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Aus: Ausgabe vom 02.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
HipHop

Die Stimme, die den Lärm durchschneidet

B-Boy im Fadenkreuz: Public Enemys neues Album »What You Gonna Do When the Grid Goes Down?«
Von Thomas Salter
Public-Enemy-2020.jpg
Collage aus Widersprüchen: Flavor Flav, DJ Lord und Chuck D (v. l. n. r.)

Der Sampler E-mu SP-1200, eins der wichtigsten Instrumente in der Geschichte des Rap, hat eine Auflösung von nur 12bit. Nimmt man mit dem Gerät einen kurzen Snareschlag von einer Funkplatte auf oder den kurzen Saxophonlauf einer Jazzplatte, um daraus einen Beat zu basteln, speichert der E-mu SP-12000 diesen Soundschnipsel als digitalen Wert mit nur 4.096 Parametern, während heutige Geräte dafür 16 Millionen Parameter aufzeichnen würden. Soundnostalgiker schwören: Gerade wegen dieser geringen Auflösung waren die Beats des »Golden Age« des HipHop in den 80ern so fett. Aber für Nuancen war das Gerät nicht geeignet.

Public Enemy waren Ende der 80er Pioniere an dieser Maschine. Für ihre Alben »It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back« (1988) und »Fear of a Black Planet« (1990) schnibbelte ihr Produzententeam Bomb Squad Gitarrenlicks, James-Brown-Rufe, Radiomitschnitte und Lärm und schichtete aus diesen Samples dystopische Soundkulissen, über die dann Chuck D in kräftigem Bariton politische Agitation betrieb: Elvis war ein Rassist, Hollywood soll brennen, Männer mit Männern »passen nicht zusammen«. Auch Chuck D hatte keinen Platz für Nuancen.

Damals standen Public Enemy nicht nur politisch mit dem Rücken zur Wand, sondern auch musikalisch, erinnert sich Chuck D, inzwischen 60 Jahre alt, im Gespräch mit jW: »Die 80er unter Reagan waren sehr feindselig, weil auf Rap als Musikrichtung generell herabgeschaut wurde. Wir nannten die zwölf Jahre die ›R’n’B-Era‹: für Reagan und Bush«.

Jetzt, 2020, ist HipHop der Mainstream der Popmusik. Auf Public ­Enemys gerade erschienenem 15. Studioalbum »What You Gonna Do When the Grid Goes Down?« tauchen immer noch altbekannte Soundelemente auf: verzerrte sirenenartige Gitarrenlicks, ein paar grobmotorische Scratches nach Art der frühen DJs um Grandmaster Flash. Aber das collagierte Chaos früherer Zeiten ist einer abgerundeteren Produktion gewichen. Für den Track »State of the Union (STFU)« hat DJ Premiere (Gang Starr) einen seiner gewohnt jazzigen Beats beigesteuert – auch wenn der sich hörbar bemüht, die Aggression zu imitieren, die Public Enemy über die Rapszene hinaus berühmt machte. Die restlichen Beats sind eher konventionell geraten, die Musik sticht nicht mehr heraus.

Aber dann ist da immer noch Chuck Ds Stimme: Dieser perfekt plazierte, präzise Bariton, den er einst nach Vorbild des Sportkommentators Marv Albert einübte, mit dem Predigersound Martin Luther Kings mischte und sich damit in den frühen 80ern auf HipHop-Jams trotz schlechter Soundanlagen Gehör verschaffte. Diese Stimme ist wie gemacht, um den dystopischen Lärm zu durchschneiden, der heute aus den Fernsehern und Radios und Nachrichtenportalen dröhnt: Trumps clownesquer Faschismus, die rassistische Polizeigewalt und die wütenden Reaktionen, die Pandemie, die den Irrsinn der kapitalistischen Produktionsweise um einige Dezibel verstärkt.

Und Chuck D hat immer noch viel zu sagen. In »Grid« thematisiert er die gesellschaftliche Abhängigkeit von Massenmedien und Twitter und fragt: »Was machst du, wenn das Stromnetz zusammenbricht?« In »State of the Union (STFU)«, schon im März veröffentlicht, fordert er die Absetzung Trumps noch vor November – ohne dessen Namen zu erwähnen. Chuck D nennt ihn nur »45«, um den 45. Präsidenten und ehemaligen Bauunternehmer mit Zahlenspielereien dem deutschen Faschismus nahezurücken: »End this clown show for real, estate bozo / Nazi cult 45, Gestapo«. Eine typische in sich verschachtelte Chuck-D-Line, mit Wortspiel zu »real estate« (Immobilien), das von einer Zeile in die nächste greift.

»Can a song save the world in this time of 45?« fragt Chuck D später im Lied. Nein, ein Song kann diese Welt nicht retten. Und auch ein Wahlsieg Joseph »Joe« Bidens wäre für Chuck D kein Anlass für Optimismus: »Die Probleme der USA werden wahrscheinlich nicht in diesem Jahrhundert gelöst. Aber das heißt nicht, dass man nicht daran arbeiten soll«, sagt er jW. Vielleicht blickt Public Enemy auch deswegen auf dem neuen Album verstärkt auf die eigene Vergangenheit. Auf »Public Enemy Number Won« helfen ihnen Run-DMC und die verbliebenen Beastie Boys (ihre früheren Labelkollegen bei Def Jam) dabei, ihren ersten Hit »Public Enemy No. 1« (1987) wiederaufleben zu lassen, samt der damals revolutionären Synthmelodie. Für »Fight the Power: Remix 2020« haben sie sich Nas und Black Thought ins Studio geholt, Chuck D rappt aber seinen Part von der Ursprungsversion, die Spike Lee 1989 für den Soundtrack seines Films »Do the Right Thing« verwendete. Diese Selbstreferenz ist verzeihlich, schließlich ist Public ­Enemy eins der wichtigsten Popphänomene der Geschichte.

Die Tugend des Rap, sich aus Mangel an Instrumenten mit Platten und technischen Tricks zu behelfen: Bei Public Enemy erreichte sie eine neue Stufe. Hier wurden nicht Get-Down-Parts aus Disco-, Funk- oder Soulplatten geloopt, um daraus lange Tanzstücke zu machen. Das Bomb Squad erstellte künstlerische Klangcollagen, deutete akustische Zeichen radikal um. Dazu entwickelte Public Enemy ein Image, dessen Symbolik fast schon überladen war. Das Logo mit seinem B-Boy im Fadenkreuz. Ihr »Minister of Information« Professor Griff, der auf der Bühne im Tarnanzug zum roten Barett mit seiner Securitytruppe S1W (Security of the First World) militaristische Tanzeinlagen mit Waffenattrappen performte, um damit als Anhänger der Nation of Islam den schwarzen Landsleuten einen disziplinierten Gegenentwurf zum negativen Image des Gangsters zu präsentieren. Und dann der crackrauchende Clown Flavor Flav, immer mit irren Hüten, immer eine überproportionale Uhr um den Hals baumelnd. Diese schreiend laute Zeichendichte machte sie über alle Genregrenzen beliebt, auch auf Punkkonzerten sieht man heute noch Public-Enemy-T-Shirts. Im nachhinein scheint es logisch, dass die Band implodieren würde. Professor Griff sorgte 1989 für Public Enemys ersten Medienskandal, als antisemitische Aussagen von ihm in der New York Times erschienen. Flavor Flav besudelte nach Public Enemys Hochzeit das Image, als er in mehreren ­Reality-TV-Dating-Shows den reichen Zuhälter raushängen ließ. Chuck D bleibt trotzdem beiden eng verbunden. Das erklärt zum Teil auch, warum Public Enemy für dieses Album zu ihrem früheren Label Def Jam zurückgekehrt sind: »Flav wollte ein Major Label, ich agiere gerne unabhängig. Def Jam war für uns beide eine zufriedenstellende Lösung.« Eine Collage aus Widersprüchen. Public Enemy eben.

Public Enemy: »What You Gonna Do When the Grid Goes Down?« (Def Jam/Universal)

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