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Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 12 / Geschichte
Antifaschismus

Ehrenwerte Eidbrecher

Sie starben für den Frieden: Religiöse Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg
Von Helmut Donat
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Wer den Fahneneid auf Hitler und damit den Kriegsdienst ablehnte, machte sich der »Zersetzung der Wehrkraft schuldig«. Verweigerer brandmarkte man als »Schwächlinge«, »ehrlose und feige Drückeberger«. Die Gerichte bestraften sie mit dem Tod (Wehrmachtssoldaten leisten den Eid, Zigarettenkarte aus dem Jahr 1936)

»In Gottes Wahrheit leben« – so der Titel des neuen Buches von Helmut Kurz – stellt weitgehend unbekannte Widerständige vor, die aus religiösen Gründen »nein!« sagten und im Zweiten Weltkrieg den Kriegsdienst verweigerten. Ihr Schicksal und Vermächtnis verdeutlicht uns besonders eindringlich, wohin Militarismus und Nationalismus, Juden- und Fremdenhass führen, wenn ihnen nicht rechtzeitig, entschieden und kraftvoll Einhalt geboten wird. (H.D.)

Der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke hat in seiner Rede in Potsdam zum 3. Oktober 2020 »an die Opfer von Diktatur und Unterdrückung« in der DDR und »weltweit« erinnert. Der Opfer Nazideutschlands gedachte er mit keinem Wort. Den Weg zu dem knapp 60 Kilometer von Potsdam entfernten Zuchthaus Brandenburg-Görden, heute ein Museum, fand er nicht. Hier hatte die Nazijustiz eine Hinrichtungsstätte eingerichtet; sie war neben Berlin-Plötzensee die zweitgrößte der faschistischen Verfolgungsmaschinerie auf deutschem Boden. Von August 1940 bis April 1945 sind dort mehr als zweitausend Menschen ermordet worden. Zu den von Woidke »vergessenen« Opfern gehören zahlreiche sogenannte Wehrkraftzersetzer und Kriegsdienstverweigerer – unter ihnen Franz Jägerstätter, der am 9. August 1943 mit dem Fallbeil enthauptet wurde.

Irregeführte Oberhirten

Jägerstätter, im Mai 1907 in dem oberösterreichischen Dorf St. Radegund geboren, stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Nach der Volksschule wird er Bauer. Er gilt als intelligent, lebenslustig und manchen als wild. Nach drei Jahren im steirischen Bergbau kehrt er auf den Hof zurück. Aus seiner zweiten Ehe gehen drei Töchter hervor, um die er sich fürsorglich kümmert. Im März 1938 ist er in seinem Dorf der einzige Mann, der sich gegen die Okkupation Österreichs durch die deutsche Wehrmacht wendet. Jägerstätter wird 1940 zweimal eingezogen. Er macht die Grundausbildung und leistet den Fahneneid auf Hitler. Im Dezember 1940 tritt er dem Dritten Orden des heiligen Franziskus bei. Die Erfahrung des Drills und der Schikanen beim Militär sowie sein Wissen um die Verfolgung oppositioneller Priester und die Ermordung von Geisteskranken offenbaren ihm den totalitären Charakter des Naziregimes und dessen Unvereinbarkeit mit dem Christentum. Er beschließt, den Dienst in der Wehrmacht zu verweigern.

Je mehr sich seine Entscheidung herumspricht, sich nicht an Hitlers Kriegen zu beteiligen, desto stärker übt sein Umfeld Druck auf ihn aus. Der Vorwurf: Er versündige sich gegen seine Familie, lasse sie in Stich, sei hochmütig und ungehorsam. Auch Kirchenvertreter stellen sich gegen ihn. Selbst Bischof Joseph Calasanz Fließer, an den Jägerstätter sich in seiner Gewissensnot wendet, spricht ihm, dem Bauern, die Fähigkeit ab, über die Rechtmäßigkeit eines Krieges zu entscheiden. Fortan tauscht er sich mit Menschen seines Vertrauens aus, seine Argumentation für eine Verweigerung vermag keiner zu entkräften. Jägerstätter erkennt, dass die Priester und Bischöfe vielfach »irregeführt«, »eingeschüchtert« oder gar für den Nationalsozialismus sind. Ihr Schweigen hindere sie, den Christen Orientierung und Halt zu geben. Er begreift, dass von den kirchlichen Oberhirten keine Hilfe zu erwarten und er auf sich selbst zurückgeworfen ist. Kraft und Trost findet er in der Bibel, in Büchern über Heilige und in Gesprächen mit seiner Frau.

