzende von SAP South Africa, Brett Parker, die Vorwürfe kategorisch zurück.³ Obendrein schloss er seine äußerst knappe Mitteilung mit der Drohung ab, dass das Unternehmen rechtliche Schritte erwäge.

Pillay und Parker hatten sich damit als ideale Bauernopfer exponiert, drei Tage später wurden sie ebenso wie zwei weitere Manager des südafrikanischen SAP-Ablegers suspendiert. Aus der Walldorfer Konzernzentrale flog Vorstandsfrau Adaire Fox-Martin nach Südafrika, mit dem Auftrag, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Das Unternehmen versprach umfassende Aufklärung sowie eine unabhängige Untersuchung durch eine internationale Anwaltskanzlei und kündigte an, die Ergebnisse der Ermittlungen veröffentlichen zu wollen. Dann verstrichen gut zwei Monate, ohne dass von SAP irgendwelche relevanten Mitteilungen zu vernehmen gewesen wären. Fox-Martin hatte Südafrika inzwischen wieder verlassen, die Rückreise fand ohne Informationen zu Ergebnissen ihrer Nachforschungen statt. Den Chefredakteur des südafrikanischen Wirtschaftsnachrichtenportals Biznews, Gareth van Zyl, verleitete dieser Umstand dazu, einen offenen Brief an Plattner zu schreiben. Als »eher verschwiegen, minimal und sogar abwehrend« beschrieb er darin die Reaktion von SAP und fragte, warum das Unternehmen noch immer keinen neuen Ermittlungsstand mitgeteilt habe.⁴ Plattner antwortete umgehend und erklärte, er sei »geschockt« gewesen, als er »von meiner Tochter Kristina« auf die »Nachricht von fragwürdigen Verkaufskommissionen« hingewiesen worden sei. Dass die Ermittlungen derart lang dauerten, »nervt mich so sehr, wie es Sie nervt«, schrieb er van Zyl, erklärte aber, man müsse »juristisch korrekt« agieren. Bei den Südafrikanern wolle er sich »aufrichtig entschuldigen«, schrieb der Aufsichtsratsvorsitzende. Er könne jedoch »garantieren, dass wir jedes Blatt umdrehen werden, um herauszufinden, was passiert ist oder nicht passiert ist«.⁵

Wenn dem so ist, scheint bei SAP ein ganzer Laubwald zu stehen. 2018 gestand der Konzern immerhin ein, dass die Kommissionszahlungen an CAD House vorschriftswidrig waren. Im Februar dieses Jahres meldete sich schließlich die neue Chefin des südafrikanischen SAP-Ablegers zu Wort und klagte, dass »es kein Rezept zur Handhabung einer solch komplexen und ungewöhnlichen Situation« gebe: »Der Prozess ist zeitintensiv, und es dauert so lange, weil wir so forensisch akkurat sein müssen.« In mehr als drei Jahren interner Ermittlungen hat SAP bisher keine weiteren Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit seinem Südafrika-Geschäft öffentlich gemacht.

Noch mehr krumme Geschäfte

Im August diesen Jahres, zwei Monate nach Plattners öffentlichkeitswirksamer 100-Millionen-Rand-Spende an den »Solidarity Fund«, erwies sich dann die südafrikanische Special Investigating Unit (SIU), eine Spezialeinheit für Korruptionsfälle, als schneller – oder schlicht hartnäckiger. Wie die Nachrichtenagentur Reuters am 7. August berichtete, deckten die Südafrikaner zwei weitere irreguläre Geschäfte auf, in die SAP verwickelt war – in beiden Fällen mit der staatlichen Wasser- und Abwasserbehörde. 413 Millionen Rand (rund 21 Millionen Euro) soll SAP nun für die Deals aus den Jahren 2015 und 2016 zurückzahlen. Von Reuters mit den Vorwürfen konfrontiert, schickte das vorgeblich um maximale Aufklärung bemühte Unternehmen einen Standardtext. »Unser Grundsatz ist, und wird immer sein, alle Unternehmensaktivitäten in Übereinstimmung mit den Buchstaben und dem Geist der anzuwendenden Gesetze durchzuführen«, hieß es darin. Auf konkrete Fragen von Reuters ging SAP nicht ein.⁶

Deren Beantwortung übernahm einmal mehr amaBhungane. In zwei Artikeln beschrieben die Journalisten im September, wie SAP zu den Aufträgen mit der Behörde kam.⁷ Erneut flossen demnach hohe Provisionen an eine Vermittlerfirma namens NBS Infosys, der die Autoren das Attribut »obskur« zuschreiben. Nachdem der alleinige Eigner der Firma den Journalisten zunächst 2019 ein Interview versprach, überzog er sie kurz darauf per Anwalt mit Klagedrohungen. Wenig später war seine Firma dann unbekannt verzogen, der Telefonanschluss tot. Für den zweiten Deal mit der Behörde kam sogar noch eine zweite Vermittlungsfirma hinzu, deren Zweck aber letztlich laut deren Einlassungen gegenüber den Ermittlungsbehörden lediglich darin bestand, Geld an NBS Infosys weiterzuleiten. Das nahezu unbekannte Unternehmen verdiente demnach letztlich zweimal 14,9 Prozent Provision an den Aufträgen, die SAP von der Wasserbehörde erhielt. Fragwürdig erscheint dies nicht nur, weil SAPs interne Obergrenze für Verkaufskommissionen den Recherchen zufolge bei 20 Prozent liegt, sondern vor allem weil die Wasserbehörde längst SAP-Kunde war, und zwar bereits seit 2001, als Südafrikas Präsident noch Thabo Mbeki hieß.

