Gegründet 1947 Dienstag, 27. Oktober 2020, Nr. 251
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.10.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Zurück ins Leben, »Wild Edition«

Drängende Gegenwartsthemen im Dreiländereck: Das 17. Neiße-Filmfestival
nff2020_Preistraeger-Wettbewerb-Spielfilm_Jiyan_Presse-03.jpg
»Etwas Magisches«: Szene aus »Jiyan (Leben)«

Da kommt ein Kraftfahrer an die deutsch-tschechische Grenze, legt eine Schachtel mit einem digitalen Film nieder. In Tschechien wartet ein Kollege, nimmt sie auf und fährt sie ins Land. Berühren dürfen sich die beiden nicht. So geht es zu, wenn die Grenze in Zeiten der Pandemie auch zwischen Risikogebieten verläuft.

Das trinationale Neiße-Filmfestival (NFF) war für die Macher aus dem Umfeld des Großhennersdorfer Kunstbauerkinos in diesem Jahr eine besondere Aufgabe. Im Mai hätte das NFF zum 17. Mal stattfinden sollen. Dass nun bis Sonntag eine abgespeckte Variante (liebevoll »Wild Edition« genannt) tatsächlich über die Bühne ging, war schon ein Erfolg. Einige Sektionen wurden gestrichen. Recht bescheiden wurde das Festival gleichzeitig in Deutschland, Polen und Tschechien eröffnet. Bei der Preisverleihung, diesmal in Ebersbach statt Zgorzelec, musste viel Abstand gewahrt werden.

»Leben wie ein Baum, einzeln und frei und gemeinsam wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.« Diese Zeilen des großen türkischen Dichters Nazim Hikmet, der als Kommunist 1963 im Moskauer Exil starb, waren das Motto des Siegerfilms aus dem Spielfilmwettbewerb, »Jiyan (Leben)«, hätten aber auch über anderen Filmen des Festivals stehen können. »Jiyan«, Abschlussfilm von Süheyla Schwenk an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, erzählt kammerspielartig vom jungen syrischen Paar Hayat und Harun, das mit einem Besuchervisum zu Verwandten nach Berlin flieht, wo Hayat ihr erstes Kind zur Welt bringt. Harun, ein Lehrer, findet Arbeit auf dem Bau – schwarz. Er verunglückt. Schwenk hat ihren fast ausschließlich in der Wohnung spielenden Film selbst geschrieben, geschnitten und ausgestattet. Sie erhielt in Ebersbach auch den Preis für das beste Szenenbild, weil »die meisterhafte Kombination von Realismus mit Elementen des emotionalen Szenenbildes etwas Magisches hat und gleichzeitig den Eindruck eines Dokumentarfilmes macht«, so die Jury-Begründung.

Zum besten Dokfilm wurde der mit tschechischer Beteiligung in Argentinien gedrehte Film »Sólo« von Artemio Benki gekürt. Kritikerin Ingrid Beerbaum trug als Mitglied der Jury in Ebersbach die Begründung vor. »Ohne unnötiges Pathos oder Sensationslust« werde ein junger Künstler begleitet, der sich nach langer Zeit in der Psychatrie ins »normale Leben zurückzukämpfen« versucht. »Voll tiefem Respekt« balanciere der Film »zwischen naher Beobachtung und menschlicher Anteilnahme«.

Einen deutlich politischen Ansatz verfolgt der Dokfilm »Zustand und Gelände« von Ute Adamczewski (Lobende Erwähnung). Die ausgebildete Architektin zeigt gegenwärtige Aufnahmen von Gebäuden in Sachsen, die in den Anfangsjahren des Faschismus zu Lagern für politische Gefangene umfunktioniert worden waren. Burgen, Vereinshäuser, Sportstätten, saniert oder leer. Dazu im Ton Zitate aus Akten oder von Zeitzeugen, die punktuell in die Gegenwart führen. Adamczewski will mit dem Film auch der Gleichsetzung von Nazi- und DDR-Zeit widersprechen, wie sie im Görlitzer Kino »Camillo« vor einem zahlreich erschienenen Publikum erklärte.

Ein Höhepunkt war der Dokfilm »Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit« über die Ausbeutung von Osteuropäern in der deutschen Fleischindustrie (Rezension in jW vom 25.8., Kinostart am 22.10.). Den Preis für die beste darstellerische Leistung erhielten Milan Ondrik und Frantisek Beles für ein vielschichtiges Porträt von Vater und Sohn in »Nech je svetlo« (Es werde Licht, Regie: Marko Skop), einem slowakisch-tschechischen Film mit drängendem Gegenwartsthema. Der Vater Milan arbeitet in der BRD, kehrt für den Jahreswechsel nach Hause zurück und stellt fest, dass er seinen ältesten, pubertierenden Sohn an rechte Brandstifter verloren hat. Er entschließt sich zu bleiben, scheint aber zu schwach, um Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Der Film ist nur eines von vielen Beispielen dafür, was dem deutschen Zuschauer im Einheitsbrei des Normalprogramms verlorengeht, wie wichtig also solche Festivals bleiben.

Unverzichtbar!

»Besonders in der Schule lernt man wenig über die tatsächlichen historischen und aktuellen Zusammenhänge, umso wichtiger ist die junge Welt mit ihrem Beitrag zur Aufklärung.« – Saskia Bär, Studentin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton