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Aus: Ausgabe vom 30.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Türkei und Aserbaidschan

Strategische Partnerschaft

Türkei heizt Konflikt im Kaukasus an. Offensive ist systematisch vorbereitet worden
Von Nick Brauns
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Der türkische Außenminister, Mevlut Cavusoglu (l.), und der Botschafter Aserbaidschans in der Türkei, Hasar Ibrahim, am Dienstag in Ankara

Treibende Kraft hinter der jüngsten kriegerischen Eskalation um Berg-Karabach ist die Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht durch das Anheizen des Kaukasuskonfliktes von der anhaltenden Wirtschaftskrise im eigenen Land und dem Hegemonieverlust seiner AKP-Regierung abzulenken, sich der weiteren Unterstützung der faschistischen Grauen Wölfe der MHP als strategischer Allianzpartnerin zu versichern und den Schulterschluss mit der traditionell armenienfeindlichen kemalistischen Opposition zu proben.

Gemäß der Parole »Eine Nation, zwei Staaten« versteht sich Ankara als Schutzmacht des Turkvolks der Aserbaidschaner, während das Verhältnis zu Armenien infolge des bis heute gemäß türkischer Staatsräson geleugneten Genozids an den Armeniern im Ersten Weltkrieg äußerst belastet ist. Aserbaidschan ist in diesem Jahr zum wichtigsten Lieferanten von Erdgas für den türkischen Markt aufgestiegen. Zwischen Ankara und Baku besteht seit 2010 ein Abkommen über strategische Kooperation und gegenseitige Unterstützung. In dessen Rahmen begann nach ersten Scharmützeln zwischen armenischen und aserbaidschanischen Truppen Ende Juli 2020 das bis dahin größte Militärmanöver in Aserbaidschan unter Beteiligung von 11.000 türkischen Soldaten als – so türkische Medien – »Drohung gegen Armenien«.

Seitdem war die jetzige Offensive auf Berg-Karabach systematisch vorbereitet worden. Dazu hat die Türkei neben Waffen auch bislang rund 1.000 dschihadistische Söldner aus Syrien nach Aserbaidschan geschickt – offiziell, zur Bewachung von Beobachtungsposten sowie Öl- und Gasförderanlagen.

Während für ein vom Präsidenten der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach, Arajik Harutjunjan, behauptetes direktes militärisches Eingreifen türkischer Truppen mit Kampfflugzeugen und Drohnen bislang keine unabhängige Bestätigung vorliegt, besteht kein Zweifel an der politischen Unterstützung Ankaras für den kleinen Bruder. Staatspräsident Erdogan bezeichnete Armenien am Sonntag als »größte Bedrohung für den Frieden in der Region« und sicherte Baku volle Solidarität zu. Dieser Position schlossen sich am Montag alle Fraktionen im türkischen Parlament mit Ausnahme der linken HDP an. Derweil hoffte der Chefredakteur der regierungsnahen islamistischen Tageszeitung Yeni Safak, Ibrahim Karagül, dass Bomben »mitten ins Herz« der armenischen Hauptstadt Jerewan fallen.

Auch die antikurdische Karte wird in der türkischen wie aserbaidschanischen Presse gespielt. So behauptete die AKP-nahe Zeitung Daily Sabah, die Arbeiterpartei Kurdistans PKK sowie die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG hätten zahlreiche Ausbilder für armenische Milizen nach Berg-Karabach geschickt. Dafür dürfte die bereits an vielen Fronten kämpfende kurdische Guerilla kaum Kapazitäten haben. Allerdings gibt es in Berg-Karabach kurdisch-jesidische Dörfer, und in der Republik Armenien sind die Jesiden, die rund ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, als ethnische Minderheit anerkannt.

Tausende muslimische Kurden wurden dagegen Anfang der 90er Jahre gemeinsam mit der aserischen Bevölkerung von armenischen Truppen aus den zwischen Berg-Karabach und Armenien liegenden aserbaidschanischen Provinzen vertrieben, also aus der Region, wo vor rund 100 Jahren die sowjetische autonome Provinz »Rotes Kurdistan« ausgerufen worden war. Dies tut der Solidarität vieler Kurden mit Armenien angesichts der aktuellen Angriffe keinen Abbruch. »Es lebe Armenien, es lebe Kurdistan«, twitterte etwa der frühere YPG-Sprecher Polat Can in armenischer Sprache.

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