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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Manchmal wird man abgeholt, manchmal nicht

Beige-graue Trostlosigkeit als Effekt eines gewaltigen malerischen Unterfangens: Roy Anderssons neuer Film »Über die Unendlichkeit«
Von Peer Schmitt
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»Nach Art der alten Schnurrenspinner« (Jan-Eje Ferling als »Mann an der Treppe«)

»Es ist schon September.« Das Rentnerpaar sitzt auf einer Parkbank auf einem Hügel über der Stadt und genießt die Aussicht. Die Stadt heißt Stockholm. Sie ist von Regisseur Roy Andersson für seinen Film »Über die Unendlichkeit« in einer sehr eigentümlichen beige-gräulichen Variante im Studio als Kulisse nachgestellt worden wie zuvor schon für seine Filme »Songs from the Second Floor« (2000), »Das Jüngste Gewitter« (2007) und zuletzt »Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach« (2014). Zusammen bilden die Filme eine Tetralogie der miteinander verschränkten Episoden, immer wiederkehrenden Schauplätze, Motive, Figuren, Absurditäten.

Die Lakonie und das Episodische sind ihnen gemeinsam, und beides ist nun ausgerechnet unter dem Banner vorgeblicher Unendlichkeit sozusagen auf die Spitze getrieben. Von den Episoden ist oft nicht mehr als eine Skizze geblieben, Momentaufnahme eines Settings, ein Sketch, ein gespielter Witz: »Kommt ein Priester zum Arzt und sagt, ich habe meinen Glauben verloren – Ja, schön und gut, kommen Sie bald wieder, ich muss noch meinen Bus kriegen. Und bringen Sie Geld mit.«

Radikal reduziert wird aus dem Setting bereits die Pointe (Andersson hat im Laufe seiner Karriere hauptberuflich Hunderte Werbefilme gemacht und dabei diese Reduktionstechnik verfeinert: Zeit ist Geld).

Wie in allen Filmen der Tetralogie gibt es die Kneipen-, Kellner-, Sauf- und Treppenwitze, die Arztwitze, die Freitod- und Hinrichtungswitze (auch die Kreuzigung des Heilands war ja eine konventionelle Hinrichtung nach einem nicht ganz fairen, aber konformen Gerichtsverfahren), und bei Gelegenheit wird auch auf zünftige Gesangseinlagen nicht verzichtet.

Das scheinbar Beiläufige und die betonte Kargheit dieser beige-grauen Orte sollen aber nicht über den ausufernden, um nicht zu sagen irrsinnigen Luxus hinwegtäuschen, den diese Settings im Grunde darstellen. Die beige-graue Trostlosigkeit ist Effekt eines gewaltigen malerischen Unterfangens. So beginnt der Film mit der Aufnahme eines Liebespaars, das miteinander zum Soundtrack von Vincenzo Bellinis »Norma« über den Wolken schwebt, einige Eisoden später sieht man das Paar über der Totalen des nach Bombenangriffen zerstörten Köln schweben. Selbstverständlich ist auch das ausgebrannte Köln im Studio aufwendig als Modell nachgebaut worden. Luxus der alten Schule für eine Momentaufnahme von der Ewigkeit.

Diese Art Luxus verlangsamt Anderssons Filme und ihre Herstellung noch zusätzlich. Von Herbst zu Herbst hat es nun auch gedauert, bis dieser Film vom Festival in Venedig in hiesige Kinos gekommen ist, was natürlich noch andere Gründe hat als die üblichen verleihtechnischen Verzögerungen. Die Quarantäne hat mehr als nur Filme auf die Wartebank geschoben.

Bänke – die Parkbank, Wartebänke in Bahnhöfen, die Bettbank im Studierzimmer, die braune Lederbank in einer Champagnerbar, die Bierbank im Ausflugslokal, die Bankreihen in der Kirche für die auf den Vollzug der Messe Wartenden, während sich der vom Glauben abgefallene Priester erst mal den Messwein hinter die Binde kippt –, Bänke also sind ein zentrales visuelles Leitmotiv, das die Episoden von »Über die Unendlichkeit« verbindet. Man wartet. Manchmal wird man abgeholt, manchmal nicht.

Verknüpfungen werden aber auch durch die Stimme einer Erzählerin hergestellt, die vor Beginn einer jeden Episode Kunde gibt, was vorgefallen sein mag: »Ich habe eine Frau gesehen, die Probleme mit ihrem Schuh hatte.« Und einer Frau mit Kinderwagen bricht der Absatz ihres Schuhs in einer Bahnhofshalle ab, während ein Zeitung lesender Wartender auf einer Bank sich davon immerhin ein wenig ablenken lässt.

Die Forderung nach Aufmerksamkeit entspricht der Art der alten Schnurrenspinner, Propheten und Visionäre, die nur allzu gerne berichten, was sie in der abgeschlossenen Vergangenheit Wundersames gesehen zu haben vorgeben: »Ich habe dich mit den Ohren gehöret, und mein Auge siehet dich auch nun.« (Hiob, 42:5); »Ein Mädchen mit einer Zither / Sah ich einst in einer Vision« (Coleridge, »Kubla Khan«) usw.

Die Aufzählung ist eine elementare Technik und mithin ein Dauerbenner gerade der Alterswerke, so wie die Blasphemie oder der Bericht, was es im Krieg (in der Ehe, in der Kirche, in der Kneipe) alles zu sehen gab.

»Über die Unendlichkeit«, Regie: Roy Andersson, Schweden/BRD/Norwegen 2019, 76 Minuten, bereits angelaufen

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