Er wisse nicht, welche Dienste NBS Infosys geleistet habe, erklärte entsprechend der Finanzvorstand der Wasserbehörde, Frans Moatshe, in seiner Aussage gegenüber den Ermittlern. Licht ins Dunkel bringt ein SAP-Dokument über die Rolle von NBS Infosys, aus dem amaBhungane zitiert. Aufgabe des »Geschäftsentwicklungspartners« war es demnach, »sich informell mit der Ministerin, der Generaldirektorin und dem Finanzvorstand zu treffen, um Budgetverfügbarkeit und Zuteilung zum Projekt sicherzustellen«, sowie die »Zusage des Topmanagements« innerhalb der Behörde einzuholen. Keiner der drei erwähnten Funktionsträger will sich den Ermittlungen zufolge jedoch je mit NBS Infosys getroffen haben. Zumindest über die damalige Wasserministerin Nomvula Mokonyane ist seit September zwar bekannt, dass ihr in ihren Angaben über Zuwendungen auch einmal entfallen ist, von einem »Freund« einen Luxussportwagen der Marke Aston Martin geschenkt bekommen zu haben. Der Fall stand jedoch in keinem Zusammenhang mit dem SAP-Auftrag.

Auswirkungen der Korruption

Wie genau NBS Infosys es schließlich vollbrachte, den Auftrag für SAP zu sichern, wird noch Gegenstand der Ermittlungen sein. Den Recherchen amaBhunganes zufolge soll sich die stellvertretende Generaldirektorin der Behörde mit falschen Angaben über Kosten und Vertragslaufzeiten intensiv um den neuerlichen Vertragsabschluss bemüht haben. Spannend ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass SAP – entgegen seiner eigenen Richtlinien – sogar Vorschüsse an NBS Infosys gezahlt haben soll. Der inzwischen entlassene Finanzvorstand von SAP Africa, Pillay, soll dafür Ausnahmegenehmigungen hochrangiger Manager in der deutschen Firmenzentrale eingeholt haben. Im Gegenzug für die Vorabzahlung gab es dann den unterschriebenen Vertrag. Für amaBhungane steht deshalb fest: »Die von der SIU zusammengetragenen Beweise zeigen nun, dass Personen quer durch die globale Organisation SAPs von den 86 Millionen Rand Kommission wussten, aber anscheinend nicht ›nein‹ sagen wollten zum größten Geschäft in der Geschichte von SAP South Africa.«

Für Südafrikas Wasserbehörde wurde das Geschäft dagegen zu einem der größten Desaster ihrer Geschichte. Die neu erworbene Software kommt bis heute nicht zum Einsatz. Es gebe keinen Beleg dafür, dass die Behörde »irgendwelche Dienstleistungen erhalten hat oder jedwede Produkte und/oder Softwarelizenzen eingesetzt wurden«, konstatierte der SIU-Jurist Jason Schmidt in dem Antrag vor Gericht auf Rückzahlung der Auftragssumme. Sein Fazit: »Das Projekt wurde nie umgesetzt.« Ihr Geld hat die Behörde trotzdem nicht zurückbekommen. In einem Land, das im Grunde ständig in mindestens einer seiner Regionen mit Wasserknappheit zu kämpfen hat, war das Wasserministerium letztlich gezwungen, unter anderem seine Budgets für Infrastrukturprojekte und für die Reparatur von Lecks zusammenzustreichen. In der Konsequenz haben die korrupten Geschäfte dazu beigetragen, dass in Südafrika noch heute in vielen Armensiedlungen unzählige Haushalte ohne Wasser- und Abwasseranschluss sind. Während der Coronapandemie zählten genau diese Armenviertel die meisten Infizierten und Toten. »Es ist ein weltweites Phänomen«, erklärte der im Frühjahr verstorbene Antiapartheidveteran Denis Goldberg 2014 in einem jW-Interview über die Korruption in seinem Land, »wir sind nicht anders als andere Völker, aber wir können es uns nicht leisten – weder politisch noch sozial noch ökonomisch.«⁸

Anmerkungen

1 Vgl. die Website https://hpi.de/

2 Vgl. für den Transnet- und Eskom-Skandal den »Summary Report: SAP South Africa Investigation« auf der Webseite des Netzwerks https://amabhungane.org sowie den Überblicksartikel von Susan Comrie: »SAP’s #GuptaLeaks investigation finds ›irregularities‹ and ›question marks‹«, beides vom 8.3.2018

3 Vgl. den Bericht »#GuptaLeaks: Software giant SAP paid Gupta front R100m ›kickbacks‹ for state business« auf https://amabhungane.org vom 11.7.2017

4 Gareth van Zyl: »Open letter to SAP co-founder Hasso Plattner: Time to act on Gupta links«, Biznews, 21.9.2017

5 Antwort von Hasso Plattner, veröffentlicht auf Biznews, 22.9.2017

6 Alexander Winning: »Exclusive: South Africa tries to recover over $23 million from SAP for ›unlawful‹ contracts«, siehe Reuters, 7.8.2020

7 Vgl. Susan Comrie: »New evidence points to corruption in SAP’s R1-billion water deals«, Webseite von amaBhungane, 18.9.2020

8 »Was ist mit dem Freiheitsversprechen?«, in: junge Welt, 1.3.2014

Christian Selz schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 18./19.4.2020 über 40 Jahre unabhängiges Simbabwe und die aktuelle Lage dort.

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