Gegründet 1947 Freitag, 30. Oktober 2020, Nr. 254
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Aus: Ausgabe vom 01.10.2020, Seite 12 / Thema
Kommunisten in Österreich

Treml fragen!

Ein Appell zum 90. Geburtstag des Kommunisten Otto Treml, samt einigen Reminiszenzen an den politischen Alltag in der oberösterreichischen Industriestadt Steyr
Von Erich Hackl
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Erfahrener Zeitungsmann. Otto Treml an der Druckmaschine im ehemaligen Parteihaus der KPÖ Steyr in der Johannesgasse, 1975. An der Wand ein Bild des sowjetischen Schriftstellers Maxim Gorki

Neunzig Jahre sind eine verdammt kurze Zeit. Marxisten denken deshalb in Epochen. Das hat schon Zhou Enlai klargestellt, als er während des Nixon-Besuchs in Beijing gefragt wurde, was er von der Französischen Revolution halte, deren Beginn damals, 1972, hundertdreiundachtzig Jahre zurücklag. Es sei noch zu früh, meinte der chinesische Premierminister, über sie ein Urteil zu fällen. Insofern muss man Otto Tremls Freunden, Gefährten und Verehrerinnen, die ihn heute im Steyrer Museum Arbeitswelt hochleben lassen wollen, eine gewisse revolutionäre Ungeduld attestieren, also nicht nur deshalb, weil er seinen 90. Geburtstag erst zwei Wochen später begeht.

Andererseits ist ihre Eile durchaus angebracht, war doch Otto Treml selbst immer allen voraus, als Lehrlingssprecher, als Arbeitervertreter, als Parteifunktionär, als Stadtpolitiker, als Chronist der Steyrer Arbeiterbewegung, was ihn nun – im Jünglingsalter, gemäß der Beijinger Zeitrechnung – zuversichtlich stimmt, dass es ein Leben auch nach der Katastrophe geben wird, auf die unsere Erde in einem Affentempo zusteuert. Zuversichtlich, dass sich wieder Menschen finden und zusammenschließen werden, um gegen ein Wirtschaftssystem aufzustehen, das nur eine Art von Freiheit kennt, die des Marktes, und auf einem gesellschaftlichen Gewaltverhältnis beruht, welches – in den Worten des Sozialpsychologen Götz Eisenberg – das »Kommando über Muskeln, Gehirne und Lebenszeit von Menschen« führt und es geschafft hat, den Klassenkampf derart zu vernebeln, »dass nur noch auf Nebenkriegsschauplätzen gekämpft wird, zum Beispiel um Identitäten, und die Besitzverhältnisse nicht mehr in Frage gestellt werden«. Dagegen nimmt sich Tremls unverrückbare Perspektive auf einen Bruch mit dem Kapitalismus utopisch aus. Das ist um so bemerkenswerter, als er sich durchaus von pragmatischen Überlegungen hat leiten lassen; er war sowohl partei- als auch kommunalpolitisch bereit, Allianzen zu schließen, um Teilerfolge erzielen oder wenigstens das Schlimmste verhindern zu können.

Der Heimatstadt treu geblieben

Das Zugehen auf den ideologischen Gegner war natürlich auch der numerischen Schwäche geschuldet. Immerhin hat Treml im Steyrer Gemeinderat von 1971 bis 1990 als Ein-Mann-Fraktion bestehen müssen, und das wäre ohne Kompromissbereitschaft nicht möglich gewesen. Vielleicht ist der Grund für seine verbindliche Art in der Kindheit zu suchen, elf Geschwister zu Hause, Otto war der Zweitgeborene und musste sich vermutlich um die Jüngeren kümmern, wenn die Eltern in der Arbeit waren oder arbeitslos oder, wie der Vater, in Polizeihaft 1934, nach den Februarkämpfen, und 1944/45, unter dem Naziregime, oder wenn die Mutter aus Not bei Bauern der Umgebung betteln ging. (Ihre Verzweiflung, auch über die dabei erfahrene Erniedrigung, hätte ihn, sagt er, für sein Leben geprägt.)