Zu welchem Standpunkt Jägerstätter gelangt ist, zeigen seine »10 Fragen«, die er, etwa im Mai 1942 verfasst, an sich wie an seine Zeitgenossen richtet. Unter anderem heißt es: »Wer gibt uns die Garantie, dass es nicht im geringsten mehr sündhaft ist, einer Partei beizutreten, deren Bestreben es ist, das Christentum auszurotten? (…) Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in mehreren Ländern unternommen hat und noch immer weiterführt, für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären? (…) Wer traut sich zu behaupten, dass vom deutschen Volk in diesem Krieg nur einer die Verantwortung trägt, weshalb mussten dann noch so viele Millionen Deutscher ihr ›Ja‹ oder ›Nein‹ hergeben? (…) Seit wann können auch die Verführten, welche ohne Reue und Besserung ihrer begangenen Sünden und Fehler, die sie durch Verführung begangen haben, dahinsterben, denn auch in den Himmel kommen? (…) Warum feiert man die Kämpfer für den Nationalsozialismus heute auch in den Kirchen Österreichs als Helden? Hat man denn nicht solche bei uns vor fünf Jahren völlig verdammt? (…) Wie kann man denn heute seine Kinder noch zu wahren Katholiken erziehen, wenn man ihnen auch das, was früher schwer sündhaft war, für gut oder wenigstens nichts Sündhaftes erklären soll? (…) Warum soll denn jetzt das für gerecht und gut befunden werden, was die Masse schreit und tut? Kann man jetzt auch glücklich ans andere Ufer gelangen, wenn man sich stets wehrlos vom Strom mitreißen lässt? (…) Wer bringt es fertig, zu gleicher Zeit Soldat Christi und Soldat für den Nationalsozialismus zu sein, für den Sieg Christi und seiner Kirche und zugleich auch für den nationalsozialistischen Sieg zu kämpfen?«

Jägerstätters Fragen zeigen, dass es ohne weiteres möglich war, die Zeichen der Zeit zu erkennen, profund zu benennen, und dass gegenteilige Behauptungen Rechtfertigungen für eigenes Versagen und Fehlverhalten sind. Eigenes Urteilsvermögen, Wachsamkeit bei der Verletzung von Menschenrechten und Empathie für Verfolgte waren wenig ausgebildet. Das moralische Wertgefüge insgesamt wies krasse Lücken auf und war in hohem Maße militaristisch-nationalistischen Vorurteilen und Zielen untergeordnet.

Im Grunde genommen kommen Jägerstätters Einsichten denen von Friedrich Wilhelm Foerster nahe, der, bedeutender Gegner und Kritiker des preußischen Militarismus und des Nationalsozialismus, bereits 1938 geschrieben hat: »Denn das ist ja gerade das Tragische der neudeutschen Entwicklung, dass hier das Christentum im Dienste des Antichrist, die Moral im Dienste der tiefsten Unmoral, der Geist im Dienste des Ungeistes, die Ordnung im Dienste der Anarchie, die Organisation im Dienste des desorganisierten Europas steht (…) Die Tragik des deutschen Christentums, als ein besonderes Kapitel des ›Verrats der Geistigen‹, besteht nicht nur darin, dass es hier die Ausnahmen waren, die nicht mitmachten, sondern gerade auch darin, dass der Nationalismus und Militarismus, dem sie sich so vorbehaltlos ergaben, eine ausgesprochene Verherrlichung des Krieges (…) bedeutete. Und eben diese innerste geistige Aussöhnung mit der politischen Barbarei hat sich so furchtbar gerächt und wird sich noch furchtbarer rächen: die deutschen Christen haben sich ihre Henker selber herangezogen.«

