Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 12.10.2020, Seite 12 / Thema
Kritik der Geschichtswissenschaft

Berufsbedingte Affirmation

Wie historisches Denken geht: Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft im Geistesleben der Nation
Von Theo Wentzke
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Historiker schlagen Sinnbögen über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. So muss etwa die Seeschlacht von Salamis zwischen Griechen und Persern vor 2.500 Jahren, im Frühsommer des Jahres 480 vor unserer Zeit, dafür herhalten, dass die Weltgeschichte auf dem Weg zur demokratischen Kultur des Abendlandes einen entscheidenden Schritt vorangebracht wurde (»Die Schlacht bei Salamis«, Fresko von Wilhelm von Kaulbach, 1862–64)

Im Geistesleben der Nationen spielt die Geschichte eine nicht unerhebliche Rolle. Zum festen Bestand eines solchen Geisteslebens gehört es, die Geschichte zum Argument zu machen und sich nach ihrer Bedeutung für uns zu fragen. Nach allgemeinem Dafürhalten geht es hier um nicht weniger als um »unsere Identität«, von der jeder historisch gebildete Mensch weiß, dass sie »in der Geschichte begründet« ist. Es werden Herausforderungen ausgemacht, vor die »uns« die Geschichte stellt; es gilt Lehren aus der Geschichte zu ziehen; und man führt »historisch begründete Rechte« ins Feld, um mit ihnen heute für fällig erachtete Forderungen und Aktivitäten ins Recht zu setzen.

Argumentiert wird in den einschlägigen Debatten und Redebeiträgen unbefangen im Namen und vom Standpunkt eines »Wir«, das in der Gegenwart existiert, sein gegenwärtiges Dasein als seine Heimat begreift, und zwar unter Gesichtspunkten, die sich aus der positiven Bezugnahme auf die bestehenden Verhältnisse ergeben: Die Nation, das Recht, die in einer Demokratie wie der unseren herrschende Sittlichkeit, die moderne Staatenordnung, Europa oder der Westen sind für die Angehörigen dieses »Wir« selbstverständlich Werte, Gegenstände also nicht nur ihrer jeweils persönlichen Wertschätzung, sondern solche, die fraglos unser aller Wertschätzung verdienen.

Im Namen des »Wir«

Mit diesem Rechtsstandpunkt, den Konsens der Wertegemeinschaft zu vertreten, treten alle, die im Namen so eines »Wir« argumentieren, an und in die Debatte ein – was für keine Einigkeit unter ihnen sorgt, sondern dafür, dass der Streit um das rechte Verständnis von Nation, Demokratie, Anstand etc. so richtig an Fahrt gewinnt. Jede Partei streitet da nämlich für ihren Standpunkt – in der Frage des Umgangs mit Ausländern, mit den USA, mit der Autoindustrie oder mit dem ungeborenen Leben – mit dem Anspruch, dass der als allgemeinverbindlicher anerkannt zu werden hat; und in jeder Abweichung von ihm wird nicht dessen Verletzung durch ein ihm entgegenstehendes Interesse ausgemacht, sondern eine Verletzung der höheren Werte, auf die sich die feine Gemeinschaft angeblich geeinigt hat und die letztlich Sinn und Zweck ihres ganzen Trachtens ausmachen sollen. Hier findet etwas Doppeltes statt, nämlich eine Konkurrenz der politischen Standpunkte um die Ausrichtung der Nation in den sich aus der Sache der Politik – der Durchsetzung der ökonomischen und sonstigen Interessen der Nation daheim und auswärts – ergebenden Grundsatzfragen, die zur Entscheidung anstehen. Ausgetragen wird diese Konkurrenz jedoch als Streit um das rechte Verständnis der und die richtige Stellung zu den höheren und höchsten Gütern sowie um die Konsequenzen, die aus ihnen zu ziehen sind; wobei man sich gerne eben auch auf die Geschichte beruft, um aus den Lehren und Aufträgen, die sie »uns« erteilt, zu begründen, was wir uns und anderen (als Deutsche, Europäer etc. mit dieser Geschichte) in dieser oder jener »Frage« schuldig sind.