Tremls Kooperationswille mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass er fast immer in seiner Geburtsstadt gelebt hat. Er ist auf der Ennsleite aufgewachsen – dem Bollwerk des Republikanischen Schutzbundes beim Februaraufstand 1934 (Kampf gegen die Entwaffnung durch das Regime des seit 1933 diktatorisch regierenden Engelbert Dollfuß, jW) –, in einer armseligen Baracke der Viktor-Adler-Straße, und hat nach seiner Ausbildung in der Lehrwerkstätte der Steyr-Daimler-Puch AG als Kfz-Schlosser und Elektroschweißer gearbeitet. Deshalb kannte er viele Kommunalpolitiker der Sozialistischen Partei als Nachbarn oder weil sie – wie der spätere Bürgermeister Josef Fellinger, der die Lehrwerkstätte im Hauptwerk geleitet hatte – Arbeitskollegen von ihm waren. Der langjährige persönliche Kontakt und die Überschaubarkeit einer Kleinstadt wären demnach der Zusammenarbeit über Fraktionsgrenzen hinweg förderlich gewesen, andererseits hätten sich Feindschaften als bedrohlicher erwiesen als in der Anonymität der Großstadt. Ein Ausweichen, Aus-dem-Weg-Gehen war und ist in Steyr auf Dauer nicht möglich.

Alles, was er vor und während seiner Zeit als Gemeinderat für die Stadt und die in ihr ansässigen Betriebe erreicht habe, sei nur möglich gewesen, sagt Treml, weil er sich einerseits – im Selbststudium und auf der Parteischule der KPÖ in der Wiener Laufbergergasse – solide Kenntnisse des Marxismus aneignen, andererseits ein exzellentes Team um sich scharen konnte, mutige Alte und Junge, Frauen wie Männer; man vergesse immer die Frauen, dabei seien sie es gewesen, schon im Austrofaschismus und dann unter der Naziherrschaft, die mindestens ebensoviel riskiert hätten wie die Männer.

Tremls Hinweis auf seine Genossinnen und Genossen trifft sich mit meiner Wahrnehmung, dass die Steyrer Kommunisten generell offen und entgegenkommend gewesen sind. Die Widerstandskämpfer Franz Draber und Josef Bloderer wären hierfür ein gutes Beispiel. Aber während ich diese erst als Pensionisten, und als Informanten über ihre waghalsige Flucht aus der Todeszelle der Strafanstalt München-Stadelheim, kennengelernt habe, also bar einer aktuellen politischen oder gewerkschaftlichen Funktion, konnte ich Tremls Wirken in der Gegenwart verfolgen, indirekt zumindest, was halt aus der Neuen Zeit, der Steyrer Zeitung, dem Amtsblatt der Stadt Steyr und nicht zuletzt dem Vorwärts, den er selbst redigiert und zum größten Teil auch mit eigenen Beiträgen gefüllt hat, über die Tätigkeit eines Mandatars zu erfahren war, dem unsereins bei jeder Gemeinderatswahl guten Gewissens seine Stimme gab.

Sonst kannte ich ihn nur vom Sehen, am 1. Mai auf dem Stadtplatz, wo Tremls Partei ihre Kundgebung auf der Rathausseite abhielt, eine Stunde nach den Sozialdemokraten, die dann wie aufgefädelt auf dem Gehsteig vor dem Bummerlhaus standen, dem Wahrzeichen der Stadt, um das Treiben der Kommunisten aus sicherer Entfernung zu beobachten. Einmal war ich auch dabei, als Treml mit zwei Genossen an einem klirrend kalten 12. Februar einen Kranz vor dem Mahnmal auf der Ennsleite niederlegte, niemand sonst war gekommen, und ich erntete einen freundlich fragenden Blick. Zum ersten Mal die Hände geschüttelt haben wir uns erst, als ich längst nicht mehr in Steyr lebte, wann, weiß ich nicht mehr, vielleicht im Zusammenhang mit meiner Erzählung über Sidonie Adlersburg, die auch von der Kinderliebe und Fürsorglichkeit einer kommunistischen Familie handelte; für Otto Treml ist Sidonies Pflegevater Hans Breirather eines seiner frühen Vorbilder gewesen, und ihrem Pflegebruder Manfred war er über Jahre verbunden, wegen der gemeinsamen Parteizugehörigkeit und weil Fred Personalvertreter bei der Polizei war – eine Konstellation, Polizist und Kommunist, die weder seiner Karriere noch seinem seelischen Befinden zuträglich war.

