Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 09.10.2020, Seite 12 / Thema
Jugendbewegung

Im Zwielicht

Eberhard Koebel wollte sich mit der von ihm gegründeten »Deutschen Jungenschaft« von der Bündischen Jugend absetzen und neue Wege gehen. Dabei stand er mal den Faschisten, mal den Kommunisten nahe
Von Sabine Kebir
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Mütze der »Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929« (dj.1.11)

Nach dem großen Blutzoll, den der Erste Weltkrieg der Jugend abgefordert hatte, schossen »bündische« Jugendgruppen wie Pilze aus dem Boden. Sie »keilten« ihre zwischen zwölf und 18 Jahre alten, ausschließlich männlichen Mitglieder nach Sympathiegesichtspunkten und gingen nach Pfadfinderart mehrmals im Jahr »auf Fahrt«. Wer nicht Führer einer »Horde« wurde, schied mit 18 Jahren aus, war aber meist lebenslang »bündisch« geprägt.

Für die Fahrten, die bis Südamerika gehen konnten, waren die Bürgerkinder auf elterliches Geld angewiesen. Aber das bündische Ziel war die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, die sich in neuen Freundschaften und den auf Selbstversorgung basierenden Fahrten bilden sollte: Zelte bauen, Feuer machen, kochen, diskutieren und singen. Den Bünden haftete »ein Hauch des Unbürgerlichen und Unbotmäßigen an. Turnverein und Ruderclub galten als seriöser«, schreibt Eckard Holler¹, der jetzt auch eine materialreiche Monographie zu einer der schillerndsten Gestalten der bündischen Jugend vorgelegt hat: Eberhard Koebel.²

»Faschist in Reserve«

1907 in eine wohlhabende Stuttgarter Familie hineingeboren, trat Koebel 1922 dem Deutschwandervogel bei, wo er den bündischen Namen »schnaps« trug. Unter dem Druck des Versailler Vertrages waren viele Bünde anfällig für deutschnationales Denken und entwickelten gegen das Diktat des Versailler Vertrages auch kriegerische Rachephantasien, was zu paramilitärischen Riten führte. Der achtzehnjährige Koebel hatte 1925 dem aus der Festungshaft entlassenen Hitler sogar einen kurzen Besuch abgestattet und sich später als damaliger »Faschist in Reserve« bezeichnet.³

1926 beendete er ein Grafikstudium, folgte aber zunächst seiner Passion für die Vogelkunde und nahm an einer ornithologischen Expedition nach Nordfinnland teil, von der er mit beträchtlichen wissenschaftlichen Erträgen heimkehrte. Prägender war aber die noch ursprüngliche Lebensweise der Samen, den damals »Lappen« genannten, aus Asien stammenden Ureinwohnern Skandinaviens. Nachdem er 1927 beschlossen hatte, Jugendführer zu werden, und seine Stuttgarter Gruppe dem Verbund Deutsche Freischar beigetreten war, ging er mit seiner »Horde« auf eine Sommerfahrt nach Schweden und begleitete dann bis Dezember eine Rentierzüchterfamilie. Dort erhielt er seinen späteren bündischen Namen »tusk« – »Deutscher«. Dass das Leben der Samen durch staatliche Interventionen gerade modernisiert wurde, hinderte ihn nicht, die archaische Form zu romantisieren und einiges in die Kultur der Bünde einzubringen: die Kåta, das samische Zelt, das über nur zwei Stäben zu errichten und oben offen war, um innen ein Feuer zu unterhalten. Er entwarf ein industriell herstellbares Modell wie auch eine praktische Riegeljacke. Diese und die in »Kohte« umbenannte Kåta, die Winterlager ermöglichte, wurden schnell von vielen bündischen Gruppen übernommen und begründeten Koebel-tusks Bekanntheit.