Die Geschichtswissenschaft beruht auf dem so gearteten Geistesleben einer Nation. Als allein der Wahrheit und der wissenschaftlichen Forschung verpflichtete Einrichtung ist sie anerkanntermaßen und von Amts wegen zuständig für die Sache, die in dem nationalen Debattenwesen als Berufungsinstanz fungiert. Und in der Betrachtung dieser Sache – der Geschichte – nimmt sie wie selbstverständlich den im Geistesleben der Nation allgegenwärtigen Standpunkt der sittlichen Gemeinschaft ein.¹ Sie nimmt diesen Standpunkt sogar ziemlich unverblümt ein: Sie bekennt sich zum »grundsätzlichen Wertbezug des historischen Denkens«. Sie bespricht es selbstbewusst als ihre Leistung, die Ereignisse vergangener Zeiten so aufzubereiten, dass daraus eine Geschichte wird, die »für die Gegenwart«², nämlich für uns von Bedeutung ist. Sie gibt methodische Fingerzeige darauf, dass es dazu einer Betrachtungsweise bedarf, die die Geschehnisse der Vergangenheit konsequent der Perspektive der Gegenwart unterwirft. Sie besteht in dem Zuge darauf, dass es dabei darauf ankommt, das, was das vergangene Geschehen für uns bedeutet, als seinen Sinn zu fassen. Und eben dafür hat sich diese Wissenschaft ihre jeder vernünftigen Logik spottenden drei bis fünf theoretischen Argumentationsmuster zugelegt.

Adelung der Verhältnisse

Womit wir zum Ertrag der historischen Erkenntnis kommen. Der besteht erstens und zuallererst und noch vor jeder inhaltlichen Ausfüllung des Gedankens in der Erkenntnis, dass »Wir« ein Produkt der Geschichte sind und uns als ein solches zu begreifen haben. Was es da zu »begreifen« gilt, ist, dass sich dieses »Wir« einer höheren Notwendigkeit verdankt. Die Pointe des historischen Denkens besteht eben darin, dass es Sinn und Zweck des in seinen Betrachtungen unterstellten oder auch ausdrücklich von ihm namhaft gemachten Kollektivsubjekts, dessen Schicksal es geistig anteilnehmend verfolgt – »unsere Identität« –, nicht in dessen gegenwärtigem Dasein und Treiben ausmacht, sondern jenseits davon ansiedelt, in der Vergangenheit. Der Sinn der Wertegemeinschaft, der wir uns zurechnen dürfen, geht nach der Logik dieses Denkens aus der Geschichte hervor und besteht schlicht und ergreifend darin, zu werden bzw. geworden zu sein, was wir heute sind. Der Auftrag dieser Wertegemeinschaft ist es, sich zur Entfaltung und Geltung zu bringen, und in dessen Erfüllung hat auch ihr Dasein, folgt man derselben Logik, seine Rechtfertigung.

Was zweitens die Erkenntnisse über die Vergangenheit anbelangt, zu denen es das historische Denken bringt, so erschöpfen sich diese konsequenterweise darin, dass die historischen Ereignisse ihre Würdigung als Beitrag zur Herausbildung dieser wunderbaren Wertegemeinschaft erfahren. Die Affirmation, die ein Historiker quasi berufsbedingt der Gegenwart entgegenbringt, geht so auf die vergangenen Zeiten über, die er seiner Betrachtung unterzieht. Den grauenhaftesten Zuständen, in die frühere Obrigkeiten ihre Völker versetzt haben, und insbesondere den brutalsten Formen des Machtgebrauchs, mit dem die maßgeblichen Subjekte in der Geschichte ihre Sache vorangebracht haben, gewinnen diese Gelehrten, die offenbar Nerven wie breite Nudeln haben, das Urteil ab, dass sie Kulturleistungen erbracht haben, denen wir unser heutiges Dasein verdanken.³ Ein Urteil, dem weder zu entnehmen ist, worum es den Akteuren damals gegangen ist und wofür sie was angerichtet haben, noch, was die dem historischen Treiben attestierten Kulturleistungen – wie zum Beispiel das Ende der Leibeigenschaft, die Einheit der Nation, die Überwindung des Faschismus oder auch die Nachkriegsordnung – ihrem Inhalt nach eigentlich sind. Das Urteil speist sich nach beiden Seiten hin allein aus dem Geist der Affirmation, und es befriedigt auch kein anderes intellektuelles Bedürfnis als das offenbar reichlich vorhandene Bedürfnis nach Sinn.

