Gegründet 1947 Freitag, 27. November 2020, Nr. 278
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Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Finklbergs Plan

Von Gerd Bedszent
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Abschussrampe mit V-2-Rakete in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, März 1942

Dieser Tage erscheint von Gerd Bedszent der Band »Spuren im Wasser und andere Erzählungen« dem der folgende, leicht gekürzte Auszug aus der Geschichte »Finklbergs Plan« entnommen ist. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Drinnen im Laden herrschte Halbdunkel. Der Besitzer war nirgends zu sehen. Allerdings verrieten Geräusche im Hintergrund, dass er irgendwo zwischen den unzähligen Computer- und Druckergehäusen stecken musste, die sich in der Mitte des Raumes zu Bergen auftürmten. Ich wollte mich gerade bemerkbar machen, als mein Blick auf ein verblichenes Plakat fiel, das über dem Ladentisch an die Wand gepinnt war: »EOLOMEA«.

Ich erinnerte mich: Das war in der Kindheit einer meiner Lieblingsfilme gewesen. Einer der wenigen Science-Fiction-Streifen der Defa: Raumschiffe verschwinden spurlos, und es stellt sich heraus, dass eine Handvoll wagemutige Individualisten sie gestohlen hat, um mit ihnen auf eigene Faust zu den Sternen aufzubrechen. Trotz des etwas wirren Drehbuchs war es ein für die damalige Zeit schön schräger Abenteuerstreifen. Ich hatte mir immer schon gewünscht, ihn noch einmal zu sehen. Als der Film vor ein paar Jahren als DVD herauskam, hatte ich allerdings nicht das nötige Kleingeld gehabt, sie mir zu besorgen. Das Filmplakat war sichtlich alt, offenbar aus einer DDR-Zeitschrift herausgerissen.

»Was kann ich für Sie tun?«

Ernst hatte sich aus dem Gebirge von Elektronikschrott herausgearbeitet und stand nun vor mir: Mager, abgeschabte Jeans, ein völlig verdrecktes T-Shirt, schwarzverschmierte Hände, Dreitagebart. Als ich im ersten Moment nicht reagierte, folgte sein Blick dem meinen, der noch immer an dem Plakat hing. Er lächelte plötzlich freundlich.

»Ein schöner Film, nicht?«

»Wohl wahr«, murmelte ich gedankenverloren.

»In den Kosmos fliegen, mit durchlöcherten Socken.« Er kicherte einen Moment. »Genau von so etwas habe ich seitdem immer geträumt.«

Ich grinste ebenfalls, als mir die Szene einfiel, auf die er anspielte.

»Die Galapagos-Inseln sind aber sicher auch sehr schön.«

»Vielleicht. Ich war nie dort. Und Sie sind ganz sicher nicht deswegen hier.«

»N… Nein. Ich wollte mich nach dem Preis für einen gebrauchten Drucker erkundigen.« Das war die einzige halbwegs glaubhafte Begründung, die mir unterwegs eingefallen war.

»Einen Drucker?«

»Ja, einen gebrauchten. Er sollte billig sein. Ich brauche ihn nur, um ein paar Seiten auszudrucken. Sonst müsste ich nach Berlin zurück, und die Zeit würde mir fehlen.« In dem Moment, wo ich die Geschichte erzählte, erschien sie mir plötzlich unwahrscheinlich blöd. Aber vielleicht würde Ernst sie ja trotzdem schlucken.

Mein Gegenüber blickte mich etwas zweifelnd an. »Dafür müssen Sie doch nicht extra einen Drucker kaufen. So was macht doch jeder beliebige Copyshop.«

»Mmmh, ähhh, ich habe hier keinen gesehen.« Offenbar half im Moment nur eines: mich komplett dämlich zu geben.

Ernst blickte noch zweifelnder. »Na ja, eigentlich kann ich das ja auch für Sie machen. Wenn Ihnen ein Schwarzweißdruck im Format A 4 reicht? 20 Cent pro Seite, einverstanden?«

»Ja, ja, natürlich.«

»Dann geben Sie mir mal den USB-Stick. Oder ist es eine CD?«

Mich ritt plötzlich der Teufel: Das war die Gelegenheit, den Stier bei den Hörnern zu packen. Mal sehen, wie er reagierte.

»Was ich ausgedruckt haben will, steht im Netz.«

»Noch einfacher.« Ernst setzte sich an seinen PC, öffnete der Explorer, stand wieder auf und bot mir seinen Platz an. »Bitte, immer nur zu!«

Er verzog keine Miene, als ich seine eigene Homepage aufrief und das Zeichnungsfragment anklickte.

