Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 26.09.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kürbis-Cappuccino

Von Maxi Wunder

Endlich halten alle die Fresse. Sie liegen in ihren Betten und sammeln Kräfte für den neuen Tag, aber der ist gottlob noch fern, hier im Berliner »Künstlerviertel« Friedenau, dem Prenzlauer Berg des Westens. Günter Grass schmiedete in der Niedstraße seine Romane in einer malerischen Stadtvilla. Nebenan, in der Nummer 14, entstand durch die Besetzung der Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson 1967 die Kommune I um Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans. Man traf sich in der legendären Stammkneipe »Bundeseck«. Dort tagte der »ARSCH«, der »Arbeitskreis Revolutionärer Schriftsteller«, aus dem außer Grass noch einige Westberühmtheiten hervorgingen: Delius, Buch, Loschütz.

Alles Geschichte. Heute leben hier Kinder, Millionen Kinder in der Obhut ihrer akademischen Helikoptermütter und coolen IT-Väter. Ich schätze das Durchschnittsalter der Friedenauer Bevölkerung auf neun Jahre. Zwei Gymnasien und zwei Grundschulen stauen sich auf ca. 400 Quadratmetern, direkt unter meinem Schlafzimmerfenster tobt eine Kita mit 120 Dezibel von acht bis acht.

Deswegen liebe ich die Nacht. Ich preise Dunkelheit und Stille, Labsal meiner Nerven. Wie könnte ich diese Seligkeit verschlafen? Nein, Insomnia, komm und lass mich immer trinken von deiner Milch der Ruhe: Kürbis-Cappuccino.

Einen kleinen Hokkaido-Kürbis waschen, halbieren, die Kerne mit den Fasern entfernen und das Fruchtfleisch in Würfel schneiden. Drei Schalotten, eine Knoblauchzehe und ein daumengroßes Stück Ingwer schälen und fein würfeln. In einem Topf etwas Speiseöl erhitzen und die Schalotten darin glasig andünsten. Kürbiswürfel dazugeben und weitere vier Minuten andünsten. Nach zwei Minuten Knoblauch und Ingwer dazugeben. Mit 1,20 Liter Gemüsefond ablöschen und etwa 20 Minuten köcheln lassen. 2 EL Kürbiskerne in einer Pfanne anrösten, bis sie duften. Zwei Zweige Petersilie waschen, trocken schütteln und fein hacken. Die Suppe pürieren und auf große Suppentassen verteilen. 100 ml Milch vorsichtig erhitzen und aufschäumen. Den Schaum auf die Suppen geben, mit Kürbiskernen und Petersilie bestreuen und mit Kürbiskernöl beträufeln.

Aus der Traum. Schon knallt die erste Autotür, ein Rollkoffer grummelt übers Pflaster, der Nachbar über mir tritt seinen Klogang an. Nun dauert es nicht mehr lang, bis die kleinen Kreischmaschinen von ihren Eltern abgegeben werden und der Blockflötenterror anhebt. Sicher freut sich der Erzieher auf seinem Arbeitsweg schon darauf, seinen Zöglingen mittags wieder »Knock, knock, knockin’ on heaven’s door« von Bob Dylan vorzuspielen.

»Komm’ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau,
da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau Galopp,
da lacht der lieben Kuh der Ochs’ so freundlich zu.
Komm’ mit nach Friedenau, da ist der Himmel blau!«

Solche zugegeben wesentlich schlechteren Lieder sang man hier 1880. Damals gehörte Friedenau noch nicht zu Berlin. Die Umgebung war ländlich, was eine Blumenliebende schon 1899 zu einem Umzug in die grüne Oase bewog, in der sie bis 1911 blieb: Rosa Luxemburg. Ich würde sagen, bis heute die einzige echte Revolutionärin aus Friedenau.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

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