Womit auch schon die dritte Leistung des historischen Denkens angesprochen wäre: Die von den historischen Gelehrten angestellten Betrachtungen der Vergangenheit adeln die gegenwärtigen Verhältnisse. Sie laden den Menschen dazu ein, die moderne Welt als ein Ensemble von lauter Errungenschaften zu begreifen und sich zu seiner Existenz in dieser Welt zu beglückwünschen.

Diese Leistung erbringen die Historiker zuverlässig über alle politischen Wenden und Zeiten hinweg, weil sich ja die Werte, denen sie sich verschreiben, der affirmativen Bezugnahme auf die jeweils bestehenden Verhältnisse verdanken – und nicht etwa umgekehrt. Es handelt sich um Idealisierungen dieser Verhältnisse, in die das weltanschauliche Meinen des jeweiligen Autors, seine politischen Vorlieben, die gültigen Moralvorstellungen einfließen; es sind aber in welcher weltanschaulich gefärbten Form auch immer jedenfalls Idealisierungen dieser Verhältnisse. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich deutsche Historiker zu Hitlers Zeiten zuhauf mit der Vorstellung ans Werk gemacht haben, die Herausbildung eines völkischen Führerstaates sei, was es als Kulturleistung der Menschheit und Endzweck der Geschichte zu würdigen gilt, während sie sich danach recht schnell mehrheitlich darauf verlegt haben, dieselbe Geschichte als Siegeszug von Freiheit und Demokratie darzustellen und den Nationalsozialismus als unglückselige Episode in der deutschen Geschichte auf dem Weg in die Moderne einzuordnen. Die Logik des historischen Denkens hat sich für das eine als so brauchbar erwiesen wie für das andere; ihr »Wertbezug« macht Historiker zu Opportunisten aus Überzeugung.

Außerordentliche Deutungskunst

Die geistige Veredelung unseres Daseins fällt um so beeindruckender aus, je umfassender die Sinnbögen sind, die die Historiker über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg schlagen. Und so kann es nicht ausbleiben, dass auch noch eine Schlacht, die vor 2.500 Jahren, im Frühsommer des Jahres 480 vor unserer Zeit bei einer kleinen Insel im Ägäischen Meer nahe Athen stattgefunden hat, ihre Würdigung als Schlüsselereignis erfährt, das die Weltgeschichte auf dem Weg zur demokratischen Kultur des Abendlandes einen entscheidenden Schritt vorangebracht hat: »Die Enge von Salamis bildete gleichsam ein Nadelöhr, durch das die Weltgeschichte hindurch musste, wenn in ihr statt großer, monarchisch regierter Reiche jenes eigenartige, vom Osten her exotisch anmutende Volk eine entscheidende Rolle spielen sollte, das in lauter kleinen selbständigen Städten, fast überall ohne Monarchen und vielfach schon bei weitgehender politischer Mitsprache breiter Schichten lebte. So hat John Stuart Mill behauptet, dass Salamis für die englische Geschichte wichtiger gewesen sei als die Schlacht bei Hastings.«⁴ Und sie war nicht nur für die englische Geschichte wegweisend: »Wie sich die Griechen behaupteten, war weniger für die Weltpolitik der Zeit, um so mehr aber für die Weltgeschichte von Bedeutung, die während dieser Zeit im Ägäisraum ein großes Stück vorangetrieben wurde.«⁵

Eine Sternstunde historischer Deutungskunst! Eine Schlacht, von der ein Mensch unserer Tage ohne den Berufsstand der historischen Gelehrten noch nicht einmal Kenntnis hätte, wird durch sie aufbereitet zu einem Datum, das für uns von größter Bedeutsamkeit ist. Was wären wir heute, wenn die Griechen damals nicht ihren heldenhaften Abwehrkampf gegen die Perser geführt hätten?! Womöglich hätte der Despotismus orientalischer Monarchien in der Weltgeschichte die Oberhand gewonnen, und er würde heute unser Dasein bestimmen! Wir dürfen diesem putzigen Volk also dankbar sein, dass es den Persern mutig entgegengetreten ist, weil sich so überhaupt erst die demokratische Kultur der »politischen Mitsprache« Bahn brechen konnte, die wir in unserem aufgeklärten christlichen Abendland so schätzen.

