Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Oktober / 1. November 2020, Nr. 255
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Aus: Ausgabe vom 22.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Die entfremdete Nonne

Pop-Art, kritisch gewendet: Eine Ausstellung in Innsbruck erinnert an die Künstlerin und Aktivistin Corita Kent
Von Florian Neuner
10.jpg
Corita Kent: »American Sampler« 1969

Im Dezember 1967 zeigte das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek auf dem Titel eine Nonne im Habit. Im Hintergrund: Druckgraphik im Stil der Pop-Art, dazu die Zeile: »Die Nonne auf dem Weg in die Moderne«. Die katholische Kirche mochte der abgebildeten »Sister Corita« von den Schwestern der Immaculate Heart of Mary in Los Angeles, Leiterin der Kunstabteilung des Immaculate Heart College, auf diesem Pfad allerdings nur bedingt folgen. Ihr Weg in die Moderne entfremdete die Nonne, die sich für die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils einsetzte, von der Kirche. Ein Jahr nach dem Newsweek-Titel verließ Corita Kent nach 30 Jahren den Orden und setzte ihre künstlerische Arbeit, die untrennbar mit ihrem politischen Engagement verknüpft war, bis zu ihrem Krebstod im Jahr 1986 außerhalb der Klostermauern fort. Eine Innsbrucker Ausstellung erinnert jetzt nicht nur an die originelle, noch immer kraftvolle Kunst Kents, sondern behandelt auch den Kontext der politischen Kämpfe in den USA mit.

1962 hatte die Künstlerin, damals noch Schwester Corita, Andy Warhols Suppendosen in einer Galerie in Los Angeles gesehen. Auch wenn der Einfluss der Pop-Art in der Bildsprache und Ästhetik ihrer Arbeiten unübersehbar ist, unterscheidet sich Kents Kunst doch fundamental von dem Werk des Künstlers aus New York. Während Warhol die kapitalistische Warenästhetik und Massenproduktion durch Affirmation gleichsam übersteigert – ob das zu einem subversiven Kippeffekt führt, kann man diskutieren –, setzt die Ordensschwester sich kritisch mit den Zeichen der Werbung und Popkultur auseinander und ihre eigene Sprache dagegen. Schon seit den 50er Jahren hatte sie im Siebdruck ihr Medium gefunden – eine »demokratische« Kunstform, die eine kostengünstige Distribution ermöglichte. Abgehobene Kunst war ihre Sache nicht, die Grenzen zur Gebrauchsgraphik waren fließend; sie war sich nicht zu schade, Layout-Aufträge zu übernehmen. Sie stellte ihre Fähigkeiten der Kirche zur Verfügung, um die erhoffte Modernisierung mit einer neuen Ästhetik zu flankieren. In den 60er Jahren fand Kent nicht nur zu ihren eigenen, von der Pop-Art inspirierten Ausdrucksformen, sie machte auch eine Politisierung durch – Stichwort Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung, Vietnam und Martin Luther King. In der von Nina Tabassomi kuratierten Werkschau wird dieser Kontext anhand von zeitgenössischen Dokumenten mitbehandelt.

Schwester Corita entwendet Bilder und Texte aus Werbung und Massenmedien und konterkariert sie mit ihrer eigenen Handschrift. Gegen die medialen Zeichen werden Zitate von Dichtern wie E. E. Cummings oder Walt Whitman mobilisiert, aber auch theoretische Texte und zunehmend politisch-programmatische Aussagen. Die Kunst Kents ist untrennbar verknüpft mit ihrem politischen Aktivismus: »Stop the Bombing«, heißt es da etwa unmissverständlich in großen Lettern auf einer Serigraphie, auf der sie handschriftlich das gleichnamige Antikriegsgedicht von Gerald Huckaby zitiert. Sensibel und entlarvend ist nicht nur Kents Umgang mit den Bildwelten der hegemonialen Medien. Ebenso konsequent rückt sie der Sprache der Herrschenden zu Leibe und nimmt so auch eine avancierte Position ein, was die Sprachbehandlung in der bildenden Kunst betrifft – vor einem halben Jahrhundert noch ein wenig erforschtes Terrain. In einem Druck mit dem Titel »American Sampler« aus dem Jahr 1969 etwa, der auch auf den Plakaten der Innsbrucker Ausstellung zu sehen ist, sind – in Rot, Weiß und Blau, den Farben der US-Flagge – Worte wie »Assassination«, »Violence«, »Vietnam« und »American« in Zeilen übereinandergeschichtet. Durch farbige Hervorhebungen stößt Kent die Betrachter darauf, dass in dem Wort »Assassination« (Attentat, Mord) auch »Sin« (Sünde) enthalten ist und dass sich aus »American« die trotzige Selbstermächtigung »I can« herauslesen lässt – ein Spiel mit Zeichen, das nie in platten Agitprop kippt, mit dem uns aber dennoch eine Künstlerin gegenübertritt, deren Parteilichkeit nicht in Frage steht, ebensowenig wie ihr christlicher Hintergrund. Das wird auch deutlich, wenn sie Martin Luther King neben dem beschnittenen Schriftzug des Safeway-Handelskonzerns zitiert: »Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.«

»Corita Kent: Joyful Revolutionary«, bis zum 11. Oktober im Taxispalais Kunsthalle Tirol

Unverzichtbar!

»Zusammen mit der jährlichen Rosa-Luxemburg-Konferenz bietet die junge Welt für uns die perfekte Grundlage, um unsere gewerkschaftliche Arbeit kapitalismuskritisch und antifaschistisch auszurichten.« – DGB-Jugend Ulm

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • Dramatisch in Szene gesetzt, mit knallharten Aussagen: George Gr...
    27.11.2018

    Sanfter Biss

    Und ein Sinn fürs Dralle. Die Ausstellung »George Grosz in Berlin« im Berliner Bröhan-Museum zeigt auch unbekannte Seiten des Hitler-Kritikers
  • Carmen Herreras Werke »Equation« (l) und »Quartet« in der Kunsts...
    26.01.2018

    Gefährliches Grün

    Erste, dafür große Erfolge mit fast 90: Die Kunstsammlung NRW zeigt Bilder aus 70 Schaffensjahren der New Yorker Künstlerin Carmen Herrera
  • »Nazis Murder Jews« – Porträt einer antifaschistischen Demonstra...
    21.12.2017

    Fast schon kühle Genauigkeit

    Immer noch zu entdecken: die realistische Porträtkunst von Alice Neel, die in Hamburg und Berlin ausgestellt wird

Regio:

Mehr aus: Feuilleton