»Dreimal, bitte.«

»Die Rückseite auch?«

Mir wurde einen Moment lang heiß. Sicherlich war auf diesem Teil der Zeichnung die Rückseite ebenfalls beschrieben, mit weiteren Aufzeichnungen des unbekannten KZ-Häftlings, der das Massaker in der Scheune überlebt hatte. Davon hatte Ernst auf seiner Homepage aber nichts erwähnt. Nirgendwo war das erwähnt. Wenn er jetzt von selbst damit anfing, hieß es wohl, dass er mich durchschaut hatte. Wie sollte ich reagieren? Mich weiter dumm stellen?

»Lassen wir dieses Spielchen. Sie wollen die Zeichnung doch gar nicht ausgedruckt haben. Sie sind Journalist und suchen das Original. Mit dem Text auf der Rückseite. Stimmt’s?«

»Stimmt.« Ich gab auf. Schwindeln brachte hier wohl nichts.

»Und warum nicht gleich so?« Ernst verschwand im hinteren Teil des Ladens. »Ich würde jetzt gern einen Tee trinken. Sie auch?«

»Ja, bitte.« Ich war überrascht und erleichtert.

»Lapsang Souchong oder Earl Grey?«

»Den zweiten, bitte.« Lapsang-Tee hatte ich einmal in meinem Leben getrunken und erinnerte mich mit Schaudern daran.

»Einen kleinen Moment noch. Setzen Sie sich doch inzwischen.« Ein Wasserkochtopf begann im Hinterzimmer zu rauschen und zu gluckern.

Ich vertiefte mich, während ich wartete, in den Inhalt des Bücherschranks. Den Titeln nach zu urteilen, waren es ausschließlich mathematische und physikalische Fachbücher, zum Teil sichtlich zerlesen. Als ich einen dicken Wälzer mit dem Titel »Grundlagen der Quantenphysik« hervorzog und aufs Geratewohl eine Seite aufschlug, wimmelte diese von Unterstreichungen und an den Rand gekritzelten Anmerkungen.

»Stellen Sie das wieder rein; es lohnt nicht.«

Ernst war jetzt wieder aufgetaucht, hielt ein Tablett in den Händen. Ich gehorchte.

»Die meisten Physiker sind Idioten, wissen Sie das?«

»N... Nein.«

»Zucker oder Sahne?«

Ernst hatte den Tee in einer altmodischen Porzellankanne englischer Produktion aufgegossen. Die Tassen stammten allerdings aus unterschiedlichen Fabrikaten und waren zudem leicht angeschlagen. Mich störte das nicht. Hauptsache, das Geschirr war sauber.

»Zucker, bitte.« Sofort stand eine Dose vor mir.

»Sie sind ja auch nicht vom Fach. Einstein nehme ich natürlich aus, auch Heisenberg. Und ein paar andere dieser Generation. Aber auch sie haben nur an der Oberfläche der kosmischen Struktur gekratzt und letztlich die Grundlage für den Unfug gelegt, der jetzt an den Hochschulen gelehrt wird. Wellencharakter der Materie – wenn ich das schon höre … Finklberg, ja, der war auf dem richtigen Weg und hätte es schaffen können. Aber den haben sie ja auch ins Lager gesperrt und umgebracht.«

»Wer?«

»Die Nazis natürlich. Finklberg war Jude. Außerdem auch noch Kriegsgegner und bekennender Sozialist.«

Ich schwieg verunsichert. Meine naturwissenschaftlichen Kenntnisse waren nicht sehr bedeutend, und den Namen Finklberg hatte ich noch nie gehört. Ernst schien mir meine Ratlosigkeit anzusehen, denn er wechselte das Thema.

»Sie sind der erste Journalist, der mich gefunden hat, wissen Sie das?«

»Gewusst habe ich es nicht, aber vermutet.«

Ich nahm einen Schluck Tee. Er schmeckte. Trotzdem goss ich mir nun doch noch etwas Sahne in die Tasse.

»Wenn ich Ihnen das Original des Zeichnungsfragmentes überließe, was würden Sie dann damit machen?«

»Es für meinen Artikel verwenden. Ich soll herausbekommen, was es mit dem Bauteil auf sich hat, und dann die Öffentlichkeit darüber informieren. Das ist mein Job, dafür werde ich bezahlt.«

»Klar. Würden Sie aber auch Informationen freigeben, wenn diese äußerst gefährliche Auswirkungen haben könnten?«

Ernst blickte mich jetzt aufmerksam und gespannt an, und mich überkam das ungute Gefühl, mein Gegenüber bisher falsch eingeschätzt zu haben. War er am Ende gar nicht verrückt? War die Ufologie eine Maske, hinter der er sein wahres Ich verbarg? Oder setzte er sich jetzt eine Maske auf, um seine Paranoia zu tarnen?