Die historische Deutungskunst hat also, gerade wenn sie so sinngeschwängert und pathetisch auftritt, durchaus auch ihre albernen Seiten. Übersehen sollte man darüber allerdings nicht, dass das Argument, aus dem das historische Denken seine Werturteile begründet und aus dem sich der Sinn, den es den gegenwärtigen und den vergangenen Verhältnissen attestiert, speist, eher nicht so lustig ist. In seinen weiteren Erläuterungen verleiht der soeben zitierte Historiker der Idee der politischen Mitsprache kurzerhand das Gütesiegel »historisch approbiert«.⁶ Und zwar aus keinem besseren Grund als dem, dass sie sich durchgesetzt hat. Dass diese Durchsetzung ein Akt der Gewalt war, wird von ihm nicht nur erwähnt, sondern ist überhaupt das einzige, was man über diese »Idee« erfährt. Und eben das verleiht ihr nach der Logik des historischen Denkens die Würde einer Angelegenheit, die unseren Respekt verdient.

Die Logik des Erfolgs

Hier wird nach der brutalen »Logik« des Erfolgs gedacht, der die erfolgreiche Sache ins Recht setzt. Nach derselben Logik beweist einem Historiker die Tatsache, dass die Sowjetunion mit ihrem sozialistischen Staatenblock in der Auseinandersetzung mit dem unter der US-amerikanischen Führungsmacht zum größten Militärbündnis aller Zeiten vereinten kapitalistischen Westen erfolgreich zurückgedrängt und totgerüstet worden ist und am Ende aufgegeben hat, dass die Sache des Sozialismus von vornherein zum Scheitern verurteilt war; sie hat sich als »lebensunfähig«⁷ erwiesen, musste also untergehen, während sich das Modell von Demokratie und Marktwirtschaft im selben Zuge als »zukunftsfähig« erwiesen und bewährt hat. Die Tatsache der Durchsetzung bzw. des Scheiterns wird in solchen Urteilen zu einer moralischen Qualität der betreffenden Sache überhöht. Die Macht der Staaten, mit der sie sich durchsetzen konnte, wird zu einer Instanz, die einer höheren moralischen Gerechtigkeit zum Erfolg verhilft. Große Kriegszüge und Völkerschlachten sind für Historiker daher nicht einfach einschneidende Ereignisse in der Geschichte, durch die die politische Lage in einer Weltgegend oder auch auf dem Globus insgesamt verändert und für die nachfolgenden Zeiten entschieden worden ist. Ihr Ergebnis kommt einem Gerichtsurteil gleich, das die Geschichte, das Weltgericht, über die beteiligten Nationen und Völker spricht: »Für die Kulturgeschichte war der Krieg bedeutsam als eine Form der Kommunikation (…) Kulturgeschichtlich bedeutsam waren Wikingerfahrten und Kreuzzüge, in denen fremde Völker einander kennenlernten. Die letzten Kriege dieser Art waren die Kolonialkriege, die den Völkern Amerikas, Afrikas und Asiens die Überlegenheit der europäischen Zivilisation bewiesen und damit die Europäisierung der Erde einleiteten (…) Der Krieg rückt – wie Bismarck sagte – die Zeiger der Uhr der Geschichte richtig. Er ist ein Anpassungsvorgang (…) Die in diesem Sinne bedeutsamen Kriege wurden nicht zwischen zwei Heeren, zwei Völkern oder zwei Staaten geführt, sondern zwischen zwei Zeitaltern.«⁸

