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Aus: Ausgabe vom 28.09.2020, Seite 8 / Ansichten

Enthüller des Tages: Dmitri Muratow

Von Reinhard Lauterbach
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Dmitrij Muratow

Der »Zivilgesellschaft« und ihrer Öffentlichkeit wird ja immer ihre Vielfalt zugute gehalten. Man kann lange darüber diskutieren, ob das eine zutreffende Beschreibung ist, oder ob nicht doch das Motto des Staatswappens der USA die Richtung angibt: E pluribus unum – frei übersetzt: viele Quellen, eine Botschaft. Ein Vorteil dieses freien Herumgeredes ist jedenfalls, dass die Propagandisten sich in ihrem Enthusiasmus manchmal auch um Kopf und Kragen reden.

So letzten Freitag im wöchentlichen Rundbrief des für an Russland Interessierte gedachten Portals »Dekoder«. Eine renommierte Adresse, das Team Träger des Adolf-Grimme-Preises, die Beiträge jederzeit zitierfähig. Verlinkt wurde auf eine Sendung des liberalen Moskauer Radios Echo Moskwy. Dort war in einer Talkshow Dmitri Muratow zu Gast, Chefredakteur von Russlands liberalem Leitmedium, der Nowaja Gaseta. Muratow hatte die Absicht, einen von den staatlichen Medien häufig zitierten Experten unmöglich zu machen: Leonid Rink, Chemiker und einst an der Entwicklung und Synthese des sogenannten Nowitschok-Gifts beteiligt. Dieser Rink habe, so Muratow, vor 20 Jahren selbst zugegeben, sich ein paar Ampullen »Nowitschok« aus dem streng bewachten Entwicklungslabor mitgenommen und sie in seiner Garage gelagert zu haben. Eine davon habe er an einen örtlichen Mafioso verkauft, drei andere an die CIA. Und einem so abgrundtief verkommenen Menschen gebe das Staatsfernsehen eine Plattform, empörte sich Muratow.

Was Muratow in seinem Eifer nicht bemerkte: Er hatte damit einen zentralen Punkt des westlichen Narrativs in Sachen Nawalny über den Haufen geworfen, dass nämlich jenes »Nowitschok« einzig in den Hochsicherheitsgiftschränken des russischen Geheimdienstes lagere und deshalb nur dieser für den Anschlag auf Nawalny verantwortlich sein könne. Treffer, versenkt.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wegen ihrer klaren Positionierung beim Kampf für eine lebenswerte, von Ausbeutung befreite Welt. Sie verdeutlicht, dass nur in vereinten Kämpfen Erfolge errungen werden können!« – Andre Koletzki, Geprüfter Meister für Bäderbetriebe, Berlin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (28. September 2020 um 03:27 Uhr)
    Oder wir sehen es anders: Herrn Muratow, dem Chefredakteur der »Neuen Zeitung« (deren Titel längst obsolet ist), kam in den Sinn, dass inzwischen international genügend Russophobie verbreitet wurde. Also entschloss er sich im Sinne von Hegel – »Das Wahre ist das Ganze« – zur Verbreitung der Wahrheit, um neue Akzente auf der anderen Seite (zum Beispiel in den Kreisen der EU) zu setzen. Erinnert mich daran, dass ich neulich dafür angezählt wurde, als ich Frau Merkel als klar denkende Naturwissenschaftlerin darstellte, die sämtliche Forderungen, also auch die Problematisierung von »Nord Stream 2«, mit ihrem universellen Zweifel betrachtet. Warum: Weil wir diese Auffassung von ihr hoffentlich erwarten können.

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