Ein Umdenken und die Folgen

Während einer »Lapplandfahrt« im Sommer 1929 diskutierte seine Horde mit kommunistischen Minenarbeitern in Norwegen, die die Gruppe auch großzügig bewirtete. Hier setzte wohl sein Umdenken ein. Der 1. November 1929 gilt als Geburtsdatum des von Koebel gegründeten neuen Bunds, der dj.1.11 (gesprochen: de-jott-eins-elf ). dj steht für Deutsche autonome Jungenschaft. Laut Arno Klönne, der Mitglied der dj.1.11 gewesen war, begann damit eine »dritte Welle« der Jugendbewegung nach »Wandervogel« und »Bündischer Jugend«.⁴ Es ging Koebel »um eine Modernisierung der Jugendbewegung und um eine Nutzung der urbanen Zivilisation und Technik als Gestaltungsraum, ohne aber den typisch jugendbewegten Naturbezug aufzugeben«.⁵

Die Gründung der dj.1.11 musste zunächst vor der Freischar geheim gehalten werden, so dass das offizielle Gründungsfest erst im Februar 1930 in Stuttgart stattfand. Koebel reiste aus Berlin an, wohin er inzwischen umgezogen war. Im Unterschied zur bündischen Tradition nahm die dj.1.11 auch Juden auf und wollte sich Mädchen öffnen, was jedoch in der kurzen und schwierigen Zeit ihrer Legalität nicht sehr erfolgreich war. Koebel hatte die dj.1.11 als Sammlungsbewegung konzipiert, die nach und nach die gesamte deutsche Jugend erfassen und demokratisch ausgerichtet sein sollte. Dafür erhielt er jedoch keine Unterstützung aus dem Reichsinnenministerium.⁶ Und die Freischar war über Koebels Ambitionen so erbost, dass er im Mai 1930 ausgeschlossen wurde, wogegen viele Bünde protestierten.

In seiner Schrift »Der gespannte Bogen« entwarf Koebel eine Ethik für die dj.1.11, ein Versuch, Moralphilosophie von Kant und Rousseau sowie problematische vitalistische, bei Nietzsche entlehnte Elemente jugendgerecht umzusetzen. Im Gegensatz zu den der Gesellschaft angepassten »Wiederholenden« sollten sich Jugendliche durch ästhetische und intellektuelle Bildung sowie das Erlernen handwerklicher Fähigkeiten zu »Selbsterringenden« bilden. Sie sollten sich keiner Weltanschauung anschließen, sondern sie sich durch kritisches Lernen und Prüfen selbst schaffen. Nie dürften sie »Aposteln folgen, auch mir nicht, wenn ich mal mit einer Lehre kommen sollte«. Die Erweiterung des lokalen Gesichtskreises stellte er engstirnigem Nationalismus entgegen, den er als »Kind der Privatwelt« bezeichnete.⁷

In Berlin war Koebel mit krassen sozialen Bedingungen konfrontiert. Er empörte sich, dass es Arbeiterjungen gab, die »nicht einmal ein eigenes Bett hatten«. Eltern solcher Jungen kritisierten, dass seine Jungenschaftsethik »bürgerlicher Quatsch« und Klassenkampf wichtiger sei. Diese Kontakte und eine weitere ornithologische Expedition, die ihn 1931 auf die sowjetische Insel Nowaja Semlja führte, verstärkten seine linke Orientierung. Die dj.1.11 begann sich 1932 am Klassenkampf zu beteiligen – mit dem Organisieren eines Schülerstreiks, der »für Schülerspeisung – gegen Panzerkreuzerbau« eintrat und gegen die Entlassung kommunistischer Lehrer protestierte.⁸

Annäherung an die KPD

Ende 1931 gründete Koebel in der Kreuzberger Ritterstraße 63 eine »Rotgraue Garnison« genannte dj.1.11-Wohngemeinschaft. Hier wurden Singeabende veranstaltet und für die älteren Jungen auch Diskussionsrunden mit linken Intellektuellen: Ludwig Renn erzählte von Reisen in die Sowjetunion und Alfred Kurella, wie er vom Wandervogel zum Kommunisten wurde. Der für sexuelle Aufklärung der Jugend eintretende Max Hodann hielt Vorträge, und Hermann Duncker erläuterte den Marxismus.