Kommunistenphobie

Der heftig grassierende Antikommunismus hat den Untergang des Staatssozialismus überlebt. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob sich jüngere Generationen seine paranoiden Auswüchse überhaupt noch vorstellen können. Unter diesen bin ich in Steyr aufgewachsen, und ehrlich gesagt waren sie es, die mich auf ihr Feindbild neugierig machten. Als ihr alltägliches Merkmal habe ich die vorgehaltene Hand in Erinnerung behalten, hinter der geflüstert wurde, wer alles ein Kommunist sei. Ein älterer Mann, der billig Fernsehapparate reparierte. Ein Esperantist, ebenfalls fortgeschrittenen Alters, der die Schaukästen am Bahnhof und in Zwischenbrücken betreute. In Reichenschwall zwei Arbeiter, Vater und Sohn, die auf die Zeitschrift Sowjetunion heute abonniert waren. Ich selbst natürlich, weil ich als Fünfzehn-, Sechzehnjähriger Post von Radio Moskau, Prag, Peking, Havanna, der Stimme der DDR, dem Hörerklub von Radio Budapest erhielt. Ein oder zwei Jahre später – ich habe darüber in einer Hommage auf Tremls Genossen, den Schriftsteller Franz Kain, berichtet – gab es einen Tumult im Gymnasium am Michaelerplatz, weil die kommunistische Neue Zeit einen gönnerhaften Bericht über unsere Schülerzeitung gebracht hatte. Wir Redakteure wurden einzeln in die Direktion bestellt, heruntergeputzt und verhört. (Ich war der Schuldige, weil ich ein Exemplar der Zeitung in die Johannesgasse geschickt hatte, ins Parteihaus der KPÖ Steyr, z. Hd. Otto Treml.)

Aber Flüstern und Anschiss waren relativ harmlose Begleiterscheinungen im Kalten Krieg. Und meine Wahrnehmung als Kind, als Schüler, als Student, der hin und wieder seine Eltern besucht hat, beschränkte sich auf Verwaltung, Schule und Handel; was sich in den wirklich brisanten Sphären abspielte (in den Betrieben, speziell den verstaatlichten Steyr-Werken), wusste ich nur aus zweiter Hand. Vor allem bekam ich als Spätgeborener nichts von den politisch motivierten Säuberungen nach dem Oktoberstreik 1950 mit, der das größte Ereignis der Stadtgeschichte seit der Befreiung 1945 darstellt. Denn in den Steyr-Werken, und in den Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerken (VÖEST) in Linz, hatten die Massenproteste gegen das 4. Lohn-Preis-Abkommen begonnen, und in Steyr versammelten sich, am Höhepunkt des zehntägigen Streiks, 16.000 Menschen auf dem Stadtplatz, um die Rücknahme der Bestimmungen zu verlangen, die von den Kammern und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund auf Betreiben der Koalitionsregierung aus ÖVP und SPÖ unter Kanzler Leopold Figl über die Köpfe der Betroffenen hinweg ausgehandelt worden waren und eine sprunghafte Verteuerung von Strom, Kohle und fast allen Grundnahrungsmitteln vorsahen.

Hier ist nicht der Platz, den Streik, seinen Verlauf und seine Hintergründe zu durchleuchten; das ist inzwischen geschehen, nicht zuletzt von Otto Treml selbst, und bis auf drei unentwegte Revisionisten glaubt in Österreich niemand mehr an die jahrzehntelang kolportierte Lüge vom kommunistischen Putschversuch (vgl. junge Welt vom 24.9.2020). Unerlässlich ist jedoch der Hinweis, dass Treml einer der Protagonisten der Protestbewegung war und es ihm als Leitungsmitglied der kommunistischen Betriebsorganisation gelang, die Position seiner Fraktion während der Hexenjagd auf alle tatsächlichen und vermeintlichen Rädelsführer des Streiks zu festigen. Schon zwei Jahre zuvor war er, nach den Protesten gegen das 2. Lohn-Preis-Abkommen, strafweise von der Reparaturwerkstätte in das Hauptwerk versetzt worden. Dann, im Herbst 1950, wurde er von der Belegschaft der Steyr-Werke zum Leiter der Streikposten gewählt. Nachdem der Ausstand auf Beschluss der gesamtösterreichischen Betriebsrätekonferenz unterbrochen und nach einer neuerlichen Demonstration auf dem Stadtplatz von der Direktion und der SPÖ unter Androhung von Kündigungen abgewürgt worden war, fegte mit der Besetzung des Werks durch bewaffnete Gendarmerieeinheiten eine Repressionswelle durch die Stadt, in deren Verlauf bis 1953 mehr als vierhundert Beschäftigte entlassen wurden. Diese »Maßregelungen« trafen nicht nur kommunistische oder als Kommunisten verteufelte Arbeiter und Angestellte, sondern auch Funktionäre und Sympathisanten anderer Fraktionen. Treml nennt in diesem Zusammenhang Anton Schrottenbach, einen Vertrauensmann der SPÖ, den nicht einmal seine Popularität als Verteidiger in der Kampfmannschaft des Sportklubs Vorwärts Steyr vor der Kündigung schützen konnte. Dass er selbst nicht gleich entlassen wurde, verdankte Treml der Ankündigung seiner Arbeitskollegen im Hauptwerk, gegebenenfalls wieder in den Streik zu treten.

