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Aus: Ausgabe vom 13.10.2020, Seite 5 / Inland
Serie

Bezahlbar und unkündbar

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verlorenging. Teil 3: Wohnen ohne Grenzen
Von Unentdecktes Land
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Schöner Wohnen: Plattenbau mit großem Kinderspielplatz (Karl-Marx-Stadt im September 1983)

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die siebenteilige Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land (unentdecktes-land.org), der Internationalen Forschungsstelle DDR (ifddr.org) und der Tageszeitung junge Welt.

Die Wohnungssituation zum Ende des Zweiten Weltkriegs war fatal: Die DDR erbte bei ihrer Gründung ein Wohnraumdefizit, das 1946 auf 1,2 bis 1,4 Millionen fehlende Wohnungen geschätzt wurde. Nicht nur die bei der Bekämpfung der deutschen Faschisten zerstörten Gebäude, sondern auch die 4,4 Millionen Geflüchteten bzw. Aussiedler, die bis 1947 in die Sowjetische Besatzungszone kamen, führten zu einer enormen Zahl wohnungsloser Menschen. Zudem gab es auf diesem Gebiet schon vor dem Krieg einen Fehlbestand von einer halben Million Behausungen.

Das Wohnungsproblem wurde also zu einer der dringlichsten Aufgaben des neu gegründeten Staates: Mit einem in der Verfassung der DDR verankerten Anspruch, jedem Bürger bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen, wurde der Wohnungsbau zum gesamtgesellschaftlichen Projekt.

Mit der Entscheidung für den industriellen Typenbau bzw. Plattenbau war man dabei auf der Höhe der Zeit: Die zu errichtenden Wohnkomplexe in Großblock-Bauweise entsprachen dem internationalen Leitbild städtebaulicher Planung und Gestaltung. Sie sind heute wieder Basis für Wohnungsneubau, wie die 2017 erschienenen Entwürfe der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften Berlins zeigen.

Die Lösung der Wohnungsfrage war eines der Ziele aller in Deutschland gescheiterten Revolutionen und deshalb der DDR sehr wichtig. Viel Kraft wurde in die Umsetzung dieser Aufgabe gesteckt – gewaltige Anstrengungen und Investitionen, die notgedrungen aus anderen Bereichen der Wirtschaft entnommen werden mussten. Bis 1989 wurden über drei Millionen neue Wohnungen gebaut und das dazugehörige Wohnumfeld grundlegend ge- und umgestaltet. Dazu kamen nochmals Millionen modernisierter Wohnungen. Eine wirtschaftlich wie sozialpolitisch einzigartige Errungenschaft, die das kleine Land an seine wirtschaftlichen Grenzen brachte. Hinzu kamen die staatlich subventionierten Mietpreise: Durchschnittlich nur eine Mark pro Quadratmeter über 40 Jahre hinweg, das war eine weltweit einzigartige soziale Leistung.

Bereits im sogenannten Einigungsvertrag war formuliert worden, dass die volkseigene Wohnungswirtschaft privatisiert wird oder in marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaften umzuformen ist. Zusammen mit dem Altschuldenhilfegesetz waren so die Bedingungen für eine profitable Verwertung der volkseigenen Wohnungen geschaffen. Die internen Kredite für den Wohnungsbau wurden nach dem Anschluss durch westdeutsche Großbanken widerrechtlich in reale Schulden – obendrein mit »marktüblichen« Zinsen – umgewandelt. Die Kommunen wurden durch das Altschuldenhilfegesetz gezwungen, den plötzlich enormen Schulden von 50 Milliarden DM durch den Verkauf von Immobilien zu begegnen. Ein Ausverkauf kommunaler Wohnungen, der seinesgleichen sucht: Beispielsweise wurden allein zwischen 1990 und 2005 von fast 500.000 kommunalen Wohnungen in Berlin 200.000 Wohnungen verkauft.

Dabei wäre ein anderer, dem kollektiven Eigentum Rechnung tragender Umgang möglich gewesen: In den meisten ehemals sozialistischen Ländern wurden die Gemeinden verpflichtet, die volkseigenen Wohnungen zu stark herabgesetzten Preisen an die bisherigen Mieter zu verkaufen oder zu übereignen. Die Wohneigentumsquoten liegen dort heute auch in den Großsiedlungen bei deutlich über 70 Prozent.

Auch auf den Mietpreis wirkten sich Schuldentilgung und plötzliche kapitalistische Marktwirtschaft aus: Während 1989 in der DDR nur durchschnittlich 4,6 Prozent des Einkommens für Miete aufgebracht werden mussten, waren es damals in der BRD bereits 26,3 Prozent, also ein Viertel des Einkommens. Heute ist kaum noch ein Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland erkennbar: Die sogenannte Mietbelastungsquote liegt in Deutschland durchschnittlich bei fast 30 Prozent. In den Städten müssen Mieter allerdings schon weit über 40 Prozent ihres Nettoeinkommens aufbringen, und das allein für die Kaltmiete.