In der Rotgrauen Garnison lebten auch zwei jüdische Mädchen, zeitweise der spätere Widerständler Harro Schulze-Boysen und der für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung sowie Das Lagerfeuer arbeitende Fotograf Walter Reuter. Koebel selbst zog Anfang 1932 nach Zehlendorf, und diese Privatwohnung stellte er der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) zu Verfügung. Duncker, Edwin Hoernle und Johannes Schmidt gaben marxistische Grundkurse, an denen auch Koebels langjährige Verlobte Gabriele teilnahm, die er kurz zuvor geheiratet hatte.

Zum Thema Pädophilie, die den Bünden oft nachgesagt wurde, hatte sich Koebel 1931 radikal geäußert: »Ich verhänge hiermit über die dj.1.11 als puritanisches Dogma: Wer über Eros spricht, oder den bösen Schein, das zu tun, nicht vermeidet, wird verjagt und geächtet. Ich weiß, dass wir uns hierin von der ganzen Jugendbewegung (…) bewusst und scharf trennen. Dort duldet man, schweigt – anstatt anzuklagen –, stellt keine Grenze auf. Es gibt keine erotische Wahrheit. Nur eine: das angeborene junge Schamgefühl zu verteidigen und nicht über Eros zu sprechen, zu lesen, zu hören, zu schreiben. Wer sie nicht achtet, spürt unsere Waffen.«⁹

Koebel war ein begnadeter Grafiker, Filmer, Liederdichter, Autor und Zeitschriftenredakteur, was zum großen Einfluss beitrug, den die dj.1.11 auf damalige und spätere Bünde ausübte: Statt Jugendstil dominierte hier das Bauhaus, statt Fraktur lateinische Antiqua und konsequente Kleinschreibung. Als Beispiel für Koebels zahlreiche Publikationen sei die Zeitschrift pläne genannt, deren bundesdeutscher Nachfolger der Pläne-Verlag war, ein Plattenlabel für linke Liedkultur.

Dass Koebel an Hitlers Geburtstag, am 20. April 1932, in die KPD eintrat, war für die Bündische Jugend ein Paukenschlag, der auch in Teilen der dj.1.11 auf Ablehnung stieß. In das Pfingstlager am Eiswoog-Stausee in der Pfalz war er als schwarzgekleideter Donkosake unter einer großen roten Fahne eingezogen und hatte zur Balalaika Komsomolzenlieder gesungen. Die meisten Anwesenden meinten, dass durch diese Orientierung die den Eltern versprochene politische Neutralität der dj.1.11 verraten werde. Es kam zur Spaltung, Koebel blieben vor allem die Berliner Mitglieder treu. 1932 war er Leiter der KPD-Straßenzelle Ritterstraße/Oranienstraße und Stammesführer der Pfadfindersparte des kommunistischen Arbeitersportvereins Fichte. Zudem stand er in Verbindung mit der Leitung des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands (KJVD).

Dass Mitglieder der dj.1.11 im Kosakenkostüm bei KPD-Versammlungen aufkreuzten, erregte dort Befremden wie auch Koebels linksradikale Position, dass die Partei beim BVG-Streik zu Sprengstoffanschlägen hätte greifen sollen. In der pläne-Ausgabe vom Juli 1932 rief er zur Wahl der KPD auf, der einzigen Partei, die die aus dem Versailler Vertrag entstandenen Reparationszahlungen konsequent ablehne und durch Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln die Klassenfrage löse. »Zehn Millionen Arbeiterfäuste möchten produzieren zum allgemeinen Nutzen. Sie dürfen nicht, denn es soll nur zum Nutzen der Kapitalisten produziert werden. (…) Faschismus, National-Sozialismus ist Befestigung des Kapitalismus mit grausamsten Mitteln.« Der Wahlaufruf enthielt auch einen Abschnitt über »Literatur, Kino, Theater, Musik, Malerei«, die »im kapitalistischen System als Geschäft geführt« würden. »Deshalb wird die Kultur erstens nur den Reichen zugänglich, zweitens entartet sie (denn Stümper sind billiger als Künstler), drittens gibt es für die Armen eine billige, wertlose Kunst, die den Menschen nur verdirbt. Im Sozialismus dringt die Kultur zu jedem, dort ist der Wohlstand, der die Grundlage jeder Kultur ist.«¹⁰

