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Aus: Ausgabe vom 05.10.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
VW-Aktionärstreffen

Zwischen Knast und Höhenflug

Jobabbau, Managerschutz und höhere Profitmargen: Hauptversammlung der Volkswagen AG im Zeichen der zum Großteil selbstgemachten Krise
Von Stephan Krull
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Der Fisch stinkt vom Kopf her: VW-Vorstandschef Herbert Diess vor dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Hans Dieter Pötsch

Am 30. September fand die Aktionärsversammlung der Volkswagen AG statt. Dabei wurde der Termin beinahe von der Eröffnung des Prozesses gegen den früheren Chef der wichtigsten VW-Tochter Audi, Rupert Stadler, überlagert. Dem werden im Zusammenhang mit dem Abgasbetrug u. a. hunderttausendfache Täuschung und Falschbeurkundung vorgeworfen. Stadler galt als Intimus von Großaktionär und Aufsichtsratsboss Ferdinand Piëch und Verbündeter von Exvorstandschef Martin Winterkorn, der sich ebenfalls zwei Anklagen gegenübersieht.

Etwa 15 Milliarden Euro hat Volkswagen seit 2015 an Anwaltskosten, Strafen und Bußgeldern im Zusammenhang mit dem Betrug ausgegeben, etwa die gleiche Summe noch mal als Schadenersatz für Kunden hauptsächlich in den USA. Einige nachrangige Manager mussten gehen, zwei sitzen in den USA im Gefängnis. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Konzernboss Herbert Diess akzeptierten beim Braunschweiger Landgericht ein Bußgeld von fünf Millionen Euro sowie »die Abschöpfung wirtschaftlicher Vorteile in Höhe von 995 Millionen Euro«. Das zahlte der Konzern. Ausgerechnet der IG-Metall-Vorsitzende und Aufsichtsrat Jörg Hofmann betonte bei der Aktionärsversammlung, dass »keine Pflichtverletzungen (der Manager; jW) gegenüber Volkswagen« vorlägen.

Für 2019 war die Bilanz noch positiv: Zwar wurden weniger, dafür aber höherpreisige Autos verkauft und somit Umsatz und Gewinn gesteigert. Die Dividende indes reduzierte man von geplanten 6,80 Euro auf 4,80 Euro pro Aktie – um in der Krise kein zu schlechtes Bild abzugeben. Immerhin ist bereits 2019 bei VW und den Tochterfirmen der »Abbau« von gut 20.000 Arbeitsplätzen vereinbart worden. Die Aufkündigung einer »Beschäftigungssicherung« bei der Lkw-Tochter MAN, die Ankündigung von betriebsbedingten Kündigungen in Größenordnung von über 9.000 Arbeitsplätzen, Werksschließungen und Produktionsverlagerungen nach Polen wegen zu geringer Rendite hierzulande erklärte Diess für unvermeidlich. Weltweit wurden fast zehn Prozent aller Beschäftigten als Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter nicht weiterbeschäftigt, und auch die vermeintlich sichere Stammbelegschaft 2020 schon um 3.500 Beschäftigte verringert.

Trotz Dividendenkürzung kassierte der Porsche-Piëch-Clan als VW-Mehrheitseigner gut 1,2 Milliarden Euro für 2019. Nicht genug: Deshalb soll die Produktivität in den nächsten vier Jahren um 30 Prozent steigen. Bis 2025 sind eine Umsatzrendite von sechs Prozent und eine 30prozentige Gewinnausschüttung als Ziel anvisiert. Ganze 513 Millionen Euro wurden als Ertragssteuern in Deutschland abgeführt, während 2020 bereits 270 Millionen Euro von der Arbeitslosenversicherung als Kurzarbeitergeld eingenommen wurden.

Dieses Jahr sieht es für die Branche schlecht aus. Gerechnet wird mit einem Absatzrückgang von etwa 20 Prozent im Jahresverlauf. Im ersten Halbjahr wurden 1,5 Millionen weniger Autos produziert – ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz sank um 30 Milliarden Euro (23 Prozent). Nur ein Drittel davon wird der Coronapandemie angelastet, der Rest ist hausgemacht. Zum Beispiel wurde für die kleinen Elektroautos von VW, Skoda und Seat ein Bestellstopp verhängt, weil die Nachfrage sehr weit über der Produktionskapazität liegt. Benötigt werden zudem kleine und sparsame Fahrzeuge – damit macht das Unternehmen aber weniger Profit als mit SUVs und Luxusschlitten.

Helfen soll wieder der Staat: mit der steuerlichen Privilegierung von Dienstwagen und der Subventionierung von Elektroautos. Auch in Kooperationen mit Konkurrenten wird das Heil gesucht. So sollen 600.000 Autos des US-Herstellers Ford auf der Elektroplattform von VW gebaut werden. Ein »Umbau der Wertschöpfungskette« ist ein weiterer Ansatz. Dabei geht es u. a. um den Ausbau des Fahrservices, aber auch den Handel mit den Daten, die in den Autos gesammelt werden. Lieferfähig ist das Unternehmen aktuell in kaum einem Segment. 2019 wurden bei einem Absatz von fast elf Millionen Fahrzeugen nicht einmal 75.000 vollelektrische Autos verkauft.

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