Späte Würdigung

Wer den Fahneneid auf Hitler und damit den Kriegsdienst ablehnte, machte sich der »Zersetzung der Wehrkraft schuldig«. Das Soldatendasein galt als »Ehrendienst am deutschen Volke«, Verweigerer hingegen brandmarkte man als »Schwächlinge«, »ehrlose und feige Drückeberger«. Die Gerichte bestraften sie mit dem Tod, der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte samt Einziehung des Vermögens. Wer sich der Forderung, einem Verbrecher zu dienen und »Feinde« zu töten, widersetzte, wusste, was ihm drohte. Die Wehrmachtsjustiz kannte keine Gnade. Von den etwa 30.000 zum Tode verurteilten Soldaten wegen irgendwelcher Vergehen gegen die Militärherrlichkeit sind etwa 23.000 hingerichtet worden. Im Ersten Weltkrieg hatte die Militärjustiz nur 150 Todesurteile ausgesprochen, was zeigt, in welchem Ausmaß sie sich im Sinne der Nazis willfährig verschärfte. Von den fast 1.100 vom Reichskriegsgericht und anderen Kriegsgerichten allein wegen Kriegsdienstverweigerung ausgesprochenen Todesurteilen sind 666 vollstreckt worden. Darüber hinaus kamen weitere 60 in der Haft, im Konzen­trationslager oder in einer Strafeinheit ums Leben.

Aus privaten Aufzeichnungen und Briefen wissen wir inzwischen, dass viele Verweigerer aus christlichen Motiven handelten und – ungeachtet der jeweiligen Lebensumstände – der Stimme ihres Gewissens folgten. Sie gehörten unter anderem den Zeugen Jehovas, den Baptisten, den Siebenten-Tags-Adventisten, den Quäkern, den evangelischen und katholischen Christen an.

Auch Franz Jägerstätter ist klar, was ihm bevorsteht. Als er Ende Februar 1943 seine dritte Einberufung erhält, verweigert er den Kriegsdienst. Statt ihn – so sein Wunsch – im Sanitätsdienst einzusetzen, überstellt man ihn nach zwei Monaten Haft in Linz in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel. Am 6. Juli 1943 erklärt ihn das Reichskriegsgericht für »ehrlos« und »wehrunwürdig« und verurteilt ihn zum Tode. Am 9. August 1943 wird er in das Zuchthaus Brandenburg-Görden überführt, noch am selben Tag mit dem Fallbeil getötet und sein Leichnam eingeäschert.

Nach 1945 erinnern zwei Artikel in katholischen Zeitschriften an das Schicksal Jägerstätters. Danach wird es still um ihn – Folge der seit 1947/48 beginnenden Verdrängung und dem sich durchsetzenden Unwillen vieler Deutscher und Österreicher, Reue zu zeigen und Trauerarbeit zu leisten. Bezeichnend ist, dass ein Nichtdeutscher die erste Biographie über Jägerstätter verfasst hat: der amerikanische Soziologe und Pazifist Gordon C. Zahn, Mitbegründer des US-Sektion von Pax Christi. Die deutsche Übersetzung seines Buches erscheint 1967. Während Jägerstätter in der US-Friedensbewegung und in den Freikirchen der USA hohe Wertschätzung als Märtyrer erfährt, bleibt die deutsche Öffentlichkeit weitgehend desinteressiert. Doch allmählich wandelt sich auch in der katholischen Kirche die Haltung zur Kriegsdienstverweigerung. Und so erfolgt 2007 durch Papst Benedikt XVI. die Seligsprechung Jägerstätters. Bischof Manfred Scheuer erklärt in dem dazugehörigen Gottesdienst, er sei »durch seine entschiedene Lebenshaltung und durch sein Martyrium ein Prophet mit Weitblick und Durchblick«. Der Film »Ein verborgenes Leben« von Terrence Malik hat 2019 Jägerstätter als »Märtyrer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus« einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung gebracht.