Kulturgeschichtlich betrachtet, das heißt aus der im historischen Denken generell eingenommenen Perspektive der Gegenwart, aus der sich die Geschichte als ein Prozess darstellt, der lauter Kulturleistungen erbracht hat, haben die Raubzüge der Wikinger und die Kreuzzüge abendländischer Fürsten die überfallenen Völker nur der Welt nähergebracht, sie haben ihnen gewissermaßen den Blick über den Tellerrand ihres beschränkten Kulturkreises geöffnet. Wenn die Völker solchen Formen der Kommunikation gelegentlich zum Opfer gefallen und untergegangen sind, so zeigt dies dem historisch denkenden Intellekt nur, dass ihre Kultur eine unterlegene war. Ihre Zeit war abgelaufen. Die Geschichte rückt so etwas zurecht. Umgekehrt ist die »Europäisierung der Erde«, das heißt die in den »Kolonialkriegen« herbeigeführte Unterwerfung der »Völker Amerikas, Afrikas und Asiens« unter die Herrschaft der Europäer als logische Folge der »Überlegenheit der europäischen Zivilisation« zu betrachten, die die Europäer in eben diesen Kriegen unter Beweis gestellt haben. Ein Fortschritt nicht zuletzt auch für die betreffenden Völker, denen die »Europäisierung« ihrer Länder die Teilhabe an einer der ihren überlegenen Zivilisation gebracht hat. So geht historisches Denken!⁹

Anmerkungen

1 In dieser Eigenschaft und mit diesem Standpunkt sehen sich die Vertreter dieser Wissenschaft auch immer wieder dazu herausgefordert, Stellung zu beziehen in »Fragen«, die den nationalen Zeitgeist umtreiben. Ein prominentes Beispiel dafür ist der sogenannte Historikerstreit in der BRD der 80er Jahre, losgetreten von Ernst Nolte, der darunter litt, dass Deutschland befangen ist in einer »Vergangenheit, die nicht vergehen will«. Mit einem feinen Gespür dafür, wie nationale Moral und wirklicher Machtstatus der Nation zusammengehören, hat (nicht nur) dieser Gelehrte erkannt, dass es zu Rang und Namen, die seine Nation mittlerweile erobert hat, nicht mehr so recht passen will, dass diese Nation ihre moralische Größe und Vorbildlichkeit immer noch maßgeblich über ein Bekenntnis zur nationalen Schuld, nämlich auf dem Wege der Übernahme der Verantwortung für die einzigartigen Verbrechen der Nazis, unter Beweis stellt. Und er hat mit der Autorität seiner Wissenschaft im Rücken mutig die These in den Raum gestellt, dass die angeblich »singuläre Tat«, der Holocaust, so singulär gar nicht war; dass ihr durchaus vergleichbare Verbrechen »der Bolschewiki« vorausgingen, so dass sich die Frage stellt, ob Auschwitz nicht besser als »die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der russischen Revolution« zu verstehen sei. Der heftige Widerspruch, auf den Nolte, Michael Stürmer und andere Historiker mit ihrem Versuch gestoßen sind, das Geschichtsbild zeitgemäß zu renovieren, war bezeichnenderweise durchgängig von der Sorge um das einer Bundesrepublik Deutschland angemessene nationale Selbstbewusstsein getragen. Wortführer des Widerspruchs war damals Jürgen Habermas, der mit folgender Begründung auf der Unverzichtbarkeit des Bekenntnisses zur nationalen Schuld für die nationale Identität der Deutschen bestanden hat: »Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte (…) Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach – und durch – Auschwitz bilden können. Wer uns mit einer Floskel wie ›Schuldbesessenheit‹ (Stürmer und Oppenheimer) die Schamesröte über dieses Faktum austreiben will, wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzige verlässliche Basis unserer Bindung an den Westen.«

Zitate aus: Ernst Nolte: »Vergangenheit, die nicht vergehen will«, in: FAZ, 6.6.1986

Ders.: »Die negative Lebendigkeit des Dritten Reiches«, in: FAZ, 24.7.1980

Jürgen Habermas: »Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung«, in: Die Zeit, 11.7.1986