»Schwierig zu beantworten. An sich ist es eine Frage des Berufsethos, ob man Informationen verwertet oder es lieber nicht tut. Natürlich kommt es darauf an, für wen diese Informationen gefährlich sind.«

Dass viele meiner Kollegen auf Ethos und Moral pfiffen, alle Informationen zu Geld machten, die sich irgendwie vermarkten ließen, erwähnte ich vorsichtshalber nicht. Und auch nicht, dass ich persönlich einen Großteil der Meldungen, die täglich durch die Medien geisterten, entweder als Müll oder als politisch motivierte Stimmungsmache einschätzte.

»Nehmen wir an, es handele sich um Informationen, die für das weitere Bestehen der gesamten Menschheit eine akute Gefahr darstellen.« Ernst betrachtete jetzt ungeniert mein blau geschlagenes Auge. »Vergleichbar beispielsweise mit den theoretischen Grundlagen für die Entwicklung der Atombombe. Würden Sie solche wissenschaftlichen Erkenntnisse einem gewissen Ralf Nordmann anvertrauen?«

Mir wurde immer unbehaglicher. Wenn der Mann meinte, die Welt retten zu müssen, war es wohl doch eher der Beginn einer Paranoia. Aber woher wusste er von Nordmann? Hingen die Beiden am Ende irgendwie zusammen?

»Natürlich nicht. Sie wissen, dass ich gestern bei ihm war?«

»Wissen nicht. Aber ich vermutete es. Seine Handschrift ist eigentlich unverkennbar.«

Das klang nun wieder normal.

»Ich glaube nicht, dass ich mit Nordmann noch einmal reden werde. Und mit seinesgleichen auch nicht.«

»Und woher wissen Sie von den Texten auf der Rückseite?«

»Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora war so freundlich, mich das Original ihres Zeichnungsfragmentes lesen zu lassen.«

»Die Gedenkstätte also… Ich habe keine Ahnung, wie die an ihren Zeichnungsteil gekommen sind. Wollen Sie wissen, woher ich meinen habe?«

Ich trank wieder einen Schluck Tee. Das Gespräch wurde immer interessanter. Einen Fehler durfte ich jetzt keinesfalls machen.

»Ja, das wäre für mich schon wichtig.«

Ernst grinste und erzählte in kurzen, knappen Sätzen, dass er das Fragment ganz ordinär bei einem Trödler gekauft habe. Das heißt, nicht die Zeichnung selbst, sondern den Bilderrahmen, in dem sie steckte. Er sei durch einen größeren Reparaturauftrag zu etwas Geld gekommen und wollte seine Bruchbude ein bisschen wohnlicher gestalten. Als eine Art Geburtstagsgeschenk für sich selbst. Da er sich sehr für Astronautik und besonders für die Anfänge der Weltraumforschung interessierte, habe er bei einem Besuch beim Trödler ganz billig zwei Bilder gekauft. Und als er bei dem einen Bild den Rahmen öffnete, sei ihm das Zeichnungsfragment entgegengefallen.

Ich schwieg erst einmal verdutzt. Die Geschichte war so blöd, dass sie tatsächlich stimmen konnte.

»Und das zweite Bild?«

Ernst atmete tief und nahm dann einen weiteren Schluck Tee.

»Kein Ruhmesblatt für mich: Ich hatte das zweite Bild zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr. Nordmann war unmittelbar nach dem Kauf bei mir aufgekreuzt. Angeblich, um mir zum Geburtstag zu gratulieren; tatsächlich wollte er mich anpumpen. Ich habe ihm natürlich kein Geld gegeben. Erst einmal, weil ich selbst ständig klamm bin. Und zweitens, weil ich weiß, dass er ein totaler Armleuchter und in die dubiosesten Geschäfte verwickelt ist. Als ich wieder und wieder ablehnte, wurde er schließlich rabiat, schnappte sich das Bild und verschwand. Vermutlich, um es in seinem Laden zu versilbern. Bei ihm verkehren ja ständig Leute, die Überbleibsel aus der Nazizeit sammeln. Ach so, ich vergaß: Das Bild zeigte eine startende V2-Rakete. Das andere übrigens auch, aber das war zum Glück gerade nicht im Zimmer.«

Ich starrte mein Gegenüber verwirrt an: »Moment mal … Was haben Sie mit Nordmann zu schaffen? Wieso war der bei Ihnen zum Geburtstag?«

»Er ist mein Neffe. Haben Sie das noch nicht herausbekommen? Man kann sich seine Verwandtschaft leider nicht aussuchen.«

Ich schwieg ergriffen. Dazu hatte in den Unterlagen von Frank nichts gestanden. Der hatte zwar die Biographien von Ernst und Nordmann ausführlich recherchiert, nicht aber ihren Stammbaum. Und ich war auf so eine Idee natürlich auch nicht gekommen.