Gegner des Nationalismus

Ganz anders war der Weg von Hermann Stöhr, der wie Jägerstätter zu den 22 Lebensbildern zählt, die Helmut Kurz, seit 1983 als Mitglied aktiv bei Pax Christi, der Internationalen katholischen Friedensbewegung, in seinem Buch eindrucksvoll würdigt. Auch sein Schicksal ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass es nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland keine wirkliche Abkehr vom Denken in Gewalt- und Machtkategorien gegeben hat. So konstatierte der Marburger Theologieprofessor Martin Rade es bereits 1928 als »trübste Erfahrung« seines Lebens, »dass das deutsche Kirchenvolk nach vielen Seiten hin keine Buße getan hat«. Ein hartes, aber nicht ungerechtes Urteil. Zudem hat sich die Weimarer Republik nie fundamental gegen den fortbestehenden Militarismus und Nationalismus gewandt. Indem sie die Propaganda von der Unschuld des Kaiserreichs an der Entfesselung des Ersten Weltkriegs finanzierte und durch das eigens dazu errichtete »Kriegsschuldreferat« steuern ließ, leistete sie der Militarisierung der Gesellschaft und dem Weg ins »Dritte Reich« erheblichen Vorschub. Denn wozu hatte man Revolution gemacht und die Republik geschaffen, wenn der Kaiser und die militärische wie zivile Reichsleitung unschuldig waren oder nicht mehr Verantwortung an der Kriegsauslösung tragen sollten als die anderen Großmächte?

Hermann Stöhr, am 4. Januar 1898 in Stettin als Sohn eines Zollinspektors geboren, war der einzige verurteilte evangelische Kriegsdienstverweigerer. Er wurde am 21. Juni 1940 in Berlin-Plötzensee enthauptet. Geprägt von der »vaterländischen Erziehung« in Schule und Elternhaus, meldet er sich im August 1914, gerade sechzehn Jahre alt, als Freiwilliger zur kaiserlichen Marine. Doch nicht das Kriegserlebnis – er versah seinen Dienst als Zahlmeister auf dem Schlachtkreuzer »Göben« im Schwarzen Meer –, erst das Studium, das er in Rostock 1922 mit einer Arbeit über »Die Auslandshilfe« als Doktor der Staatswissenschaften abschließt, und die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre veranlassen ihn zu einer Revision seines Denkens.

In der »Christlichen Studentenvereinigung« wendet er sich gegen deutschnationale Auffassungen und fordert, nationale Rücksichten aufzugeben und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. Ebenso nachdrücklich vertritt er seinen pazifistischen Standpunkt als Sprachlehrer und Mitarbeiter der »Sozialen Arbeitsgemeinschaft« Friedrich Siegmund-Schultzes in Berlin sowie als Sekretär bei der Geschäftsstelle der ökumenisch orientierten Zeitschrift Die Eiche und dem »Internationalen Versöhnungsbund« (IVB), der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen zum Dienst am Frieden aufruft. Da Stöhr sich als Europäer empfindet, wenig auf nationale Belange achtet und daher scheuklappenfrei und weitsichtig ist, wird er in dem als gemäßigt einzuschätzenden und von Siegmund-Schultze repräsentierten Flügel des evangelischen Friedensengagements rasch zum Außenseiter.

Einsam unter Protestanten

Stöhrs Einsatz für den Frieden speist sich aus christlich-ethischer Überzeugung. Dem organisierten Pazifismus der Weimarer Republik steht er als Mitglied des IVB eher reserviert gegenüber. Sein Arbeitsfeld bleibt, ob er nun in der Wohlfahrtspflege der Inneren Mission oder als freier Schriftsteller und Verleger tätig ist, die ökumenische Friedensbewegung. Außenpolitisch tritt Stöhr für deutsch-französische und für deutsch-polnische Aussöhnung ein. Wie katholisch orientierte Kreise der Friedensbewegung wegen ihrer Forderung »Ein Ost-Locarno ist christliche Gewissenspflicht!« – also der Anerkennung der polnischen Westgrenze – in Schwierigkeiten geraten, so ist auch Stöhr mit seinem Bemühen für ein Bekenntnis deutscher Schuld an Polen heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Vertreter des nach 1918 weiterhin dominierenden Nationalprotestantismus der Amtskirche entfachen eine Pressekampagne gegen Stöhr, bezichtigen ihn eines »unverbesserlichen Pazifismus«. Prompt wird sein Vertrag beim »Zentralausschuss für die Innere Mission« nicht verlängert. Doch Stöhr lässt sich nicht beirren und erklärt: »Ungesühnt ist der große deutsche Schuldanteil an den vier Teilungen Polens (…) Für diese Schuld hat weder die Kirche noch unser Volk Buße getan. Und doch hätten wir allen Grund, mit Augustin und Luther zu bekennen: Mein ist die größte Schuld. Weil wir Deutschen diese unvergebene Schuld mit uns herumtragen, haben wir während des vergangenen Jahrhunderts nicht in ein rechtes Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn kommen können.«