2 Stefan Jordan: Lexikon Geschichtswissenschaft. Stuttgart 2002, S. 263

3 Unter dem Titel »Oral history« oder »Alltagsgeschichte« bemüht sich seit ein paar Jahrzehnten eine Abteilung in der Geschichtswissenschaft, dem normalen Menschen, dem einfachen Volk, den »gesellschaftlichen Unterschichten« (Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer – die Welt eines Müllers um 1600. Berlin 1990, S. 22) »das Recht auf historische Darstellung« (Klaus Tenfelde: Die Geschichte der Arbeiter zwischen Strukturgeschichte und Alltagsgeschichte, in: Wolfgang Schieder/Volker Sellin: Sozialgeschichte in Deutschland IV. Göttingen 1987, S. 99) zukommen zu lassen. Man kritisiert die offizielle Geschichtsschreibung wegen einseitiger Festlegung auf das Handeln der Obrigkeiten und die »Haupt- und Staatsaktionen« (Carola Lipp: Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Bühl-Moos 1986, S. 9) und vermisst die Würdigung der Rolle, die das Fußvolk und das weibliche Geschlecht in der Geschichte gespielt haben. Das hat noch gefehlt: eine Geschichtsschreibung von unten, die es sich zum Anliegen macht, dem Menschenmaterial der Obrigkeiten, die Geschichte geschrieben haben, das Verdienst zuzuschreiben, dass sich ohne es der Fortschritt der Menschheit kaum hätte Bahn brechen können.

4 Christian Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Berlin 1997, S. 33

5 Ebenda, S. 284

6 Ebenda, S. 35

7 Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949–1990. München 2008, S. 424

8 Alexander Demandt: Endzeit? – Die Zukunft der Geschichte. Berlin 1993, S. 78 f.

9 So wie bürgerliche Geschichtsphilosophen der Geschichte abgelauscht haben wollten, dass sie im bürgerlichen Staat ihr Telos erreicht, haben bestimmte Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, die sich einem historischen Materialismus verschrieben haben, eine in die Zukunft verlängerte hoffnungsstiftende Perspektive in die Geschichte hineinkonstruiert, wonach die »ein gesetzmäßiger Entwicklungsprozess der Gesellschaft vom Niederen zum Höheren« ist, eine »Geschichte von Klassenkämpfen«, in denen sich jeweils die Partei durchsetzt, die auf der Seite des Fortschritts steht, bis schließlich der Kommunismus, die »klassenlose Gesellschaft« erreicht ist. Danach gebe es eine »historische Gesetzmäßigkeit«, die dafür sorgt, dass die Geschichte mit Notwendigkeit diesen Gang nimmt. Ihr Inhalt besteht in der Behauptung, dass die bestehenden Produktionsverhältnisse immer wieder zur Schranke für die Entfaltung der Produktivkräfte geraten und dann nach dem Gesetz des Fortschritts revolutioniert werden müssen. Die Anhänger dieser Lehre, die mit dem Nachweis, dass die bestehenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse unvereinbar sind mit dem materiellen Interesse derjenigen, denen unter diesen Verhältnissen die Rolle der Arbeiterklasse zukommt, durchaus gute Gründe auf ihrer Seite hatten, den Angehörigen dieser Klasse den Umsturz der Verhältnisse nahezulegen, wollten nicht darauf verzichten, der praktischen Konsequenz, die sie aus ihrer Kapitalismuskritik gezogen haben und gezogen sehen wollten, die Weihen einer höheren Notwendigkeit zu verleihen. So als wäre diese Konsequenz erst wohlbegründet, wenn sie nicht nur materialistisch damit angegeben wird, dass das Interesse der Lohnarbeiter in diesem Laden systematisch unter die Räder kommt, sondern von der Geschichte höchstpersönlich auf die Tagesordnung gesetzt wird, haben sie darauf bestanden, dass der Kommunismus »die historische Mission der Arbeiterklasse« ist.

Zitate aus: Philosophisches Wörterbuch, hrsg. von Georg Klaus und Manfred Buhr, Leipzig 1975, Bd. 1, S. 457 f.

Wörterbuch der Geschichte, Dietz Verlag, Berlin 1984, S. 592

Mehr zum Thema findet sich in dem Aufsatz »Zur Kritik der Geschichtswissenschaft. Die verkehrte Logik und der weltanschauliche Sinn des historischen Denkens«, erschienen in Heft 2/2019 der Zeitschrift Gegenstandpunkt, zu beziehen unter: https://de.gegenstandpunkt.com

Theo Wentzke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. September über Frankreich imperialistische Ambitionen.

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