Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 22.09.2020, Seite 16 / Sport
Radsport

Den Helm schief im Nacken

Der spannende slowenische Zweikampf bei der Tour de France nährt Misstrauen
Von Janusz Berthold
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Eine weiße Weste ist es nicht, aber immerhin: Tadej Pogacar im Trikot als bester Jungprofi

Es ist tatsächlich geglückt. Die Tour de France wurde trotz Coronapandemie zu Ende gebracht. Am vergangenen Sonntag ging die 107. »Grande Boucle« traditionell auf den Champs-Élysées zu Ende. Mit dem Erreichen des Pariser Prachtboulevards war zum »Grand Départ« in Nizza vor drei Wochen ganz sicher nicht zu rechnen gewesen. Bekanntlich kämpfen unsere westlichen Nachbarn momentan mit einer heftigen »zweiten Welle« der Pandemie. Jedoch wurden im eigentlichen Tourtross während der gesamten Rundfahrt lediglich vier Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet, was angesichts des in der Bevölkerung Frankreichs grassierenden Virus unglaublich erscheint. Es bleibt zu konstatieren, dass das Hygiene- und Sicherheitskonzept der Veranstalter ASO (Amaury Sport Organisation) und des Radsportweltverbandes UCI (Union Cycliste Internationale) funktioniert hat. Obwohl das Peloton durch Hochrisikogebiete rollte und die Zuschauer trotzdem an der Strecke des öfteren sämtliche Umsicht vermissen ließen, mündete die Tour am vergangenen Wochenende in einem denkwürdigen sportlichen Finale.

Was sollte schon passieren?

Im Verlauf der abschließenden Alpenwoche festigte der große Favorit und souveräne Träger des Gelben Trikots, der Slowene Primoz Roglic, seine Führung. Auf der 17. Etappe am vergangenen Mittwoch hinauf auf den 2.304 Meter hohen Col de la Loze schien es, als hätte er seinen Landsmann und ärgsten Widersacher Tadej Pogacar (UAE-Emirates) abgehängt. Die letzten fünf Kilometer mit bis zu 24 Prozent steilen Rampen auf das »Dach der Tour« waren für den erst 21jährigen Pogacar dann doch ein wenig zuviel. Im Ziel hatte er sich einen Gesamtrückstand von beinahe einer Minute eingehandelt. In Anbetracht der ausstehenden Streckenführung eine Vorentscheidung. Vor allem hinsichtlich Roglics individuellen Stärken in den Bergen und im Kampf gegen die Uhr sowie der ­Dominanz seines Teams Jumbo-Visma im gesamten Verlauf der ­Rundfahrt erschien ein Führungswechsel im Kampf um das Maillot Jaune ausgeschlossen. Obendrein galt Roglic beim abschließenden Bergzeitfahren über gut 36 Kilometer hinauf zur Planche des Belles Filles in den Vogesen als klarer Favorit. Was sollte da schon passieren? Dramatisches!

Bereits kurz nach dem Start in Lure zeigte Roglic erste kleine Schwächen. Er verlor Sekunde um Sekunde. Und das überraschenderweise bereits auf dem einleitenden Flachstück über gut 30 Kilometer. Beim Einstieg in die sechs Kilometer lange Zielrampe mit durchschnittlich 8,5 Prozent Steigung hatte sich der Vorsprung auf den jungen Pogacar schon merklich verringert. Beide Kontrahenten wechselten vom Zeitfahr- auf das normale Rennrad, eine übliche Praxis beim Kampf gegen die Uhr auf komplett unterschiedlichem Terrain. Bei Pogacar flutschte es, Roglic wirkte fahrig und konfus. Das schlug sich dann umgehend sichtbar negativ in seiner Leistung nieder. Der Gesamtführende fuhr einen hektischen Stil, schweißüberströmt ging er immer wieder aus dem Sattel, zerrte am Lenker, der aerodynamische Zeitfahrhelm war schief in den Nacken gerutscht. So fand er nie seinen Rhythmus. Diese Momente wurden zum Bild der Niederlage. Pogacar fuhr dagegen wie entfesselt, gewann ungefährdet die Etappe, nahm Roglic fast zwei Minuten und schlussendlich das Gelbe Trikot ab. Neben dem Gesamtsieg als zweitjüngster Fahrer aller Zeiten nach Henri Cornet 1904 gewann er folgerichtig auch die Wertung des besten Jungprofis (Weißes Trikot). Fast beiläufig sackte Pogacar noch die Bergwertung ein, das Gepunktete Trikot. Dies war in den 117 Jahren zuvor niemandem gelungen. Noch immer ungläubig genoss er während der abschließenden Etappe, der Tour d’Honneur nach Paris, die Ehrenbezeugungen des Pelotons.

Was mitschwingt

Bedauerlich ist das Misstrauen gegenüber seiner Leistung, welches deutlich mitschwingt. Genährt zum einen durch die Verwicklung des slowenischen Radsports in die Blutdopingaffäre um den Erfurter Sportmediziner Mark S., zum anderen durch den Fakt, dass zwischen 2009 und 2019 42 Prozent aller slowenischen Jungprofis wegen Dopings suspendiert wurden. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die sensationellen Erfolge des Tadej Pogacar wirklich seinem begnadeten Talent entspringen und nicht in den kommenden Jahren in den Geschichtsbüchern korrigiert werden müssen.

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