Ernst goss uns Tee nach. »Ich habe zwei riesengroße Fehler gemacht, die ich mir schwerlich verzeihen werde. Der erste war, dass ich diesen Idioten mit dem geklauten Bild einfach habe abziehen lassen, statt ihm die Polizei auf den Hals zu hetzen. Ich wollte nicht noch mehr Ärger mit ihm, und die zehn Euro für das Bild, dachte ich, könne ich verschmerzen. Und der zweite Fehler war, dass ich versucht habe, ihm das Bild wieder abzukaufen, als ich Bescheid wusste. Dadurch habe ich ihn nämlich überhaupt erst darauf gebracht, dass im Bilderrahmen etwas Wertvolles stecken könnte. Ein paar Stunden nach unserem Telefonat hatte er das Fragment auf seine Homepage gesetzt. Allerdings nur die Zeichnung, nicht die beschriebene Rückseite. Ich setzte die Vorderseite meines Fragmentes dann ebenfalls ins Netz und schrieb einen, wie ich dachte, passenden Beitrag dazu. Und das war wahrscheinlich mein dritter Fehler.«

»Ob es ein Fehler war, wird sich noch herausstellen. Was haben Sie denn für einen Text auf der Rückseite Ihres Fragments gefunden?«

Ich kehrte mit dieser Frage nun zum eigentlichen Anliegen meines Besuchs zurück. Jetzt würde Ernst Farbe bekennen müssen. Entweder er rückte weitere Informationen zu dem Fragment heraus, oder aber ich hatte mir den Weg umsonst gemacht. Oder wenigstens: fast umsonst. Denn ein paar Stichpunkte für weitere Recherchen hatte ich nun schon sammeln können.

Ernst machte jedoch keinerlei Anstalten, mich irgendwie abzuwimmeln, öffnete statt dessen eine Schublade seines Schreibtischs, fingerte darin herum und zog plötzlich eine zweite Schublade auf. Aha. Ein Geheimfach.

(…)

Ein Blatt Papier lag dann vor mir. Unzweifelhaft der Teil der Zeichnung, den Ernst auf seiner Homepage stehen hatte. Die Rückseite bedeckten Großbuchstaben in der mir schon bekannten Kinderschrift. Gierig begann ich zu lesen:

*

Anfang September 1943 kam ich ins Lager. Der Name Dora sagte mir damals noch gar nichts. Schon wenige Wochen der Arbeit im Raketenstollen hatten mich dann zermürbt. Ich war völlig fertig und ausgelaugt, träumte eigentlich nur noch davon, irgendwo ein abgelegenes Plätzchen zu finden, wohin ich mich zurückziehen konnte. Irgendeinen Platz, wo man mich nicht fand und mit Schlägen und Fußtritten traktierte. Irgendeinen kleinen Verschlag oder einen halbverschütteten Gang, den die Kapos bisher nicht kannten oder in den sie nicht vordrangen. Dass ich dort weder Wasser noch Essen bekäme, war mir egal. Nur meine Ruhe wollte ich haben. Nie mehr im Dauerlauf mit der Schubkarre durch die Stollen gejagt werden. Keine Felsbrocken mehr verladen, keine Betonpampe mehr schaufeln, keine toten Kumpels mehr auf den nächsten Leichenhaufen schleppen. Und nie wieder beim Appell zusehen müssen, wie sich die Körper der erhängten Kameraden im Todeskampf wanden. Die meisten Kumpels hatten denselben Traum. Gerade deshalb passten die Kapos auch höllisch auf, dass sich niemand heimlich versteckte. Ein Entkommen aus dem Berg war zwar völlig unmöglich. Aber jeder Kumpel, der in irgendeinem einsamen Winkel vor sich hinstarb, fehlte dann als Arbeitskraft. Und arbeiten sollten wir; das war der einzige Grund, warum man uns am Leben ließ.

