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Sexuelle Gewalt

Von Helmut Höge
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Nach dem Krieg hatten es Frauen zunächst schwer, sich gegen sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu wehren. Gingen sie zur Polizei, hieß es nicht selten: »Da müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie so aufreizend herumlaufen« (etwa im Minirock). Wenn sie bei ihrer Anzeige blieben, versuchten die Richter, sie zu verunsichern, und die Anwälte des angeklagten Mannes, sie »in die Zange« zu nehmen, um ihren Lebenswandel herabzusetzen.

Aber ausgehend von den USA, hat sich seit 2017 mit der »#MeToo«-Bewegung weltweit etwas verändert. Auslöser war der Fall des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, den über hundert Filmschauspielerinnen beschuldigten, er habe sie zu Rollenbesprechungen eingeladen und dann sexuell bedrängt. Dieses Jahr wurde er in New York wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt. Ähnliche Fälle folgten: Von den Fox News-Größen Bill O’Reilly und Roger Ailes bis zum R-’n’-B-Sänger R. Kelly. Noch übertroffen wurden sie durch den US-Investor und Scheinfinanzberaters Jeffrey Epstein, der an die hundert Minderjährige sexuell ausgebeutet und dazu Reiche und Prominente eingeladen hatte.

Auch in Europa werden Vergewaltigernetzwerke seit »#MeToo« noch einmal neu und gründlicher aufgerollt. Wobei es scheint, dass hier die Täter nicht so reich sind wie in den USA und deswegen ihre Opfer lieber ermorden lassen, als ihnen Schweigegeld zu zahlen. Bekanntestes Beispiel: Bis in die 1990er Jahren tötete der belgische Pädophile Marc Dutroux mindestens fünf junge Mädchen und hat eventuell noch viel mehr getötet. Nach seiner Verhaftung im Jahr 1996 behaupteten Dutroux und seine Anwälte, dass er minderjährige Mädchen an wohlhabende Kunden vermittelt habe. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass er kein Einzeltäter war. Neben diesen prominenten Fällen fliegen in Europa auch noch regelmäßig ganze Netzwerke von Männern auf, die Kinderpornographie produzieren, konsumieren und tauschen.

Vor Gericht und von der Presse werden Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, inzwischen ernster genommen. Daneben gibt es nun aber auch ein neues Genre, das 2020 mit zwei wichtigen Büchern von Frauen begann. Sie leiten vielleicht einen »Abschied von der Opferrolle« ein, wie die Schweizer Psychologin Verena Kast ihn schon 2003 gefordert hatte. Zum einen die biographische Erzählung »Die Einwilligung« der französischen Verlegerin Vanessa Springora. Sie schildert, wie sie als 14jähriges Mädchen von dem 50jährigen Schriftsteller Gabriel Matzneff dazu verführt wurde, seine Liebhaberin zu werden. Zum anderen der Roman »Meine dunkle Vanessa« der US-Autorin Kate Elizabeth Russell, der davon handelt, wie die 15jährige Protagonistin mit ihrem Englischlehrer schläft. Die reale und die fiktive Vanessa wehren sich dagegen, bloß jugendliches »Opfer« eines sehr viel älteren Mannes geworden zu sein. Sie bestehen auf ihrer teilweisen Zustimmung und ihrer Lust, die diese ungleiche Beziehung für sie ausmachte.

Die fiktive Vanessa liest Nabokovs Roman »Lolita«, der das Bild eines ­sexuell frühreifen, verführerischen Mädchens popularisierte – und vergleicht sich damit. Springora betont hingegen, dass Nabokov mit seiner Hauptfigur Humbert Humbert einen Täter zeichnet, der Lolita vergewaltigt. Und schreibt über die Tragweite ihrer Zustimmung: »Um wählen, um nein sagen zu können, muss man frei sein. Aber kann man das mit 14? […] Ich glaube nicht. Deshalb würde ich sagten: Meine Einwilligung war nichts ›wert‹, sie war nicht aufgeklärt.«

Der heute 84jährige Matzneff, der sich als frommer orthodoxer Christ versteht und jahrzehntelang seine Vorliebe für Sex mit Minderjährigen literarisch zelebrierte und öffentlich verteidigte, fühlt sich derweil »wie in der Sowjetunion«, man wolle ihn »im Gulag« sehen. Seine Taten bereue er, doch sei er sich keiner Verbrechen bewusst. Auch Matzneff schmückte sich lange mit hochrangigen politischen Freunden – aus allen Lagern. Laut Springora trug er immer einen lobenden Brief des Präsidenten (wohl François Mitterrand) bei sich.

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