Schwer vorstellbar, wie es ihm und seinen Genossen in dieser Situation gelingen konnte, bei den Betriebsratswahlen im Herbst 1951 mehr Stimmen als je zuvor und danach zu bekommen und alle acht Mandate im Arbeiterbetriebsrat zu halten – trotz der Massenentlassungen, die einen kompletten Umbau der Betriebsorganisation notwendig machten, sowie der berechtigten Angst vieler Beschäftigter, durch eine Kandidatur auf der kommunistischen Liste ihren Arbeitsplatz zu gefährden. Man beachte Tremls Hinweis, dass die Werksdirektion in Absprache mit der Sozialistischen Partei ehemalige Nazis, die bis dahin als belastet gegolten hatten, im Vorfeld der Betriebsratswahlen wieder in den Steyr-Werken einstellten, um sie als Kandidaten in Stellung zu bringen. Einer von ihnen war der sozialdemokratische Altbürgermeister Franz Sichlrader, der im April 1938 über dem Grab des gehenkten Schutzbündlers Josef Ahrer den Nazis die Hand gereicht hatte. Sichlrader wurde auf der sozialistischen Liste zum Zentralbetriebsratsobmann gewählt und verblieb bis 1959, drei Jahre vor seinem Tod, in dieser Funktion. Otto Treml hingegen erfuhr Anfang Oktober 1952, kurz vor seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag, dass er mit sofortiger Wirkung gekündigt sei. »Als ich den Betriebsleiter nach dem Grund fragte, erhielt ich zur Antwort, dass ich das selbst wisse. Darauf ich: ›Die Zeit wird kommen, in der Sie mir sagen müssen, warum Sie mich entlassen haben.‹«

Entlassungen aus politischen Gründen sind auch heute gang und gäbe. Damals allerdings grenzten sie an Existenzvernichtung. Treml erinnert an den Druck, den die Direktion der Steyr-Werke auf die lokalen Klein- und Mittelbetriebe – die als Zulieferer auf ihre Aufträge angewiesen waren – ausübte, nur ja niemanden von den Gekündigten einzustellen. Außerdem verloren die Betroffenen meistens auch ihre Wohnung, die sich in der Regel im Eigentum der Steyr-Werke oder der städtischen Wohnungsgenossenschaft befand. Und schließlich erstreckte sich die Verfolgung auf die nächste Generation. Das lief nur selten so glimpflich ab wie im Fall von Tremls Freund Roman Hojka, der trotz lauter Einser im Hauptschulzeugnis und einem blendend bestandenen Eignungstest keine Lehrstelle in den Steyr-Werken bekam. Durch glückliche Umstände konnte er sich zum Zahntechniker ausbilden lassen und damit seinen Lebenstraum erfüllen.

Was es bedeutete, in Steyr für einen Kommunisten gehalten zu werden, wurde mir bewusst, als ich Anfang der siebziger Jahre versuchte, mehr über das Leben der Rotkreuzschwester Herta Schweiger herauszufinden, die 1941 an den Folgen der Misshandlungen durch die Gestapo und der Haftbedingungen im Linzer Polizeigefängnis gestorben war. Ich war neunzehn, ich war schüchtern, ich ging bei meinen Recherchen ungeschickt vor, aber das allein war nicht ausschlaggebend dafür, dass sie im Sand verliefen. Hauptsächlich scheiterte ich am Misstrauen, das mir Überlebende aus Schweigers Widerstandszelle entgegenbrachten. Offenbar vermochten sie sich nicht vorzustellen, dass jemand Fremder ohne böse Absicht sich für ihre Geschichte interessierte. In einem Fall wurde der Grund hierfür offen ausgesprochen: Der Mann – dessen Namen ich vergessen habe – war nach dem Oktoberstreik von den Steyr-Werken entlassen worden, er hatte vorübergehend eine Stelle im Nibelungenwerk St. Valentin bekommen, das bis 1955 unter sowjetischer Verwaltung stand, und war dann aus der Partei ausgetreten: weil seine Kinder, wie er sagte, nirgendwo im Bezirk eine Lehrstelle bekommen hätten. Leute wie er waren vom Kalten Krieg zweifach betroffen, durch die Isolation, in die sie als bekennende und als abtrünnige Kommunisten geraten waren.