Anbiederung an das Naziregime

Obwohl er ein klares Bild vom Faschismus hatte, sah Koebel nach 1933 für den Erhalt der dj.1.11 nur den Weg der Anbiederung an das neue Regime. Beim Führer der HJ, Baldur von Schirach, wollte er erreichen, dass sie als geschlossene Gruppe innerhalb der HJ bestehen bleibt, und hoffte so, Einfluss auf die Großorganisation nehmen zu können. Schirach beharrte auf individuellem Eintritt der Jungen in die HJ.

Koebel war nicht der einzige Linke, der damals überlief und sich Illusionen machte über die vielleicht noch offene Richtung, die die »nationalsozialistische Revolution« nehmen würde. Obwohl im Juni 1933 alle bündischen Organisationen verboten wurden, übernahm die HJ für ihre Zeltlager zunächst die Kohte sowie in nur leicht veränderter Form die Riegelbluse. Koebel legte in einem Rundbrief vom Mai 1933 dar, wie weit seine Jungen dem Naziregime entgegenkommen sollten: »wir dulden es nicht, dass man man uns jetzt wieder und wieder auf unsere vergangenheit deutet, am innenpolitischen kampf haben wir teilgenommen, das ist uns das wesentliche. wir waren weder pazifisten noch etappenschweine! hitler hat gesiegt!« Wie die Nazis sah er Deutschland in einem heraufziehenden kriegerischen Weltkonflikt, den er jedoch in antikapitalistischer Perspektive deutete: »der nächste kampf ist ein aussenpolitischer und er muss uns auf der seite des hitlerdeutschland sehen. (…) nicht schwäche und weichheit, sondern wehrhaftigkeit bewahrt uns davor, als sündenbock für die weltkrise mit besetzung und brutalster ausnützung durch den westlichen kapitalismus bestraft zu werden.«

Im Juli 1933 gelang es noch, ein Lager auf Langeoog zu veranstalten, auf dem neben der dj.1.11-Fahne auch die Hakenkreuzfahne wehte. Inhaltlich beschäftigte man sich mit dem ideologisch für neutral gehaltenen Konzept des Zen-Buddhismus, der Harmonie zwischen Mensch und Natur versprach. Und auch zur Jahreswende 1933/34 fand noch ein Winterlager im Schwarzwald statt.

Um das Vertrauen der Nazis zu erreichen, hatte sich Koebel von der KPD losgesagt und Aufnahme in die NSDAP und sogar in die SS beantragt. Beides wurde abgelehnt, und die Pläne hinsichtlich der HJ erwiesen sich als Luftschloss. Am 18. Januar 1934 wurde er verhaftet und im berüchtigten Columbia-Haus infolge brutalster Misshandlungen und zweier Selbstmordversuche gesundheitlich stark geschädigt. Dank Intervention seiner Mutter, die zur nazistischen Hautevolee Stuttgarts gehörte, und weil er eine Verpflichtung unterschrieb, sich aus der Jugendbewegung völlig zurückzuziehen, wurde er am 21. Februar entlassen und floh ins Exil.

