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Aus: Ausgabe vom 22.09.2020, Seite 7 / Ausland
Coronapandemie in Spanien

Feindbild Arme

Madrids Regierung riegelt Arbeiterviertel wegen Coronapandemie ab. Bewohner protestieren gegen diskriminierende Maßnahme
Von Carmela Negrete
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Am Sonntag protestierten die Anwohner des Arbeiterviertels Vallecas im Süden von Madrid gegen den Lockdown

Es ist sinnbildlich für die Situation in Spaniens Hauptstadt: Am Sonntag musste das Königliche Theater in Madrid eine Aufführung wegen Protesten der Zuschauer in den oberen Reihen abbrechen. Sie sollten zu nahe beieinander sitzen. Die oberen Plätze sind die günstigsten, auf den unteren, teuren war das Einhalten des Sicherheitsabstands möglich. Zeitgleich demonstrierten auf den Straßen Tausende Bewohner der marginalisierten Arbeiterviertel den dritten Tag in Folge unter dem Motto »Für die Würde des Südens legen wir Madrid lahm«.

Am Freitag abend hatte die Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso von der postfranquistischen Volkspartei (PP) rigorose Beschränkungen für mehrere Viertel vor allem im Süden der Hauptstadt verkündet, mit denen die weitere Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden soll. Seit Montag sind diese in Kraft. Sie betreffen mehr als 850.000 Bewohner von als arm und migrantisch geltenden Vierteln, in denen die Anzahl aktiver Coronafälle derzeit besonders hoch ist.

Die Demonstranten, die sich bereits direkt nach der Ankündigung der neuen Auflagen versammelt hatten, kritisieren die Maßnahmen als »diskriminierend« und »rassistisch«. »Wir sind Arbeiter, keine Gefangenen«, wandten sie sich gegen das Verbot, als Bewohner einer der insgesamt 37 betroffenen Zonen diese ohne Passierschein für die Arbeit zu verlassen. Auf die Straße gehen darf von nun an nur noch, wer zum Arbeitsplatz, zum Arzt, zur Apotheke oder zur Schule muss. Treffen von mehr als sechs Menschen sind verboten.

Statt der Maßnahmen, die zunächst für die kommenden 14 Tage gelten und deren Einhaltung von rund 200 Polizisten kontrolliert werden soll, forderten die Protestierenden am Wochenende »weniger Polizei und mehr medizinisches Personal«. Zudem kritisierten sie die Situation an den Schulen, in denen die Klassen wegen Lehrermangels überfüllt sind. Für den öffentlichen Nahverkehr, auf den gerade die armen Bewohner Madrids täglich angewiesen ist, forderten sie eine regelmäßigere Taktung.

Die Situation in Madrid ist besorgniserregend. Ein Drittel aller wegen Covid-19 in Spanien stationär behandelten Patienten liegt derzeit in den Krankenhäusern der Hauptstadt. Am Sonntag wurden im Land 4.697 Neuinfektionen registriert, davon allein 1.553 in Madrid, wo in den letzten sieben Tagen 144 Personen mit dem Coronavirus starben. Im Vergleich zum Frühjahr, als die Pandemie in Spanien ihren ersten Höhepunkt erlebt hatte, sterben derzeit weniger Menschen mit Covid-19. Das liegt einerseits daran, dass sich insbesondere Jüngere anstecken. Zudem haben sich die Behandlungsmöglichkeiten mittlerweile deutlich verbessert.

Am Montag traf sich Ministerpräsident Pedro Sánchez von den Sozialdemokraten des PSOE mit Regionalpräsidentin Ayuso, wobei der Premier die neue Strategie der Zentralregierung angesichts der steigenden Fallzahlen erläuterte. Statt wie im Frühjahr den Gesundheitsnotstand auszurufen, solle auf eine engere Kooperation mit und mehr Selbstbestimmung der einzelnen Regionen gesetzt werden. Auf die soziale Katastrophe, die die Coronapandemie für große Teile der Bevölkerung bedeutet, ging Sánchez hingegen nicht ein. Dazu passt, dass auch das vor drei Monaten als zentrale Hilfe für die Bedürftigsten eingeführte sogenannte Grundeinkommen schlicht nicht funktioniert. Von den rund 900.000 eingegangenen Anträgen sind bislang lediglich 86.000 bewilligt worden. Das liegt insbesondere an der Verwaltung, die wegen Personalmangels bisher nicht in der Lage war, die Anträge zu bearbeiten. In den Armenvierteln von Madrid warten nun viele eingesperrt auf ihr Geld aus dem »Grundeinkommen«.

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