Partei- und Stadtpolitik

Auch Otto Treml hätte nach seiner Kündigung wie der Nazigegner aus Herta Schweigers Umfeld nach Niederösterreich, in die sowjetisch besetzte Zone, ausweichen müssen, ins Nibelungenwerk und anschließend in einen großen Betrieb im Traisental. Aber dann wurde er unerwartet zum Bezirksparteiobmann gewählt, und damit begann seine Laufbahn als Vollzeitfunktionär. Im selben Jahr, 1953, konnte die KPÖ Steyr ein eigenes Parteihaus erwerben. Bis dahin war sie in der ehemaligen Kreisleitung der NSDAP einquartiert, die Alois Hölbling – bis 1931 Vorsitzender des sozialdemokratischen Freidenkerbundes, dann zur KPÖ übergetreten – schon vor der Befreiung besetzt hatte. Als die oberösterreichische Landesregierung als Inhaberin der Liegenschaft Eigenbedarf anmeldete, mussten sich die Steyrer Kommunisten nach einer neuen Bleibe umsehen, und hätte es nicht den Rohbau einer verkaufswilligen Marktfahrerin in der Johannesgasse gegeben, wären sie aufgrund der allgemeinen Wohnungsnot in der Stadt und der Losung, ihnen möglichst viele Steine in den Weg zu legen, aufgeschmissen gewesen. Ähnlich schwer war es für sie Jahr für Jahr auch, Säle für ihre Ballveranstaltungen anzumieten. Häufig sei es vorgekommen, sagt Otto Treml, dass Gastwirte ihre Zusagen auf Druck aus dem Rathaus oder dem Bezirkssekretariat einer Großpartei zurückgezogen hätten.

Was ihm seine Funktionärstätigkeit abverlangt hat, lässt sich erahnen, wenn man einige Ämter aufzählt, die Treml im Lauf der Zeit ausgeübt hat (und ich überspringe hierbei seine Anfänge in der Freien Österreichischen Jugend, die ihm offenbar die größte Freude bereitet haben): Von 1966 bis 1975 war er Betriebsratsobmann der Partei in Oberösterreich, von 1971 bis 1981 Bezirksobmann, von 1981 bis 1990 Landesparteiobmann der KPÖ. 1969 wurde er ins Zentralkomitee gewählt, mitten in der Krisenzeit nach dem Einmarsch der Warschauer-Vertrags-Truppen in die CSSR, als die Partei sich durch den Ausschluss der Reformer um Ernst Fischer und Franz Marek gerade ein Bein abhackte und mit dem verbliebenen, sowjettreuen, in die Bedeutungslosigkeit stelzte. Aber das ist ein eigenes Kapitel, das den Rahmen dieser Würdigung sprengen würde, und auch eines, in dem Otto und ich wahrscheinlich uneins sind, ebenso wie in der Beurteilung des Stalin-Terrors, den er unverzagt als »Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit« bezeichnet und gegen die Verdienste der Sowjetunion im Krieg gegen Nazideutschland und an der Befreiung und Unabhängigkeit Österreichs abwägt, auch wenn ihn das Schicksal der Unzähligen bekümmert – unter ihnen emigrierte Schutzbündler und Kommunisten aus Steyr –, die dieser »Verletzung« erlegen sind.

Bleibt die Frage zu erörtern, wie es ihm gelingen konnte, in der Stadtpolitik eine derart große Wirkung zu erzielen. Der Vorteil seines Einzelkämpferdaseins, sagt Otto Treml, habe darin bestanden, in allen zehn Gemeinderatsausschüssen und im Gestaltungsgremium vertreten zu sein. Sämtliche Akten, die durch den Stadtsenat gingen, seien eben auch ihm, der Ein-Mann-Fraktion, zugestellt worden. Das habe ihm zwar ein großes Arbeitspensum auferlegt, zugleich aber die Möglichkeit geboten, sich allseitig informieren und entsprechend agieren zu können. Eine Konstante in seiner kommunalpolitischen Arbeit war der Kampf gegen Privilegien. Beharrlich forderte er die Halbierung und Vollbesteuerung der städtischen Politikerbezüge. Diesbezüglich war Treml, als einziges ehrenamtliches Gemeinderatsmitglied, in einer guten Position: Dem Statut der KPÖ zufolge durfte und darf die Ausübung öffentlicher Funktionen nicht mit einem zusätzlichen Einkommen verbunden seien. Niemand konnte ihm also vorwerfen, etwas zu kritisieren, was ihm ein Salär einbrachte.