Klönne schrieb über Koebels Schwenk zu den Nazis, dass seine erste Priorität damals der Fortbestand seiner Truppe gewesen sei, »wobei ihm die Organisationsformen, in denen dies geschehen konnte, zweitrangig waren«. Verständlich sei, »dass tusk im Jungvolk, das sich gerade zu einer Massenorganisation entwickelte, eine Chance sah, die Ideale von dj.1.11 zur Geltung zu bringen und dass er sich selbst dabei eine maßgebliche Rolle zudachte, ohne mit seinem Verständnis der weltgeschichtlichen Notwendigkeit des Kommunismus zu brechen.«¹¹

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Eberhard Koebel genannt tusk, geboren am 22. Juni 1907 in Stuttgart, gestorben am 31. August 1955 in Berlin

Widerstand und Exil

Was sich in der bündischen Jugend und besonders in der dj.1.11 an emanzipatorischen Ansätzen entwickelt hatte, verfolgten die Nazis streng. Um so bedeutsamer ist der Widerstand, der aus der dj.1.11 entstand. Wie der damalige Buchdruckerlehrling Gerhard König berichtete, sei Koebel nach dem Verbot des Fichte-Vereins zu einem illegalen Treffen erschienen und habe die Jugendlichen inspiriert, »das NS-Jungvolk zu unterwandern«. Das sei vom Jugendzug Tyrker in Kreuzberg verfolgt worden, wo noch jahrelang Riegelblusen getragen und dj.1.11-Lieder gesungen wurden, bis 1937 aus diesem Umkreis 200 Personen in Haft kamen.¹²

Helmut Hirsch, ein jüdisches Mitglied der dj.1.11, war ein Studium in Deutschland verwehrt, weshalb er 1935 nach Prag emigrierte. Auf Vermittlung Koebels kam er dort in Verbindung mit Otto Strasser, der ihn zu einem Bombenanschlag auf eine Säule des Reichsparteitagsgebäudes in Nürnberg überredete. Der bereits von Spitzeln überwachte Hirsch wurde verhaftet und hingerichtet. Ein weiteres Todesopfer, das mit der dj.1.11 in Verbindung zu bringen ist, war Hans Scholl, der zwischen 1935 und 1937 eine illegale dj.1.11-Gruppe in Ulm leitete. 1936 führte er eine »Lapplandfahrt« an.

Die von Holler ausführlich dokumentierten Studien und Aktivitäten Koebels im englischen Exil können hier nicht dargelegt werden. Zu erwähnen ist, dass er 1940 in der Londoner Zeitschrift der dortigen FDJ die Bündische Jugend zum Eintritt in diese Organisation aufrief. Der Krieg der Faschisten verlangte eine politisch breite Sammlungsbewegung. In einem Aufruf des Nationalkomitees Freies Deutschland vom Sommer 1944 heißt es demgemäß: »Soldaten und Offiziere! Kameraden der Bündischen Jugend an der Front und in der Heimat (…) kämpft gemeinsam mit uns gegen Hitler. Vereint Euch in der deutschen Freiheitsbewegung unter der Führung des ›Nationalkomitees Freies Deutschland‹! Mit uns kämpfen – wir wissen es – für die Freiheit und Rettung unseres Vaterlands unsere Kameraden in aller Welt: tusk, Jürgen Riel, Karl Oelbermann und die vielen anderen.«¹³

