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Aus: Ausgabe vom 06.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Fall Wirecard

»Es ist ein klarer Interessenkonflikt vorhanden«

Finanzaufsicht in Deutschland ist eng mit Konzernen verbunden. Ein Gespräch mit Carola Rinker
Interview: Simon Zeise
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Behörden im Tiefschlaf: Undurchsichtige Geschäfte gedeihen in Deutschland besonders gut

Wirecard hatte Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro getätigt. Ein Betrag, der nicht mal eben so in der Sofaritze verlorengeht. Hätte der Fall verhindert werden können?

Verhindert nicht, aber er hätte früher aufgedeckt werden können. Es gibt einen grundsätzlichen Anreiz zu manipulieren. Wie man bei Wirecard sieht, stehen Bilanzfälschungen zudem oft im Zusammenhang mit anderen Rechtsverstößen, wie zum Beispiel Geldwäsche.

Welche Kontrollinstanz hat am tiefsten geschlafen? Die staatlichen Stellen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Bafin, das Finanzministerium oder das Prüfunternehmen Ernst & Young?

Offensichtlich haben sehr viele Behörden geschlafen. Der Wirtschaftsprüfer hat ein sogenanntes Testat erteilt. Das ist ein uneingeschränkter Bestätigungsvermerk. Darauf verlassen sich wiederum viele andere Institutionen. Es gibt eine Art Bilanzpolizei: die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung, DPR, die auch Anlassprüfungen durchführen kann. Das Problem ist jedoch, dass die DPR personell nicht besonders stark aufgestellt ist. Das nächste Thema ist die Zuständigkeit: Wirecard wurde als Technologiekonzern eingeordnet, deshalb war die DPR und nicht die Bafin zuständig. Schließlich gibt es mit der Abschlussprüferaufsichtsstelle, Apas, noch eine weitere staatliche Institution. Es herrschte ein totales Wirrwarr.

Wirtschaftsprüfer werden dafür bezahlt, die Bilanzen von Unternehmen zu prüfen. Entsteht hieraus nicht ein Interessenkonflikt?

Gerade wenn es Unternehmen nicht so gut geht und sie attraktiv aussehen wollen, ist der Anreiz, die Bilanz aufzuhübschen, besonders groß. In der derzeitigen wirtschaftlichen Situation wächst die Versuchung, schließlich sind während der Coronapandemie Überprüfungen nur eingeschränkt möglich. Wir haben in der Tat das Grundproblem, dass Prüfer von Unternehmen für ihre Tätigkeit bezahlt werden. Wenn der Prüfer zu kritisch ist, kann das Unternehmen drohen, ihn auszutauschen. Da die Prüfer bei Wirecard offenbar nicht genau genug hingeschaut haben, bedarf es auch hier dringend einer Reform. Diese sollte unter anderem die Haftungsgrenzen der Wirtschaftsprüfer erhöhen. Diese liegt derzeit nämlich nur bei vier Millionen Euro.

Der Betrug bei Wirecard wurde von Shortsellern und Journalisten aufgedeckt. Die Bafin ging gegen diese mit Klagen vor, verpennte aber den Skandal. Wie bewerten Sie die Regulierung in Deutschland?

Im Moment ist die Anzahl der Skandale groß. Erst in der vergangenen Woche konnte man über die sogenannten Fincen-Files lesen. Es zeigt, dass vieles schiefläuft. Durch den Fall Wirecard hat der deutsche Finanzmarkt erheblich an Vertrauen eingebüßt. Das Interesse der ausländischen Medien war sehr groß. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass so ein Skandal in Deutschland möglich ist, wo die Behörden alles streng regeln. Es gab konkrete Vorwürfe, die hätten aufgegriffen werden müssen. Statt dessen sind die Journalisten von staatlicher Seite unter Druck gesetzt worden. Und Wirecard wurde vor Leerverkäufern geschützt. Der Fall zeigt, dass Behörden schneller auf Kritik aus der Presse reagieren müssen. Viele hatten große Hoffnungen in Wirecard gesetzt. Sie wünschten sich, dass Deutschland mit einem digital aufgestellten Unternehmen mit Konzernen in anderen Ländern mithalten könnte.

Sind die bestehenden Regeln zur Regulierung der Finanzmärkte streng genug, oder braucht es neue Gesetze?

Es braucht neue Regeln. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass die DPR als privater Verein organisiert ist und deren Präsident Edgar Ernst in den Aufsichtsräten großer Konzerne wie TUI oder Metro sitzt. Da ist ein klarer Interessenkonflikt vorhanden. Bilanzkontrollen sollten von staatlicher Seite stattfinden. Außerdem sollte vorgeschrieben werden, dass der Aufsichtsrat des zu prüfenden Unternehmens in die Prüfung einbezogen, bzw. überhaupt informiert wird – das ist bisher nicht der Fall. Das gleiche gilt auch für die Mitwirkung bei einer Stichprobenprüfung einer Bilanzpolizei: Derzeit ist hier die Mitwirkung der Unternehmen freiwillig.

Carola Rinker ist auf Bilanzmanipulationen spezialisierte Unternehmensberaterin

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