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Aus: Ausgabe vom 22.09.2020, Seite 5 / Inland
Bahnpolitik in der BRD

Scheuer kupfert ab

Verkehrsminister stellt Konzept für transeuropäische Eisenbahn vor. Fahrgastverbände zeigen sich erfreut und vermuten »Plagiat«
Von Ralf Wurzbacher
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Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Fahrgastverbände entdecken offenbar ihre konzeptionelle Nähe (Berlin, 21.9.2020)

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer treibt die Schaffung eines kontinentalen Eisenbahnnetzes voran. Entsprechende Planspiele präsentierte der CSU-Politiker am Montag bei einem virtuellen Schienengipfel unter Beteiligung seiner EU-Amtskollegen, von Vertretern der EU-Kommission und Bahngesellschaften. Im Zentrum der Überlegungen steht die Wiederbelebung des vor über 30 Jahren eingestellten Trans-Europ-Expresses (TEE), der von 1957 bis 1987 zwischen den Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) sowie Österreich und der Schweiz verkehrt hatte. Nach diesem Muster sollen künftig zahlreiche Metro­polen über »schnelle durchgehende Verbindungen« mittels Hochgeschwindigkeits- und Nachtzügen angefahren werden. Bahn- und Fahrgastverbände begrüßen den Vorstoß.

Scheuer will das Konzept im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft aufs Gleis setzen und warb gestern für ein entsprechendes EU-Förderprogramm. Gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe hatte der Minister am Wochenende das Vorhaben skizziert: »Nach dem Vorbild des Deutschland-Takts wollen wir einen Europa-Takt etablieren – die Menschen sollen mit der Bahn besser durch Europa kommen«. Notwendig seien Züge, die komfortabel ausgestattet und grenzüberschreitend einsetzbar sind. Außerdem sei der Aufbau einer digitalen Plattform erforderlich, über welche die europäischen Verbindungen gebucht werden können. »Wir wollen möglichst viele Bahnunternehmen in der Europäischen Union von unserem TEE-Konzept überzeugen, damit bis Ende des Jahres eine Absichtserklärung unterzeichnet werden kann.« Fertig sein soll das Netz nach den Vorstellungen des Verkehrsministers »bis 2025«.

Erfreut ob der Ankündigungen äußerte sich Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband »Pro Bahn«. »Das ist eine gute Sache, aber eben auch zwingend nötig und allerhöchste Zeit angesichts der Herausforderungen durch den Klimawandel«, sagte er am Montag im jW-Gespräch. »Will man den Verkehr von der Straße und aus der Luft auf die Schiene verlagern, dann kann mit dem Deutschland-Takt nicht an der nächsten Staatsgrenze Schluss sein.« Jetzt müsse es darum gehen, im Detail zu planen, welche Routen bedient werden sollen, und sicherzustellen, dass sowohl der Tag- als auch der Nachtverkehr im erforderlichen Umfang ausgebaut werden.

Ein denkbar schlechtes Vorbild gibt dafür ausgerechnet die Deutsche Bahn (DB) ab. Der Staatskonzern hatte zum Jahresanfang 2016 seine Zuggattung »City Night Line« mit klassischen Schlaf- und Liegewagen komplett abgeschafft und verkehrt bei Nacht seither nur noch mit normalen ICE-Sitzwagen. Wollte man künftig am Stück etwa von Prag nach Lissabon reisen, wäre ein Bett gewiss ein Verkaufsargument. Als Beispiel der kommenden »Reisefreiheit« nannte Scheuer eine Verbindung von Paris über Brüssel, Köln und Berlin nach Warschau: »Ein Zug, der um 9 Uhr in Paris startet, könnte um 12.15 Uhr in Köln, um 16.45 Uhr in Berlin und um 22.15 Uhr in Warschau sein.«

Joachim Holstein vom europäischen Netzwerk »Back on Track« hält es für »extrem bemerkenswert, dass über die Anschaffung eines europäischen Wagenparks und die konkrete Förderung von Nachtzügen nachgedacht wird«. Das spare Produktionskosten und garantiere die Kompatibilität von Fahrzeugen und Gleisanlagen, sagte er am Montag zu jW. Auch andere von Scheuers Vorschlägen klängen so, als hätte er sie aus Positionspapieren von »Bahn für alle« oder »Back on Track« abgeschrieben. Das Konzept soll laut Holstein wohl nicht von Scheuer, sondern vom Chef der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF, Jean-Pierre Farandou, stammen. Die Handschrift des CSU-Manns tritt an manchen Stellen trotzdem hervor, etwa da, wo es um den Ausbau von »Stuttgart 21« geht. »Das ist der größte Schwachsinn, den man machen kann«, beklagte Holstein. »Gezielte Ausbaumaßnahmen an Engstellen und bei bisherigen Lücken sind allemal besser als über zehn Milliarden Euro im Stuttgarter Untergrund zu versenken«.