Sympathien und Anerkennung erwarb er sich durch seine Dialogbereitschaft, seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, sein Auftreten gegen Mietwucher, sein Bemühen, Arbeitsplätze zu erhalten,und, solange das noch möglich war, für die Steyrer Betriebe Aufträge – aus Polen, der Sowjetunion – an Land zu ziehen. Weniger beliebt im Gemeinderat war seine Kritik an den Millionenförderungen für private Unternehmen, die von der Zerschlagung der verstaatlichten Industrie profitiert hatten. Wie angebracht seine Warnungen waren, erweist sich gerade in diesen Tagen, da der MAN-Konzern bestrebt ist, seine Steyrer Niederlassung zu schließen und die 2.300 Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit zu entlassen.

Dauerhafte Verdienste

Für mich liegen Tremls dauerhafte Verdienste in den gut geschriebenen, detailreichen Abhandlungen über den Steyrer Widerstand gegen das Naziregime, der – wie auch anderswo in Österreich – in erster Linie ein kommunistischer gewesen ist. Außer im bereits erwähnten Vorwärts, dem Organ der KPÖ Steyr, erschienen sie im offiziellen Amtsblatt, 1980 aus Anlass des tausendjährigen Bestehens der Stadt Steyr sogar in einer Sondernummer, was für dieses Land, und angesichts der von mir geschilderten Kommunismusphobie, doch sehr außergewöhnlich war. Für ebensowichtig erachte ich Tremls Mitarbeit im Steyrer Mauthausen-Komitee, das sich sowohl dem Gedenken an die Gequälten und Ermordeten, nicht nur im KZ-Außenlager Steyr, als auch dem Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Neonazismus in der Gegenwart verpflichtet fühlt. Treml ist, soviel ich weiß, in diesem Kollektiv der einzige Kommunist, der einzige auch mit einer lebendigen Erinnerung an Verfolgung und Widerstand, nicht nur wegen seines Alters, sondern weil er sich schon als Kind diejenigen eingeprägt hat, die uns vorausgegangen sind und die wir, von ihm auf ihre Spur gesetzt, einholen wollen. Während ich einen Roman übersetzte, in dem mein Freund Alfons Cervera die Stimmen der besiegten Republikaner in seinem Dorf im Hinterland von Valencia eingefangen hat, musste ich unlängst an Otto Treml denken, bei einer Stelle, an der eine alte Frau ihren Enkel bittet, seine von den Faschisten getöteten Eltern nie zu vergessen: »Denn alles, was man vergisst, ist, wie wenn es nie existiert hätte.«

Als mich Stephan Rosinger vom Museum Arbeitswelt aufforderte, eine Festrede auf Otto Treml zu halten, wurde mir klar, wie wenig ich eigentlich von ihm wusste. Bruchstücke ergeben noch kein scharfes Bild, keine Konturen. Vieles in seiner Biographie war mir unbekannt. Deshalb bat ich Treml, ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen. Es würde nicht lange dauern, eine halbe Stunde, höchstens. Er war sofort einverstanden. Aber meine Kurzvisite dauerte einen ganzen Nachmittag. Bei jeder Frage kamen wir vom Hundertsten ins Tausendste. So viele Gedankenketten, Abschweifungen, Ergänzungen. Namen, die über seinen Wohnzimmertisch schwirrten, zu jedem hatte er eine Geschichte parat. Nachdem ich mich schlechten Gewissens – wegen der Zeit, die er mit mir verplempert hatte – von Treml verabschiedet hatte, dachte ich an die Schätze, die bei ihm noch zu heben wären, an historischem Wissen und an politischer Erfahrung. An seine Geistesgegenwart und an seine Bereitschaft, Auskunft zu geben. An seine klare, unverzierte, heimatliche Sprache. Deshalb will ich meine Würdigung mit der dringlichen Aufforderung schließen: Fragt Otto Treml! Aber fragt nur, wenn ihr auch seine Ziele teilt. Und seine Zuversicht.

Erich Hackl schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 12./13. September über den öster­reichischen Lyriker Theodor Kramer.

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