In der DDR isoliert

1945 versuchte Koebel, sich als Vorsitzender der FDJ in Deutschland zu profilieren. Erich Honecker sandte ihm auch einen Einladungsbrief in die Sowjetische Besatzungszone, wonach er mit einer gewichtigen Funktion in der Jugendpolitik rechnen konnte. Es kam jedoch zu einem erbitterten Konkurrenzkampf zwischen ihm und dem 15 Jahre jüngeren Horst Brasch, was sich für Koebels Start 1948 in der DDR negativ auswirkte. Alle Hoffnungen, in die Jugendarbeit einbezogen zu werden, zerschlugen sich. Um in eine maßgebliche Position kooptiert zu werden, fehlte Koebel eine Karriere im Parteiapparat, was als gewisse Garantie für Gefügigkeit galt. Aber dass er seine Erfahrungen überhaupt nicht einbringen durfte, lag daran, dass das antiautoritäre Credo der »Selbsterringung« der jugendlichen Persönlichkeit als Erbe der Bündischen nicht passgerecht für eine Jugendorganisation war, die sich nach dem Vorbild des Komsomol ausrichten sollte. Besonders tragisch war, dass Koebel – wie vielen Westemigranten – plötzlich Misstrauen entgegenschlug. Er wurde aus der SED ausgeschlossen und kam sogar wegen angeblicher Spionage in Untersuchungshaft. Weil man keine Spur von Illoyalität fand, blieb ihm nichts anderes übrig als zu schreiben. Aber die meisten seiner Manuskripte wurden nicht gedruckt. Dennoch lehnte er es ab, in die BRD überzusiedeln, und beharrte darauf, Kommunist zu bleiben. Der wegen Dogmatismus bekannte Kulturfunktionär Kurella hielt ihm die Treue und beharrte darauf, dass Koebel niemals die Linie der Partei verlassen habe.

Am 31. August 1955, zwei Stunden, nachdem er erfahren hatte, dass sein Antrag auf Wiederanerkennung des Status als Verfolgter des Naziregimes abgelehnt worden war, erlag Koebel den Folgen eines Schlaganfalls. 1990 wurde er von der PDS rehabilitiert. Viele heutige bündische Gruppen haben eine pazifistisch-grüne Ausrichtung, wie 2013 beim 100jährigen Jubiläum der Gründung der »Freideutschen Jugend« am Hohen Meißner bei Frankershausen zu beobachten war: 1913 war das Lager eine Gegendemonstration zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals gewesen. 2013 bestand das Lager nur aus Kohten und Jurten, in denen passioniert diskutiert und gesungen wurde. Das Erbe der dj.1.11 und des charismatischen tusk lebt bis heute weiter.

Anmerkungen

1 Eckard Holler: »100 Jahre Hoher Meißner 1913–2013«, Das Blättchen, Nr. 21 v. 14.10.2013

2 Eckard Holler: Auf der Suche nach der Blauen Blume. Die großen Umwege des legendären Jugendführers Eberhard Koebel (tusk). Lit-Verlag, Münster 2020

3 Eberhard Kobel: Große Umwege. S. 209, zit. n. Holler, S. 30

4 Arno Klönne: Die Jugend im Dritten Reich. Düsseldorf 1982, S. 62

5 Holler: Auf der Suche ... a. a. O., S. 88

6 Karl Otto Paetel: Jugend in der Entscheidung. Bad Godesberg 1963, S. 157 f. Quelle: Das Junge Volk, v. 1.6.1931, XII,6. Holler: Auf der Suche … a. a. O., 108 f.

7 Zit. n.: Holler: Die Suche ... a. a., O., S. 102–107

8 Ebenda, S. 122

9 Zit .n. einem Ausriss aus Tyrker 19/1931 in: Annemarie Selzer: Sexueller Missbrauch in der Jugendbewegung – ein Blick durch Geschichte und Gegenwart. In: Eckard Holler (Hg.): 100 Jahre Hoher Meißner 1913–2013, Berlin/Minden 2013, S. 134

10 Zit. n. Holler: Auf der Suche ... a. a., O., S. 151

11 Arno Klönne: Anmerkungen zu dem Text von Erich Meier über tusk 1933. In: plus 10/Oktober 1983, S. 16 f.

12 Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Kreuzberg. Berlin 1996, S. 165

13 Zit. n. Karl O. Paetel: Jugend in der Entscheidung. Bad Godesberg 1963, S. 185

Eckard Holler: Auf der Suche nach der Blauen Blume. Die großen Umwege des legendären Jugendführers Eberhard Koebel (tusk). Lit-Verlag, Münster 2020, 320 Seiten, 29,90 Euro

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 18. Juni 2020 über den Kampf um die Pressefreiheit in Algerien.

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