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Debatte

  • Beitrag von Reinhard L. aus . (22. September 2020 um 13:35 Uhr)
    Der Autor kann sich erkennbar nicht ganz entscheiden, ob er Scheuers Konzept nun gut oder schlecht finden soll. Ich würde es vor dem Hintergrund der Bahn-Politik der vergangenen Jahre mal für die Sprechblasenabsonderung halten, für die Scheuer seit Jahren bekannt ist und mit der er aktuell mal wieder positiv ins Gespräch kommen will, nachdem er mit seinen Mautplänen ja eher ein peinliches Bild abgibt.

    2025 ist ein absolut unrealistischer Zeitplan. Davor stehen unterschiedliche Stromsysteme in Europa, auch unterschiedliche Lichtraumprofile (das Maß dafür, wie Züge z. B. durch existierende Tunnel kommen) müssten vereinheitlicht werden. Dazu kommt eine massive Knappheit an auslandskompatiblem rollendem Material. In der ICE-Verbindung von Frankfurt am Main nach Brüssel ist es fast schon Standard, dass die Leute in Aachen oder Düren umsteigen müssen, weil die in Belgien zugelassenen ICEs so knapp sind, dass sie nicht auf den innerdeutschen Anschlussstrecken »nutzlos« durch die Gegend fahren sollen.

    Für die von Scheuer zitierte Verbindung von Paris über Köln nach Warschau wäre nach aktuellem Stand allein der »Thalys« kompatibel (Polen hat dieselbe Stromspannung von 3.000 V Gleichstrom wie Belgien), der von einer gemeinsamen Tochtergesellschaft der französischen, belgischen und niederländische Bahn betreiben wird, die Bahncard nicht anerkennt, unbequem und schweineteuer ist. D. h. das von Scheuer anvisierte Geschäft würde eher nicht die Deutsche Bahn machen: Deren im Verkehr zwischen Süddeutschland und Paris eingesetzte ICE-Züge könnten auf dieser Route nicht fahren, weil sie auf 15 bzw 25 kV Wechselstrom eingestellt sind, also nur von Paris über Frankfurt am Main bis Frankfurt (Oder) fahren könnten. Nicht aber über Köln, wozu sie durch die belgisch-polnische Gleichstromzone müssten. Da hat der Minister also offenkundig nicht recherchiert, bevor er geredet hat.
  • Beitrag von Reinhard L. aus . (22. September 2020 um 13:39 Uhr)
    Der Autor kann sich erkennbar nicht ganz entscheiden, ob er Scheuers Konzept nun gut oder schlecht finden soll. Ich würde es vor dem Hintergrund der Bahn-Politik der vergangenen Jahre mal für die Sprechblasenabsonderung halten, für die Scheuer seit Jahren bekannt ist und mit der er aktuell mal wieder positiv ins Gespräch kommen will, nachdem er mit seinen Mautplänen ja eher ein peinliches Bild abgibt.

    2025 ist ein absolut unrealistischer Zeitplan. Davor stehen unterschiedliche Stromsysteme in Europa, auch unterschiedliche Lichtraumprofile (das Maß dafür, wie Züge z. B. durch existierende Tunnel kommen) müssten vereinheitlicht werden. Dazu kommt eine massive Knappheit an auslandskompatiblem rollendem Material. In der ICE-Verbindung von Frankfurt am Main nach Brüssel ist es fast schon Standard, dass die Leute in Aachen oder Düren umsteigen müssen, weil die in Belgien zugelassenen ICEs so knapp sind, dass sie nicht auf den innerdeutschen Anschlussstrecken »nutzlos« durch die Gegend fahren sollen. Für die von Scheuer zitierte Verbindung von Paris über Köln nach Warschau wäre nach aktuellem Stand allein der »Thalys« kompatibel (Polen hat dieselbe Stromspannung von 3.000 V Gleichstrom wie Belgien), d. h. das Geschäft würde eher nicht die Deutsche Bahn machen: Deren im Verkehr zwischen Süddeutschland und Paris eingesetzte Züge könnten auf dieser Route nicht fahren, weil sie auf 15 bzw. 25 kV Wechselstrom eingestellt sind, also nur von Paris über Frankfurt am Main bis Frankfurt (Oder) fahren könnten. Also: schön wär’s, aber mit vielen teuren Investitionen verbunden. Daher wohl in der Praxis eher unwahrscheinlich.

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