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Aus: Ausgabe vom 06.10.2020, Seite 6 / Ausland
Kaukasus

Söldner im Einsatz

Berg-Karabach: Türkei lässt syrische Kämpfer für eigene Interessen kämpfen
Von Emre Sahin
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Sprengkopfkörper nach einem aserbaidschanischem Artillerieangriff in Hadrut (Donnerstag)

Der Verdacht, die Türkei rekrutiere syrische Söldner für eigene geopolitische Ziele und lasse sie in verschiedenen Ländern kämpfen – etwa in Libyen – steht schon länger im Raum. Der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Berg-Karabach hat jedoch dazu geführt, dass westliche Politiker aussprechen, was sonst wohl eher nur in geheimen diplomatischen Treffen gesagt wird: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte am Donnerstag im Vorfeld des EU-Gipfels, Paris habe Hinweise, dass Ankara »syrische Kämpfer von dschihadistischen Gruppen« nach Aserbaidschan verlege.

Ähnliche Vorwürfe machte zuvor schon der armenische Präsident Nikol Paschinjan. Am Sonntag wiederholte er diese in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt. Demnach machen gefallene syrische Söldner 30 Prozent der Verluste auf aserbaidschanischer Seite aus. Die Türkei habe sie mit falschen Versprechen geködert. Ankara sei der eigentliche Hauptverantwortliche der Eskalation, so der Staatschef. Insgesamt sollen es 4.000 sein, berief sich die britische Tageszeitung Guardian am 28. September auf Paschinjan.

Zwar leugnen türkische Offizielle den Export von Kämpfern, doch selbst in einem Papier des deutschen BND hieß es 2016, dass sich die Türkei zu einer »zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen« entwickelt habe und diese unterstütze. Auffällig ist aber auch, dass sich neben islamistischen Milizangehörigen einfache Syrer den Kämpfen anschließen. Ihre Motivation ist nicht ideologisch bedingt wie der »Dschihad« gegen christliche Armenier, sondern hat finanzielle Gründe: Zwischen 7.000 und 10.000 türkische Lira (umgerechnet etwa 770 bis 1.100 Euro) sollen sie bei Auslandseinsätzen verdienen, schrieb der Guardian. Das Kämpfen in Syrien bringe hingegen monatlich nur 450 bis 550 türkische Lira ein.

Die Tageszeitung beruft sich in dem Artikel auf mehrere Gesprächspartner. Diese erklärten, sie hätten zudem von Kämpfen nichts gewusst. Eine türkische Sicherheitsfirma, dessen Namen sie nicht kennen würden, habe sie in der seit März 2018 von der Türkei besetzten kurdischen Stadt Afrin trainiert. Ihnen sei gesagt worden, sie würden nur »assistieren« und »patrouillieren«. Außerdem hätten sie nicht gewusst, wie lange der Einsatz dauern würde.

Bei der besagten »Sicherheitsfirma« könnte es sich um Sadat handeln, die vom ehemaligen türkischen Brigadegeneral Adnan Tanriverdi geleitet wird. 1996 wurde er aufgrund islamistischer Ansichten in den Ruhestand zwangsversetzt. Seinen Idealen von vor knapp 25 Jahren ist er treu geblieben. Auf der englischsprachigen Homepage von Sadat ist das Ziel aufgeführt, der »islamischen Welt dabei zu helfen, den Platz in der Welt einzunehmen, der ihr zusteht«. Bis Januar 2020 war Tanriverdi lange Jahre »Militärberater« des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Er musste aufgrund einer Rede, die unter anderem in der Regierungspartei AKP für viel Kritik gesorgt hatte, zurücktreten.

Die türkische Regierung weiß die Aktivitäten des Unternehmens Sadat zu schätzen: strategische Gewinne für das Land, ohne den Verlust von türkischen Soldaten, wodurch die Regierung innenpolitisch nicht unter Druck gerät und nur schwer offiziell belangt werden kann. In Libyen haben die Söldner Ankaras den Verbündeten der »Nationalen Konsensregierung« (GNA) in Tripolis geholfen, die militärische Niederlage gegen die »Libysche Nationalarmee« (LNA) abzuwenden. Private Sicherheitsfirmen wie Sadat sind jedoch kein Einzelfall.

Russland dürfte der Einsatz der türkischen Söldner jedenfalls nicht gefallen. Die russische Republik Dagestan hat große Probleme mit Islamisten und grenzt an Aserbaidschan. Deshalb wird zum Teil auch spekuliert, ob die Türkei nicht absichtlich einen Brandherd vor Moskaus Haustür schaffen will, um im Gegenzug Zugeständnisse Russlands in Libyen zu erhalten. Dort unterstützt Moskau die LNA.

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