Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 30.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Eine Partitur hochhalten

Ideen, Moden und ein machtloser Gott: An der Deutschen Oper Berlin wird Wagners »Ring« inszeniert
Von Kai Köhler
Das Rheingold
»Manchmal überlasten die Ideen die Bühne«

Sind Götter an das gebunden, was sie gesagt haben? Eine theologische Falle. Wenn ja, sind sie nicht allmächtig; wenn nein, geht jede moralische Vorschrift zum Teufel, denn morgen schon könnte das Gegenteil gelten. Dies ist auch Problem Wotans, des obersten Gottes in Richard Wagners Musikdramentetralogie »Der Ring des Nibelungen«. Dieser Ring verleiht Allmacht; allerdings befindet er sich nicht in Wotans Besitz. Der Gott aber herrscht durch Gesetze und kann deshalb den Ring nicht einfach stehlen. Im Gewand von nordischem Mythos und Nibelungenlied zeigt Wagner die bürgerliche Herrschaft durch Verträge und ihre Auswirkungen.

Am Beginn der »Walküre«, des zweiten Teils, hat Wotan das Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde in die Welt gesetzt, damit die für ihn tun, was er nicht darf: den Ring erbeuten. Dass Sieglinde mit Siegmund einer Zwangsehe entflieht, es zwischen den beiden zum Inzest kommt, ruft Wotans Gattin Fricka auf den Plan, die nicht nur als Göttin der Ehe die Bestrafung der beiden verlangt. Schlimmer noch weist sie Wotan nach, dass aus dem Hintergrund doch er die Geschwister lenkt und er so die Grundlage seiner Herrschaft untergräbt.

Wotan, der es mit ehelicher Treue selbst nicht sehr genau nimmt, hat neun Walküren gezeugt, die tote Helden in seine Burg Walhall bringen sollen, wo er sie für den Endkampf gegen den Besitzer des Rings aufbieten will. Die liebste dieser Walküren ist ihm Brünnhilde. Wotan berichtet ihr, wie verzweifelt die Lage ist, wünscht sich nichts mehr als den Untergang und befiehlt Brünnhilde, Sieglindes Ehemann beim Kampf gegen Siegmund beizustehen. Brünnhilde verkündet Siegmund den bevorstehenden Tod, lässt sich aber bewegen, ihn doch zu unterstützen, zumal sie Wotans eigentlichen Wunsch kennt.

Stefan Herheim wird an der Deutschen Oper Berlin die vier Teile des »Ring« inszenieren. Leider verhinderte die Corona-Pause die Aufführung des ersten Teils, »Rheingold«, im Juni. Wagner entwickelt in der Tetralogie musikalisch, textlich und szenisch eine Welt, in der alles aufeinander Bezug nimmt und ein von Teil zu Teil dichteres Netz entsteht. Über eine Inszenierung des zweiten Abends zu schreiben, ohne die des ersten zu kennen, steht also unter Vorbehalt. Dennoch lässt sich nach der Premiere der »Walküre« am vergangenen Sonntag einiges vermuten.

Es gibt viel zu sehen; in manchen Passagen zu viel, das Optische droht die Musik zu überdecken. In der »Walküre« befinden sich mindestens die Hälfte der Zeit nur zwei Personen auf der Bühne und verständigen sich. Herheim aber erfindet dazu: Im ersten Aufzug, in dem sich im Haus von Sieglindes Ehemann mit dem bezeichnenden Namen Hunding ihre Liebe zu Siegmund herausstellt, sieht man nun einen pantomimisch agierenden »Hundingling«; in den folgenden Akten bilden Flüchtlingsgruppen das Publikum für die Auseinandersetzungen zwischen Wotan und Brünnhilde. Wirkungsloser Ausweis aktuell politischer Bewusstheit oder Zeichen dafür, dass Wotan als ans Gesetz gebundener Gott der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen muss?

Derlei Ideen ermöglichen manchmal den Hauptfiguren ein lebendiges Agieren, manchmal überlasten sie die Bühne. Herheim kann Personen der Musik entsprechend führen, er sollte sich darauf verlassen. Am schlimmsten gerät ihm der sogenannte Walkürenritt am Beginn des dritten Aufzugs: ein dumm-brutales Stück Musik, wahrscheinlich deshalb ein Hit geworden, von Wagner aber eingesetzt, um dumme Brutalität hörbar zu machen. Wenn die Walküren lachend Leichen für Walhall anschleppen, hat Wotan schon erkannt, wie sinnlos das ist: Der allmächtige Besitzer des Rings wird leicht all diese Kämpfer gegen ihn wenden können. Wenn Herheim nicht nur die Leichen lebendig werden lässt, sondern sich bei ihm die blutigen Krieger sogleich daran machen, mit Billigung Wotans die Walküren zu vergewaltigen, ist das ein überflüssiger Gewalteffekt. Vor allem wird Wotans Strafe gegen Brünnhilde, sie wegen der Unterstützung Siegmunds in Schlaf zu bannen und damit jedem Mann auszuliefern, sinnlos. Warum gehorchen, wenn ohnehin stets jede vergewaltigt wird?

Viele Passagen geraten besser und lassen darauf hoffen, dass die ausstehenden drei Premieren mit weniger Zugeständnissen an die Brutalitätsmode auskommen; übrigens auch ohne solche an die Medienreflexionsmode, wegen der ab und an Sänger eine »Walküre«-Partitur hochhalten müssen oder (zum Glück lautlos) die Tastatur eines Klaviers bearbeiten.

John Lundgrens Wotan ist stimmlich hell, stets klar artikuliert; er zeigt, wo die Regie es zulässt, die Vielschichtigkeit der Figur. Annika Schlicht gibt eine – trotz der Kürze der Rolle – übermächtige Fricka, Andrew Harris wäre auch dann ein angemessen finsterer Hunding, wenn er nicht gar so viel chargieren müsste. Brandon Jovanovich überzieht das Heldische von Siegmund nicht, Lise Davidsen ist – textverständlich und klar – eine stimmlich manchmal allzu überwältigende Schwester. Nina Stemme als Brünnhilde muss nicht forcieren, um kraftvoll zu wirken; mit klarer gesanglicher wie szenischer Gestaltung weckt sie Hoffnung auf die folgenden Teile, in denen sie eine große Rolle spielt. Donald Runnicles ließ das Orchester klangschön, nur punktuell zugespitzt und insgesamt sängerfreundlich begleiten.

Nächste Aufführungen: 1. u. 8. 10., 17 Uhr, 4. u. 11. 10., 16 Uhr

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