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Aus: Ausgabe vom 02.10.2020, Seite 8 / Inland
Anschluss der DDR an die BRD

»Wir wissen, was da alles kaputtgeschlagen wurde«

30 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD erinnert ein Verein an verlorene Errungenschaften. Ein Gespräch mit Ringo Ehlert
Interview: Kristian Stemmler
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Transparent des Vereins »Unentdecktes Land« auf dem Berliner Alexanderplatz (9.9.2014)

Unter der Überschrift »40 Jahre auf der sicheren Seite« will der Verein »Unentdecktes Land« am Sonnabend, dem 3. Oktober, auf dem Berliner Alexanderplatz einen Kontrapunkt zu den offiziellen Einheitsfeiern setzen. Was planen Sie?

Es wird eine Kundgebung geben mit einem Riesentransparent, auf dem steht: »Frieden statt Bundeswehr. Druschba statt Nazis. Leben statt Überleben. Die DDR war anders.« Dazu stellen wir auf dem Platz Tafeln auf, die über das Werden und Wachsen der DDR bis zum Anschluss und ihrer Zerschlagung informieren.

Bereits vor sechs Jahren haben Sie mit einem Großtransparent für Schlagzeilen gesorgt.

Ja, das war der Anfang. Wir waren damals ein spontaner Zusammenschluss von Leuten aus verschiedensten Zusammenhängen – Gewerkschaft, linke Gruppen bis zur Linkspartei. Am 25. Jahrestag der Grenzöffnung haben wir 2014 Widerspruch gegen die staatlichen Jubelfeiern, dieses Riesentheater der Bourgeoisie mit Bratwurst und Ballons, erhoben – mit einem Riesentransparent auf dem Alex. Damals stand dort: »Diese Grenze wurde aufgehoben, damit wir gemeinsam wieder in den Krieg ziehen.« Es war 50 Meter lang und 1,70 Meter hoch. Wir haben dort eine Mahnwache abgehalten, 24 Stunden am Tag da gestanden, auch die kalten Nächte, und sind mit den Menschen ins Gespräch über die DDR gekommen. Wir haben damals unheimlich viel Zuspruch bekommen. Viele haben uns gedankt, dass endlich einmal auch jemand eine andere Sichtweise auf die Straße bringt.

Wie ging es weiter?

Wir gründeten einen gemeinnützigen Verein und benannten ihn nach dem, was uns zusammenführte: die DDR, das unentdeckte Land. Uns geht es darum, das Wissen um die DDR als antifaschistisches Korrektiv ans Licht zu bringen, das tief unter dem Müll bundesdeutscher »Aufarbeitung« begraben liegt.

Wie man am hiesigen Fernsehspielfilmangebot dieser Tage wieder sehen kann, besteht die Geschichte der DDR für viele vor allem aus fiesen Stasi-Offizieren, Schikanen im Alltag und Fluchtversuchen mit dem Fesselballon.

Das ist doch Mumpitz aus der antikommunistischen Mottenkiste. Es werden immer dieselben Klischees und Lügen vorgetragen, von der zahlungsunfähigen DDR, von einem Volk, das nur aus Stasi-Tätern und Stasi-Opfern bestand. Da ist die Wissenschaft in der BRD schon viel weiter, wie man mit einem Blick in Nachschlagewerke feststellen kann. Im Zuge der Vorbereitung dieser Ausstellung haben wir einen Berg von Büchern durchgearbeitet. Und jetzt haben wir das Wissen, um sagen zu können, was da alles kaputtgeschlagen wurde.

Was war die DDR für Sie?

Ich komme aus den Reihen der FDJ. Nach der sogenannten Wende habe ich den Kriegsdienst mit der Begründung verweigert, für die NVA hätte ich gedient, für die Bundeswehr aber nicht. Für mich ist die größte Errungenschaft der DDR die demokratische Umwälzung und die Entnazifizierung. Die Volkskammer war der erste Ort in der deutschen Geschichte, an dem – unter Ausschluss von Nazis und Kriegstreibern – auch Gewerkschafter, Leute vom Land, Frauen und Jugendliche organisiert mitwirken konnten. Die Existenz der DDR garantierte, dass so etwas wie im Zweiten Weltkrieg, so etwas wie der Holocaust nie wieder geschehen konnte.

Natürlich war nicht alles Gold. Deshalb sagen wir ja: Die DDR war nicht besser, sie war anders. Für Menschen, denen ein toller großer Fernseher das Wichtigste ist, war die DDR vielleicht nicht das Richtige – wem das Wohl der Kinder wichtiger war, dass der Frieden gesichert war und es keine Nazis auf den Straßen gab, für den schon. In der DDR gab es zum Beispiel eine einheitliche Sozialversicherung unter Verwaltung der Gewerkschaft. Davon hatte die Arbeiterbewegung mehr als hundert Jahren geträumt.

Für Sie ist dieser Sonnabend demnach kein Feiertag?

Nein. Seit der sogenannten Wiedervereinigung sind ein paar hundert Leute von Faschisten ermordet worden, das Land führt wieder Krieg, Nazis sitzen im Bundestag, und es gibt soziale Not an allen Ecken und Enden. Da gibt es nichts zu feiern.

Ringo Ehlert ist aktiv im Verein »Unentdecktes Land«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Frauenbild Mit Sicherheit will kaum jemand ernsthaft die DDR mit Honecker oder mit Egon Krenz wiederhaben. Einige soziale Errungenschaften vermissen jedoch heutzutage die dort aufgewachsenen Bürger. Von diesen E...
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