Doch nicht nur preislich hat sich einiges geändert. Die Mieter haben mit dem Anschluss auch die praktische Unkündbarkeit ihres Mietverhältnisses von seiten des Vermieters und viele andere Rechte verloren. Angesichts der heutigen Realität von Eigenbedarfsanmeldung und Zwischenmiete mutet diese Errungenschaft der DDR heute als Wunschtraum an.

Die Wohnungsnot insbesondere in Städten und Ballungsgebieten ist aktuell riesengroß, bedingt durch konstant steigende Mieten bei sinkendem Lohn, Leerstand wegen Immobilienspekulation, die andauernde Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen und vielem mehr. Die Folge: Es müssen schnell viele Wohnungen her. Und siehe da: 100.000 geplante Wohnungen allein in Berlin sind nicht ohne Typen- bzw. Plattenbau zu bewältigen. Die Einsicht kommt zu spät. Das 1989 zumindest in der DDR gelöste Wohnungsproblem ist nach 30 Jahren »Einheit« wieder auf dem Tableau.

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Debatte

  • Beitrag von Rudi E. aus L. (13. Oktober 2020 um 19:07 Uhr)
    Ihr bringt es auf den Punkt – immer wieder! Der Sozialismus hat trotz aller Schwächen und Defizite zu DDR-Zeiten der Solidarität und dem Gemeinwohl einen hohen Stellenwert eingeräumt – vor allem aber dem Kapitalismus die rote Karte gezeigt. Die DDR hat dem Westen vorgeführt, was es heißt, der Bevölkerung eine unkündbare und vor allem bezahlbare Bleibe anzubieten.

    Es mag den Staat viel Geld gekostet haben, den Wohnungsbau zu finanzieren, doch damit löste die DDR ein Versprechen ein, das in der Form wohl kaum in Westdeutschland möglich gewesen wäre.

    Es ist interessant, immer wieder zu beobachten, wie selbst heute noch soziale Errungenschaften der DDR im Westen auf Biegen und Brechen madig gemacht werden – nach dem Motto: »Ein ›Unrechtsstaat‹ konnte einfach nicht human sein« –, nur um eigene Unzulänglichkeiten und vor allem menschenverachtende Auswirkungen im kapitalistischen System – bis hin zur Altersarmut – zu kaschieren. Hut ab, muss ich sagen, was die DDR an sozialen Leistungen erbracht hat. Ich als typischer Wessi – dennoch nicht unkritisch, der auch seine grauen Zellen einzusetzen versteht – sehe die sozialistischen Errungenschaften in folgenden Erfolgen (hinter denen sich der Westen – auch heute noch – jämmerlich verstecken kann):

    – garantierte Kindergartenplätze,

    – Jugendspartakiaden,

    – Förderung des Leistungssports*)

    – Bildungswesen,

    – Gesundheitswesen,

    – bezahlbarer Wohnraum für alle,

    – auch die Friedensfahrten.

    *) Gerade der Erfolg der DDR-Sportler weltweit hat Kritiker auf den Plan gebracht. Es wurde von Staatsdoping gesprochen. Selbst die heutigen Medien entblöden sich nicht, zum Dauerbrenner zu machen, dass der »Unrechtsstaat DDR« die Sportler systematisch gedopt habe.

    Wenn Doppelbödigkeit, Verlogenheit, Heuchelei und Lügen Bestand hätten, dann käme nie heraus, dass es einen westdeutschen Politiker namens Wolfgang Schäuble gab, der 1977 die entlarvenden Worte von sich gab:

    »Wir wollen solche Mittel nur eingeschränkt und unter ärztlicher Verantwortung einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen heute ohne den Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.«

    Was sagt uns das? Erst mal vor der eigenen Tür kehren, bevor man Unrat auf andere ausschüttet …
  • Beitrag von Matthias K. aus W. (13. Oktober 2020 um 19:34 Uhr)
    Ganz ungetrübt ist meine Freude nicht, wenn ich den Artikel lese. Viele historische Innenstädte sind verfallen. Heute werden uns diese Ruinen um die Ohren gehauen nach dem Motto »Ruinen schaffen ohne Waffen«. Darüber sollte diese Zeitung auch mal berichten, denn aus Fehlern kann man nur lernen!

In der Serie In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging:

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land, der Internationalen Forschungsstelle DDR und der Tageszeitung junge Welt.

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