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Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Obazda (völlig losgelöst)

Von Maxi Wunder

»Völlig losge-he-löst von der Eeeerde, schwebt das Ra-a-aumschiff, völlig schwerelos!« Komische Musik dringt aus Udos Büro. Feiert der ’ne 80er-Party? Roswitha klopft vorsichtig an seine Tür: »Udo? Alles in Ordnung? … Maxi, schließ mal vorne ab, nicht, dass das einer mitkriegt!«

Tatsache, schon 20 Uhr. War ’ne gute Woche, also umsatzmäßig. In »Udos Probierstübchen« lautete das Motto nämlich »Oktoberfest«. Die Stimmung war deutsch-orgiastisch, Veganer hätten sich übergeben angesichts der Berge von Weißwürsten und Schweinshaxn. Aber ein Schmankerl wurde immerhin für Laktovegetarier geboten. Mir tun jetzt noch die Handgelenke weh vom Camembert zermanschen:

Für 140 Portionen Obazda benötigt man sechs Kilo reifen Camembert, dreieinhalb Kilo weiche Butter, ein Fässchen Salz, fünf Mühlen Pfeffer, knapp zwei Kilo Joghurt, 53 TL Meerrettich aus dem Glas, 18 Bund Schnittlauch, 875 g frischen Meerrettich und vier Tüten Paprikapulver.

Den Camembert in Stücke schneiden und möglichst mit einer Gummiradwalze (wegen der Knetwirkung) zerdrücken. Butter, Salz und Pfeffer mit einem Mörtelrührer (wegen der Menge) cremig aufschlagen. Camembert, Joghurt und den Meerrettich aus Gläsern zugeben und gut unterrühren. Die Masse in eine Wanne füllen und mit einer Plane abgedeckt 30 Minuten kaltstellen. Den frischen Meerrettich mit der Schälmaschine schälen und mit dem Profihobel in dünne Streifen hobeln. Die Plane von der Wanne entfernen, Schnittlauch und Meerrettichstreifen mit beiden Händen über den Obazda schütten. Wer mag, streut noch ein paar Tüten Paprikapulver darüber. Den pikanten Aufstrich schmiert man auf dick geschnittene Bauernbrotscheiben. Dazu Bier in Maßen (ein Maß ist ein Liter).

Sah witzig aus: Unsere Gäste standen anfangs brav in vorschriftsmäßigen Abständen über beide Straßenseiten verteilt, in einer Hand den Bierhumpen, in der anderen die Eröffnungsbrezel, wie ein Gemälde von Magritte. Später hielten sie sich aneinander fest.

Wirt Udo hockt alleine zwischen viel zu vielen ausgetrunkenen Biergläsern und brütet über einer Zeitungsseite: »Hier steht: ›Weltraumtourismus ist die Zukunft‹«, lallt er, »im All gibt’s keine Viren!« Er hält Roswitha die Seite unter die Nase. »Da! Die sind schon an der Börse. Ich hätte mein Reisebüro weitermachen sollen, ich Idiot!« Rossi überfliegt den Artikel: »Um diesen US-Konzernen Space X und Virgin Galactic unsere lieben Kunden in den Rachen zu werfen für eine popelige Vermittlungsprovision?« Sie wirft die Zeitung dramatisch zu Boden: »Nein, Udo! Wir nehmen keine Krümel mehr, wir wollen die ganze Bäckerei! Wenn überhaupt, bauen wir eine eigene Rakete. Die nennen wir ›Sigmund‹ nach dem ersten Deutschen im All, und Maxi und ich bedienen die Gäste als Space-Stewardessen im DDR-Sandmännchenkostüm. Was meinst du?« – »Einwandfrei«, ruft Udo, »endlich die ideale Lösung für eure Kniearthrose, hicks! Schwebend sollt ihr Geld verdienen in der Schwerelosigkeit von Udos Raumschiff … Mach mal lauter … Vööööllig losge-he-löst vooon der Eeerde schwebt mein Ra-a-aumschiff mit den Mä-hähä-dels a-han Booord …«

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

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