Infolge seiner klaren Haltung wenden sich viele von Stöhr ab. Selbst Martin Rade geht auf Distanz, später auch Dietrich Bonhoeffer, der glaubt, vor Stöhr und seinem ökumenischen Kreis warnen zu müssen. Stöhrs Lage wird sogar noch schwieriger. Arbeitslosigkeit und wachsende Vereinsamung mildern seit 1931 Familienangehörige und Freunde. Gleichwohl hält er an seinen Überzeugungen fest und warnt vor dem tiefverwurzelten Polen-Hass im deutschen Volk, der in den Jahren vor 1933 weiter verbreitet ist als der Antisemitismus.

Bedenkt man, dass der Pazifist Arnold Kalisch aufgrund der fehlenden Unterstützung des evangelischen Theologen Otto Dibelius für ausländische und christliche Kriegsdienstverweigerer im Februar 1931 zu dem Schluss gelangt, von den in Deutschland üblichen Bekenntnissen erfülle »die evangelische Kirche die jeder Religionsgemeinschaft obliegende Pflicht, für die Friedensgesinnung und Friedensverwirklichung einzutreten (…) am schlechtesten«, so wird offenbar, in welcher Einöde sich Stöhr bewegt.

Als Gegner des Antisemitismus solidarisiert er sich zudem auch und gerade nach 1933 mit den verfolgten Juden. Vergeblich sucht er Ende Juli 1933 in einem Schreiben an Hermann Kapler, den Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenrates (EOK), die Kirche zu veranlassen, den im KZ Inhaftierten seelsorgerlich beizustehen. Doch die Kommunisten, Sozialisten, Pazifisten und Juden geltende Fürbitte wird als »Hochverrat« abgelehnt, und der Oberkonsistorialrat August Freitag bezichtigt Stöhr öffentlich eines »pathologischen Christentums«. Der hatte bereits Ende Mai 1933 gegen die vom EOK-Präsidenten empfohlene Beflaggung kirchlicher Gebäude für den von den Nazis zu ihrem Märtyrer ernannten Attentäter Leo Schlageter protestiert. Während große Teile des deutschen Protestantismus Hitlers Außenpolitik unterstützen und den im Oktober 1933 erfolgten Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund begrüßen, warnt Stöhr vor den damit verbundenen Gefahren und fordert die Kirche zugleich auf, der Erziehungspolitik der Nazis entgegenzutreten. Erneut erhält er keine Antwort.

Als er Ende Februar 1939 vom Wehrbezirkskommando Stettin die Nachricht erhält, sich für Pflichtübungen bereitzuhalten, antwortet er am 2. März: »Den Dienst mit der Waffe muss ich aus Gewissensgründen ablehnen. Mir wie meinem Volk sagt Christus: ›Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen.‹ (Matthäus 26, 52) So halte ich Waffenrüstungen meines Volkes nicht für einen Schutz, sondern für eine Gefahr. Was meinem Volk gefährlich und verderblich ist, daran vermag ich mich nicht zu beteiligen.« Da Stöhr im August 1939 dem Einberufungsbescheid nicht folgt, wird er inhaftiert, wegen Fahnenflucht angeklagt, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und in das Wehrmachtsgefängnis Torgau eingeliefert. Im November verweigert er den Fahneneid auf Hitler, was das Reichskriegsgericht am 16. März 1940 wegen »Wehrkraftzersetzung« mit dem Tode bestraft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg steht das schlechte Gewissen, nichts oder zu wenig gegen die menschenverachtende Politik des Naziregimes getan oder sie unterstützt zu haben, einer Befassung mit dem »Fall Stöhr« im Wege. Selbst die »Bekennende Kirche« verdrängt den Märtyrer. 1978 fällt das Grab Stöhrs auf dem evangelischen St. Johannis-Friedhof in Berlin-Wedding den Planungen für eine Autobahn zum Opfer, die nie gebaut worden ist. Niemand interessiert sich mehr für ihn. Erst Eberhard Röhm, Dozent am Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hat die Spuren Hermann Stöhrs gesichert und ihm 1985 mit einer Biographie ein literarisches Denkmal gesetzt. Im selben Jahr ist ein Gemeindezentrum in Berlin-Charlottenburg nach Hermann Stöhr benannt worden. 1997 hebt das Berliner Landgericht das Urteil gegen den Kriegsdienstverweigerer auf.

