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Aus: Ausgabe vom 14.10.2020, Seite 1 / Titel
Arbeitskämpfe in der BRD

Streik zur Primetime

Kampf für Tarifvertrag: Amazon-Beschäftigte in zweitägigem Ausstand nach Verdi-Aufruf. Konzern spielt Protest gegen Rabattschlacht herunter
Von Oliver Rast
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Beschäftigte beim Amazon-Versandzentrum in Werne machen bei Schnäppchenaktion nicht mit

Es ist eine Art Propagandashow: Der »Prime Day« des Onlineriesen Amazon. Eine zweitägige Rabattschlacht für eine spezielle Klientel, die sich an Spielfilmen und TV-Serien nicht satt sehen kann. Bei der jährlichen Schnäppchenaktion will der Konzern am sprichwörtlich laufenden Band IT-Schnickschnack absetzen, vorzugsweise Eigenfabrikate. Ein idealer Zeitpunkt für Störmanöver.

Verdi rief Amazon-Beschäftigte an sieben Versandzentren in sechs Städten zum Streik auf. Die Arbeitsausstände in Leipzig, Bad Hersfeld, Rheinberg, Werne, Graben bei Augsburg und Koblenz begannen am Dienstag zur Frühschicht und enden mit der Spätschicht am Mittwoch, teilte die Gewerkschaft am Dienstag morgen mit. Amazon erklärte gleichentags auf jW-Nachfrage, das Gros seiner Mitarbeiter arbeite »wie an jedem anderen Tag«, Pakete kämen pünktlich zu den Kunden. Kurzum: Business as usual.

Alle Standorte sind streikfähige Betriebe, betonte hingegen Orhan Akman, Verdi-Bundesfachgruppenleiter für den Einzel- und Versandhandel, am Dienstag im jW-Gespräch. Die Betriebsaktivisten seien schließlich geübt, hätten im Juni während einer Aktionswoche gegen mangelnden Gesundheitsschutz beim Konzern viel gelernt. Und ganz wichtig: »Die Beschäftigten lassen sich von der Geschäftsführung auch nicht mehr einschüchtern, kämpfen für ihre Belange«, so Akman. Bis zu 2.500 Amazon-Kollegen hätten am ersten Streiktag während der Arbeitszeit »Schicht gemacht«, stellte der Gewerkschafter zufrieden fest.

Der Konflikt schwelt seit Jahren: Verdi fordert für Amazon-Beschäftigte einen Tarifvertrag wie im Einzel- und Versandhandel. Der Konzern lehnt dies ab, behauptet gebetsmühlenartig, die Tätigkeiten an den verschiedenen Standorten seien nicht dem Handel, sondern der Logistik zuzurechnen. Besonders virulent ist die Lohnfrage: Der Konzern habe den Beschäftigten im September zwar eine Gehaltserhöhung von 1,8 Prozent gewährt und sich damit an den tarifvertraglich im Einzelhandel vereinbarten Einkommenssteigerungen orientiert. »Allerdings klafft nach wie vor eine Lücke bei Sonderzahlungen wie dem Weihnachts- und Urlaubsgeld«, kritisierte Akman.

Für Jessica Reisner vom Verein »Aktion Arbeitsunrecht« ist der verweigerte Einzelhandelstarif »eine reine Machtfrage«, sagte sie am Dienstag gegenüber jW. Die Amazon-Beschäftigten hätten den Konzernumsatz während der Coronakrise kräftig gesteigert und mehr denn je ein Anrecht auf tarifliches Entgelt.

Amazon zeigte sich demonstrativ unbeeindruckt, will von Tariflöhnen und Streikgründen nichts wissen – denn: »Tatsache ist, dass Amazon bereits exzellente Löhne, Zusatzleistungen und Karrierechancen bietet«, so der Konzernsprecher. Akman überrascht das Statement nicht, er quittiert die Aussage drastisch: »Amazon offenbart wieder mal, dass den Chefs Forderungen der Beschäftigten am Arsch vorbeigehen«.

Der Krisengewinnler Amazon erwartet am »Prime Day« einen Extrareibach. Mit »Geschäftspraktiken aus der Mottenkiste des Raubtierkapitalismus«, wie Bernd Riexinger, Kovorsitzender von Die Linke, am Dienstag zu Protokoll gab. Analysten haben vorgerechnet: Der Umsatz dürfte an den beiden Sonderverkaufstagen weltweit bei 9,9 Milliarden US-Dollar liegen, 43 Prozent mehr als im Jahr zuvor, berichtete das Handelsblatt (Dienstagausgabe). Gewerkschafter Akman: »Unsere Streikaktionen werden die Erlöse schmälern, etwas zumindest«.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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