Und so schlugen und traten die Kapos unbarmherzig jeden zusammen, der sich ohne Erlaubnis auch nur ein paar Meter vom Arbeitsplatz entfernt hatte. Und er konnte noch von Glück reden, wenn er nicht als Saboteur gemeldet wurde, in den Bunker kam und dann beim nächsten Appell am Galgen endete. Trotzdem wurden in den hinteren Teilen des Stollens immer wieder die mumifizierten Leichen von Kameraden gefunden, die es doch geschafft hatten, irgendwo still und unbemerkt auf ihren Tod zu warten. Ich beneidete sie. Jeder von uns tat das. Fast jeder.

Die meisten Kumpels waren völlig abgestumpft, reagierten nur noch auf das Gebrüll der Kapos, die Kommandos der SS-Wachen, die Weisungen der Vorarbeiter und Meister. Manche versuchten bei der Rationsausgabe, schwächere Kumpels zu beklauen, und riskierten es dabei, jämmerlich verdroschen zu werden. Andere, meist Grüne, verzinkten Kameraden und versuchten so, sich bei der SS lieb Kind zu machen, wohl in der Hoffnung, als Belohnung irgendwann einmal zum Kapo befördert zu werden. Es gab aber auch ein paar Kumpels, die mir halfen. Warum? Mitleid, weil ich der jüngste und schwächste in der Kolonne war? Ich weiß es nicht. Einige Male wurden mir jedenfalls Brotstücke zugesteckt: Es waren nur winzige Teile einer Ration, doch mir erschienen diese Krümel wie ein ganzer Geburtstagskuchen. Und dann merkte ich ein paarmal, dass man mir absichtlich leichtere Arbeit zuwies. Ich hielt mich dann immer an die Kumpels, von denen ich wusste, dass sie mir geholfen hatten. Und fuhr gut dabei.

Als der Stollenabschnitt schließlich fertig war, kursierte das Gerücht, dass zur Abnahme ein höherer SS-Führer erwartet würde. Es musste wohl stimmen; man merkte es an der Nervosität der Kapos und Wachen. Selbst Vorarbeiter, die sonst ein eher gemäßigtes Arbeitstempo zuließen, gerieten in Hektik: »Kammler kommt, Kammler kommt …« Grünen Kapos, die es bisher immer geschafft hatten, sich bei der SS lieb Kind zu machen, stand die nackte Angst ins Gesicht geschrieben. Sie prügelten unbarmherzig und wahllos drauflos, wohl in der Hoffnung, ein noch höheres Arbeitstempo zu erzwingen. Die beiden letzten Besuche des Obergruppenführers hatten mit Massenhinrichtungen geendet. Jeder Häftling, der dem SS-Gewaltigen vor die Augen kam, musste damit rechnen, als Saboteur zum Tode verurteilt oder aber gleich an Ort und Stelle umgebracht zu werden.

Und ich wusste, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte, als die Karre mit Bauschutt, die ich weisungsgemäß im Dauerlauf von einem Ende des Stollens an den anderen zu schieben hatte, plötzlich aus dem Gleichgewicht geriet und der Dreck einem halben Dutzend SS-Chargen vor die blankgeputzten Stiefel rollte. Ein heftiger Schmerz durchzuckte mein linkes Bein. Ich blieb auf dem Boden liegen, starrte voller Entsetzen auf den nächsten SS-Führer. Nein, Kammler war es nicht, irgendein höherer Offizier mit adligem Namen: von Braune oder Braun...

»Gestatten Sie bitte, Sturmbannführer ...« Der Häftling gehörte wohl zur Lagerprominenz. Sonst würde er sich nicht getrauen, einen SS-Offizier einfach so anzusprechen.

»Ja, was gibt’s, Finklberg?«

»Ich kenne diesen Häftling hier. Kann sich als nützlich erweisen. Geben Sie Befehl, ihn meinem Kommando zu überstellen.«

Der Sturmbannführer nickte gleichgültig.

»Nehmen Sie ihn sich, Professor. Und denken Sie daran: Ich brauche Ergebnisse! Schnell!«

Die SS-Stiefel entfernten sich. Zwei andere Häftlinge zerrten mich hoch. Mein linker Fuß schmerzte noch immer heftig. Der grüne Kapo Willi raunte mir ins Ohr: »Ins Forschungskommando. Mein Gott, was für ein Dusel, was für ein Dusel ... Mit dem Sturz hast du das ganz große Los gezogen!«

Gerd Bedszent, Jahrgang 1958, lebt und arbeitet als Autor und Journalist in Berlin. An dieser Stelle erschien in der Ausgabe vom 29./30. August 2020 »Auf dem Weg ins Land des Pfeffers« über den frühen Handelsimperialismus Portugals und der Niederlande.

Gerd Bedszent: Spuren im Wasser und andere Erzählungen. Trafo-Verlag, Berlin 2020, 329 Seiten, 16,80 Euro

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