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Aus: Ausgabe vom 23.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Geschichte des SDS

So nah wie der gerade vergangene Tag

Nachahmung und Erweiterung erwünscht: Eine Website zu SDS und APO im Hamburg der späten 60er
Von Knut Mellenthin
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»Kurze, aber phantastische Zeit«: Nacht zum 13. April 1968 vor dem Springer-Verlag in Hamburg

Zwischen 1966 und 1969, kaum mehr als drei Jahre lang, spielte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) eine Hauptrolle in der damaligen BRD. Zur Kennzeichnung der Beteiligten ist der Begriff »68er« zur schlechten Angewohnheit geworden, obwohl die relevante Zäsur schon am 2. Juni 1967 stattfand. An diesem Tag tötete am Rande von Protesten gegen den Besuch des iranischen Schahs ein Polizeibeamter in einem Westberliner Hinterhof den Studenten Benno Ohnesorg durch einen Kopfschuss. Später wählte ein Kreis von Terroristen das Datum als Teil seines Namens.

Am 21. März 1970 beschloss eine nicht demokratisch legitimierte, in ihrer Zusammensetzung undurchschaubare »Bundesversammlung« des SDS »per Akklamation« die Auflösung der Organisation. Die Begründungen waren wirr und vermochten viele in der durch den SDS ausgelösten Massenbewegung nicht zu überzeugen. Vereinzelt wurde in Universitätsstädten unter dem Namen SDS noch eine Zeitlang weitergearbeitet.

Rund 50 Jahre später haben nun 25 Hamburger Altgenossinnen und -genossen aus dem SDS und der von ihm maßgeblich beeinflussten außerparlamentarischen Opposition (APO) in kollektiver Fleißarbeit jede Menge Material über jene kurze, aber phantastische Zeit produziert und ins Netz gestellt. Organisiert hat das Ganze hauptsächlich ein Redaktionsausschuss aus den damaligen Akteuren Arwed Milz, Ulli Lenze und Thomas Thielemann. Zugänglich ist der jetzt schon erstaunlich umfangreiche, aber als permanente Baustelle gedachte Internetauftritt unter der Adresse sds-apo68hh.de. Ähnliche Arbeitsergebnisse von SDS- und APO-Veteranen aus anderen Städten scheinen bis jetzt noch nicht vorzuliegen. Vielleicht und hoffentlich kann die Hamburger Website Nachahmer animieren.

Was wird geboten? Hauptsächlich besteht die übersichtlich, benutzerfreundlich und modern gestaltete Seite neben einer allgemeinen Einleitung aus einer fünfteilig gegliederten Chronologie, »Biographien«, »Beiträgen« und »Dokumenten«. Alles befindet sich noch im Aufbau. Zur Mitarbeit und Unterstützung – zum Beispiel durch Bereitstellung zeitgenössischen Materials – wird eingeladen und aufgefordert.

Die Chronologie verblüfft durch ihren Umfang und ihren Reichtum an Details. Ihr gingen bewundernswerte Recherchen voraus, aber sie könnte ein Redigat gebrauchen. Die Darstellung beginnt mit »Seminarmarxismus und Aufklärung« in den Jahren 1965/66 und führt im fünften Abschnitt »Fraktionierung und Transformation« über die formale Auflösung des Bundesverbandes hinaus bis zum Februar 1971. Zu dieser Zeit waren direkt aus den alten SDS-Zusammenhängen oder auch unabhängig von ihnen zahlreiche örtliche »Basisgruppen« und mehrere heftig konkurrierende Organisationen mit landesweitem Anspruch entstanden, die sich auf einen maoistisch beeinflussten »Marxismus-Leninismus« beriefen. Außerdem existierte seit dem 25. September 1968 die DKP, die sich ausdrücklich als »Neukonstituierung« der KPD verstand, an deren 1956 ausgesprochenem Verbot der westdeutsche Staat aus grundsätzlichen Erwägungen nicht rütteln lassen wollte. Damit war die Sonderstellung des SDS als der einzigen legalen sozialistischen Organisation in der BRD unwiderruflich dahin.

Die Website enthält bisher 19 individuelle Kurzbiographien von Genossinnen und Genossen des SDS und der APO im weiteren Sinn. Die Auswahl ist erkennbar zufällig und soll laufend ergänzt werden. Einige weitere Lebensabrisse sind für demnächst schon namentlich angekündigt.

Unter »Beiträge« sind zahlreiche aktuelle Texte von damals Aktiven zu Themen zu finden, die im Zusammenhang mit jener Zeit stehen, die nun schon ein halbes Jahrhundert hinter uns liegt und dennoch so nah ist »wie der gerade vergangene Tag«. Die Organisatorinnen und Organisatoren der Website ermuntern zu weiteren Beiträgen.

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