In Berlin-Friedrichshain trägt ein ziemlich heruntergekommener Platz am Ostbahnhof seit 1998 seinen Namen, und an einem großen Findling befindet sich eine Gedenktafel. Hermann-Stöhr-Straßen gibt es in Buchholz bei Hamburg und in Pforzheim. Es handelt sich um Sackgassen, in Buchholz steht am Ende der Straße lediglich ein Gebäude, in dem eine Kindertagesstätte, eine Consulting Firma und ein Rechtsanwaltsbüro untergebracht sind. Bedenkt man, wie viele nach waschechten Militaristen benannte Straßen es in deutschen Städten gibt – Bismarck, Moltke, Roon und Hindenburg etc. –, offenbart sich, dass die oft gerühmte Erinnerungskultur in den politischen Alltag bislang wenig eingedrungen ist. Man verkenne nicht, dass das Gerede des AfD-Fraktionschefs Alexander Gauland vom »Vogelschiss« Ausdruck einer weitverbreiteten Haltung ist.

Wem gebührt Ehre?

Was die religiösen Kriegsdienstverweigerer wie August Dickmann, Martin Gauger, Bernhard Grimm, Alfred Herbst, Wilhelm Kempa, Michael Lerpscher, Josef Mayr-Nusser, Franz Reinisch, Richard Reitsamer, Vinzenz Schaller, Ernst Volkmann oder Leander Josef Zrenner über alle Beweggründe hinweg eint, ist das Bemühen, nicht in die Lage zu kommen, einen anderen Menschen zu töten. Sie wollten nicht schuldig oder mitschuldig werden und waren zuversichtlich, das Richtige zu tun und gottgefällig zu handeln. Wer ihre Abschiedsbriefe liest, die in dem Buch von Helmut Kurz neben Briefen, Fotos und weiteren persönlichen Zeugnissen enthalten sind, wird nicht unberührt bleiben von einer Haltung, die Respekt und Achtung abverlangt. Erschütternd auch, dass die großen Kirchen, einen »gerechten Krieg« und Gehorsam gegenüber der Obrigkeit predigend, sie allein ließen und sich an ihrer weiteren Diskriminierung in den Jahrzehnten nach 1945 sogar noch beteiligten.

Neben den Mechanismen und Maßnahmen der Wehrmachtsjustiz schildert Kurz, wie die einst verfemten »Drückeberger«, »Feiglinge« und »Wehrkraftzersetzer« auf einem langen, steinigen Weg inzwischen Anerkennung gefunden haben und manche von ihnen in den Kirchen heute als Märtyrer gelten. Indem Kurz an ihren Mut, ihre Geradlinigkeit und ihr Festhalten an christlichen Grundwerten erinnert, trägt er dazu bei, noch immer weit verbreitete Vorurteile zu widerlegen.

Jägerstätter, Stöhr und all die anderen Kriegsdienstverweigerer stellen uns vor eine Wahl: Wollen wir ihnen die Ehre geben oder jenen folgen, die das Töten befohlen oder wie Bismarck etc. das Räderwerk des Krieges in Gang gesetzt haben? Jägerstätters wie Stöhrs Mitempfinden für die von ihnen bei Kriegsbeteiligung niederzustreckenden »Feinde«, ihre Weigerung, einen anderen Menschen in einem zutiefst ungerechten und verbrecherischen Krieg zu töten, dürfte das Höchste, Tiefste und Feinste der menschlichen Güte sein.

Helmut Kurz: In Gottes Wahrheit leben – Religiöse Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von der Internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi, Deutsche Sektion e. V., sowie von Pax-Christi-Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart, Donat-Verlag, Bremen 2020, 320 Seiten, 18 Euro

Helmut Donat veröffentlichte an dieser Stelle zuletzt am 15. September 2020 einige Bemerkungen zur Neuausgabe von Hans Paasches »Lukanga Mukara«.

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