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Aus: Ausgabe vom 21.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Landschaft in Pianissimo

Die unentdeckten Welten der Gegenwartsmusik: Ein Klavierabend mit Alfonso Gómez in Berlin
Von Berthold Seliger
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Schönstes Durcheinander: Alfonso Gómez spielt Johannes Schöllhorn

Wir leben in Zeiten, da der Schwerpunkt des Publikums wie der öffentlichen Förderung so stark wie nie zuvor auf der musealen Kultur liegt, also die Aufführung von Musik vergangener Zeiten in Konzertsälen oder Opernhäusern, während die Gegenwartsmusik jenseits von Pop und Rock eine Außenseiterrolle spielt. Denken wir beispielsweise an die Zeiten Mozarts oder Beethovens: Seinerzeit wurde praktisch ausschließlich »neue«, also aktuelle Musik aufgeführt. Auf dem Programm des Konzerts etwa, das Beethoven am 22. Dezember 1808 im Theater an der Wien auf eigene Kosten (!) ansetzte, standen die Uraufführungen seiner fünften und sechsten Sinfonie, das 4. Klavierkonzert, zwei Stücke aus der C-Dur-Messe sowie eine italienische Gesangsszene, eine Phantasie für Klavier und die Chorphantasie – ein extrem forderndes, etwa vierstündiges Programm mit ausnahmslos aktueller, zeitgenössischer Musik. Heute erleben wir in aller Regel das Gegenteil – das Konzertwesen besteht aus der Pflege alter Musik, und aktuelle Werke muss man mit der Lupe suchen. Es wäre bei Gelegenheit einmal in Ruhe darüber nachzudenken, was dieses Ungleichgewicht für unsere Gesellschaft bedeutet …

Um so mehr muss man die verdienstvolle Reihe »Unerhörte Musik« preisen (und den Berliner Kultursenat loben, der diese Reihe wesentlich finanziert): Seit 1989 sind im BKA-Theater-Saal in Kreuzberg jeden Dienstag erlesene Programme mit Musik des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts zu erleben, die Ticketpreise sind sehr günstig, und die aufgeführten Werke werden ausführlich erläutert und teilweise von den Musikerinnen und Musikern selbst eingeführt. Musik von Zeitgenossen für Zeitgenossen!

Zum Beispiel letzten Dienstag: Der spanisch-deutsche Pianist Alfonso Gómez spielte einen anspruchsvollen Klavierabend mit zwei deutschen Erstaufführungen und sogar einer Uraufführung: »Fort, zu« für Klavier und Elektronik von Martin Bergande erlebte die Weltpremiere. In dem Stück geht es um Bewegungen und Bewegung, um »Fortschreibungen und Zuspielungen«, wie der Komponist erläutert, der im Anschluss an das Konzert auch berichtet, an diesem Stück weiterzuarbeiten, es wird also weiterbewegt und fortgeschrieben werden. »Fort, zu« besteht aus assoziativ wirkenden Floskeln, die erweitert, umgebaut und transformiert werden. Orgelartige Töne werden elektronisch zugespielt, während der Pianist in den Höhen des Klaviers Suchbewegungen ausführt. Eine mal spielerische, mal bohrend-fragende, faszinierende Musik, die abrupt endet.

Das bereits 1991 entstandene »Perduto in una città d’acque« (»Verloren in einer Stadt des Wassers«) von Salvatore Sciarrino basiert auf Luigi Nonos Klassiker »… sofferte onde serene …« für Klavier und Tonband. Beide Kompositionen erzählen und spiegeln die Stadt Venedig, Sciarrinos Komposition allerdings in einer in sich versunkenen, phantasmagorischen, geradezu verlorenen Art und Weise. Aus einer neblig verschwommenen Landschaft entstehen einzelne Töne, fast ausschließlich im Pianissimo.

Einer der Höhepunkte des Klavierabends war die deutsche Erstaufführung von Gabriel Erkorekas »Ballade n. 2 – Edgar Varèse in memoriam« (2019), die zweite von vier Balladen, die sich auf jene von Chopin und Brahms beziehen, aber doch ganz andere Welten aufbrechen lassen. Aufführungen der Werke von Varèse, für Frank Zappa »das Idol meiner Jugend«, sorgten immer wieder für veritable Skandale. Seine »Amériques« wurden 1926 von der New York Times als »durch und durch falsch«, sein »Arcana« im Jahr darauf von einem Kritiker als »Tonferkelei« bezeichnet. Varèse war dem Bürgertum nicht nur als Komponist, sondern erst recht als Klassengegner verhasst, der kommunistische Arbeiterchöre dirigierte und mit Lenin und Trotzki bekannt war. Erkoreka zitiert in seiner Ballade Melodien und rhythmische Elemente aus Varèses »Octandre« und den »Amériques«, und sie enthält sogar einen kleinen perkussiven Teil. Man könnte sagen, dass Erkoreka hier einen Diskurs mit dem Material Varèses führt, dies jedoch aufbricht und überwindet. Die Ballade zeichnet sich durch große kompositorische Freiheit aus; gleichzeitig ist sie ein unmittelbar begeisterndes Solistenstück, vom Pianisten Gómez virtuos dargeboten. Von Johannes Schöllhorn kam ein Spiel mit der kompositorischen »Optik« zur Aufführung, der »Canon per augmentationem in contrario motu 2« (2006), der Sätze aus der »Kunst der Fuge« spiegelt und verwandelt, mit schönstem rhythmischem und harmonischem Durcheinander. Außerdem spielte Gómez Werke von Mark Andre, der in Berlin gerade auch beim Musikfest gefeierten Rebecca Saunders und die spannende deutsche Erstaufführung von »Petrikhor« des baskischen Komponisten Ramon Lazkano.

Ein großartiger Klavierabend, der nachdrücklich zeigte, wie faszinierend Gegenwartsmusik sein kann, nämlich nicht nur »unerhörte«, sondern »unerhört großartige« Musik! Und das Beste: Man kann das Konzert jederzeit auf Youtube nachhören.

Konzertmitschnitt abrufbar unter https://kurzelinks.de/AlfonsoGomez (beginnt ab ca. min. 19:30)

Nächste Konzerte in der Reihe »Unerhörte Musik«: 22.9. Sonya Suldina/Violine, »Irgendwo in der Zauberwelt«; 29.9. Jan Gerdes/Klavier, »Colour Me In«; 6.10. Ulrike Brand & Joachim Heintz, »Geografische Melancholie«

unerhoerte-musik.de

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